"Krankheit besser verstehen lernen"

Interview |
  • "Derzeit entstehen etwa zehn Prozent der Kosten im Gesundheitssystem 
durch Arzneimittel und nur zwei Prozent durch Diagnostika. Ich bin 
überzeugt, dass sich dieses Verhältnis in den nächsten Jahren verändern 
wird", so CEO Severin Schwan.
    foto: roche

    "Derzeit entstehen etwa zehn Prozent der Kosten im Gesundheitssystem durch Arzneimittel und nur zwei Prozent durch Diagnostika. Ich bin überzeugt, dass sich dieses Verhältnis in den nächsten Jahren verändern wird", so CEO Severin Schwan.

Medizin wird sich grundlegend verändern, sagt Severin Schwan, CEO des Pharmakonzerns Roche. Karin Pollack erklärte er, was Diagnostik damit zu tun hat

STANDARD: Seit ein paar Jahren wird, wenn es um Innovationen bei Medikamenten geht, immer nur von personalisierter Medizin gesprochen. Inwieweit ist diese Strategie schon Realität?

Severin Schwan: Zielgerichtete Therapien gibt es bereits heute bei Brust- und Hautkrebs. Wir haben aber auch neue Wirkstoffen in unserer Produkt-Pipeline, vor allem in der Krebsbehandlung. "Targeted therapies" werden aber auch außerhalb der Onkologie eine zunehmende Rolle spielen. Ich denke, dass die enge Verknüpfung von Diagnostik und Therapie zentral ist. Nur jene Patienten, die erwiesenermaßen von einer Therapie profitieren, sollten sie bekommen. Allen anderen kann man die Strapazen einer Therapie ersparen.

STANDARD: Seit der Entschlüsselung des Genoms wissen wir, wie komplex die Entstehung von Krankheiten sein kann. Wie wird die Forschung dieser Herausforderung gerecht?

Schwan: Es kommt eigentlich weniger darauf an, den gesamten Mechanismus des menschlichen Lebens zu begreifen als vielmehr darauf, zu verstehen, was passiert, wenn bestimmte Mechanismen aus dem Ruder laufen. Wir werden deshalb unser Verständnis von Krankheit neu definieren müssen - ähnlich wie im 19. Jahrhundert, als das Mikroskop erfunden wurde und den Blick auf den Menschen veränderte. Es geht nicht mehr um abnormale Gewebearten an sich, sondern um die molekularbiologischen Mechanismen, die diese Gewebe entarten lassen. Wir kennen bereits eine ganze Reihe von Faktoren, arbeiten uns Schritt für Schritt weiter. Die Idee ist, krankmachende Funktionen auszuschalten, eine nach der anderen.

STANDARD: Woran genau orientiert man sich?

Schwan: Rein an der Forschung, die Wissenschafter geben die Richtung vor. Wir kooperieren intensiv mit Universitäten und Biotech-Unternehmen. Ein Alleinstellungsmerkmal in der gesamten Branche ist unsere enge Verbindung zu Roche Diagnostics. Der gesamte Pharma Markt wird immer mehr auf die Diagnostik angewiesen sein. Nur mit entsprechenden Tests im Vorfeld kann auch tatsächlich zielgerichtet behandelt werden.

STANDARD: Was bedeutet das fürs Gesundheitssystem?

Schwan: Es wird zu Verschiebungen kommen. Derzeit entstehen etwa zehn Prozent der Kosten im Gesundheitssystem durch Arzneimittel und nur zwei Prozent durch Diagnostika. Ich bin überzeugt, dass sich dieses Verhältnis in den nächsten Jahren verändern wird. Prävention ist das große Thema. Gesundheitsökonomisch ist es ja wesentlich klüger in Vorsorge zu investieren als ausschließlich Reparaturmedizin zu betreiben. Das erkennen die Akteure im System, auch die Krankenkassen. Prävention als Vermeidung von Krankheit ist ein Trend in der Medizin. Diagnostik wird eine Schlüsselrolle spielen.

STANDARD: Die Entwicklung eines Medikaments kostet eine Milliarde Euro, wie viel ein Test?

Schwan: Hier gilt es zwei Dinge zu unterscheiden. Zum einen geht es um eine technische Plattform, auf der zukünftige Tests laufen sollen. Deren Entwicklung bewegt sich im dreistelligen Millionenbetrag. Auf solchen Maschinen können dann aber über hundert unterschiedliche Tests abgewickelt werden. Zum anderen muss der jeweilige Test an sich entwickelt werden - etwa um herausfinden zu können, ob jemand aufgrund seines genetischen Profils überhaupt von einer Therapie profitieren würde. Je nach Test bewegen wir uns da im ein- bis zweistelligen Millionenbereich. Eine große Herausforderung ist der Nachweis, dass ein Test auch zu einer tatsächlichen Verbesserung der gesundheitlichen Situation führt und zudem besser als etwa ein Vorgänger-Verfahren ist. Dazu braucht man viele Probanden, bei unserem HPV-Test wurden 45.000 Frauen im Rahmen einer klinischen Studie getestet. Das ist logistisch und kostentechnisch sehr aufwändig.

STANDARD: Wie sehr beeinträchtigt die Wirtschaftskrise die Pharmaindustrie?

Schwan: Natürlich spüren wir sie, die Volkswirtschaften in Europa sind unter Druck und Einsparungen werden gerade auch bei den Gesundheitsausgaben gemacht. Für uns heißt das: der Preisdruck wird bleiben. Unsere Antwort auf die Krise ist Innovation. Nur wenn unsere Produkte überzeugen, Leben tatsächlich verlängern und vor allem auch die Lebensqualität von Patienten und Patientinnen verbessern, werden sie auch in Zukunft entsprechend honoriert werden. Der Pharma-Markt in Europa schrumpft, dafür sehen wir zweistelliges Wachstum in den Emerging Markets in Asien und Lateinamerika. Der Markt in den USA ist stabil. Diese Entwicklungen werden sich fortsetzen.

STANDARD: Macht zielgerichtete Therapie Behandlungen nicht gerade teurer?

Schwan: Nein, sondern kosteneffizienter. Man spart Kosten für unnötige Arzneimittel, also für Medikamente, die bei bestimmten Patienten nicht wirken. Langfristig reduziert man mit diesem zielgerichtete Ansatz auch Kosten in der Infrastruktur im Spital. Unser Plan ist es, personalisierte Medizin in vielen Bereichen zu etablieren.

STANDARD: In welchen genau?

Schwan: Wir haben gerade neue Medikamente für Brustkrebs, Hautkrebs und Gehirntumor auf den Markt gebracht. Längerfristig gesehen arbeiten wir an Therapien im Bereich Stoffwechselstörungen, Diabetes und Asthma. Und wir haben interessante Projekte im Bereich des Zentralnervensystems, insbesondere Schizophrenie, Multiple Sklerose und Alzheimer. Es tut sich viel, die Medizin wird sich verändern. (Karin Pollack, DER STANDARD, 17.8.2012)

SEVERIN SCHWAN, geboren 1967 in Hall in Tirol, ist Wirtschaftswissenschafter, Jurist und seit 2008 CEO des Schweizer Pharma-Unternehmens Roche.

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8 Postings
Schnupfen kann der Arzt leichter diagnostizieren,..

als eine instabile angina pectoris.
Schmerzen gibt es da und da.
Einer, der diese Schmerzen einmal erlebt hat, kann sie leich zu anderen unterscheiden.
Angina pectoris sollte aber möglicht früf diagnostiziert werden, um die Folgen abzuwenden, weil diese bedeuten lebenslanges Leiden oder Tod.

wenn es mehr von diesen leuten wie hr. schwan gibt.......

......könnte dies ein gutes signal für die pharma sein.

diagnose ist meiner meinung nach unglaublich wichtig und wird von den meisten pharmakonzernen ignoriert.

bin kein fan von der pharmaindustrie und ich denke es gibt fast keinen übleren industriezweig.

die Lebensmittelindustrie finde ich ähnlich kriminell ...

mindestens

Der Lebensmittelindustrie kommt nämlich KEINER aus ...

wenns für ein medikament keine krankheit gibt

dann erfindet die pharmaindustrie halt eine krankheit so wie sie es schon lange macht

richtig. die pest, die tb, die polio,

die meningitis, um nur einen kleinen ausschnitt aus dem spektrum zu erwähnen. unbezahlbare, geniale einfälle. sowas macht ja heut keiner mehr.

Es ist soo öde

immer wieder den gleichen Schrott zu lesen. Ich wette Du hast von den extrem vereinfachten fachlichen Themen hier nichts verstanden.
Natürlich verstehst du nichts davon wie aufwändig es ist einen klin. Test zu entwickeln oder an einem biotechnolog. Medikament zu forschen.
Aber fest die Keule auspacken, ja, das geht immer.

Ich sage überhaupt nicht dass die Pharmabranche nur aus Unschuldslämmern besteht, aber mit dem dauernden Pharma-Bashing werden auch hochqualifizierte Forscher & Entwickler hingestellt als waren sie Betrüger.
Und wenn du vielleicht mal mit einer schweren Krankheit konfrontiert bist, was ich dir absolut nicht wünsche, wirst du dich über das Medikament freuen dass dir Linderung, Lebenszeitverlängerung oder Heilung ermöglicht

Heilung nicht moeglich

= Devise der GESUNDHEITSINDUSTRIE

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