Betriebsansiedler wollen Krise durchtauchen

16. August 2012, 17:48
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Korrektes Verhalten der Steuerbehörden ist immer häufiger ein Asset. Deutsche Betriebe: Gekommen, um zu bleiben

Wien - Die österreichische Betriebsansiedelungsgesellschaft ABA (Austrian Business Agency), die heuer ihr 30-jähriges Bestehen feiert, spürt die Finanzkrise bis dato nur wenig. 108 realisierte Projekte mit einem Investitionsvolumen von 123 Millionen Euro wurden im heurigen ersten Halbjahr immerhin realisiert. Damit wurden 1092 Jobs neu geschaffen.

Zum Vergleich: In den ersten 15 Jahren bis 1996 wurden 119 Betriebe angesiedelt und 6862 Jobs geschaffen; 1997 bis 2011 schon 6862 Firmen mit 36.432 Stellen. Die gesamte Investitionssumme der ersten 15 Jahre betrug 580 Mio. Euro gegenüber 5,7 Milliarden Euro von 1997 bis 2011.

Doch gestaltet sich das Geschäft immer schwieriger, beobachtet René Siegl, Chef der ABA: "Auslandsinvestitionen sind besonders konjunktursensibel." In den USA werden angesichts der wirtschaftspolitischen Turbulenzen ins Auge gefasste Unternehmensgründungen in der EU einstweilen einmal auf Eis gelegt. Auch innerhalb der EU ist die Bereitschaft zu expandieren schaumgebremst. Neue "Quellgebiete" für Investoren - vor allem China, Osteuropa, Russland oder Singapur - können den Ausfall nicht wettmachen.

Hausgemachte Konkurrenz

Schwierig ist auch die Konkurrenzsituation innerhalb Österreichs. Siegl weiß von 20 bis 30 regionalen, städtischen oder vom Land gesteuerten Betriebsansiedelungsgesellschaften, die alle um Firmensitze ausländischer Unternehmen buhlen. In der Regel sei man dabei Konkurrent um den ausländischen Investor, weiß Hans Nagl, längstdienender Mitarbeiter bei der ABA.

Aufgrund der vielfältigen - internationalen und hausgemachten - Konkurrenz versuchen die ABA-Leute, mit vier Themenfeldern bei interessierten ausländischen Firmen zu punkten: Osteuropa, hohe Ausbildungsqualität samt Motivation der Mitarbeiter, Sicherheit und politische Stabilität sowie korrektes, berechenbares Verhalten der Steuerbehörden.

Eine besonders günstige Unternehmensbesteuerung könne man bei den meisten Firmen nicht als Asset anführen, seitdem es in Nachbarländern wie Tschechien und der Slowakei Flattaxes gibt - allerdings will die Slowakei diese mit Jahreswechsel wieder aufgeben.

Deutsche Betriebe an vorderster Front

Weiterhin ist Deutschland das wichtigste Herkunftsland für Betriebsansiedelungen in Österreich. 864 Projekte wurden seit Bestehen der ABA realisiert. Weit abgeschlagen davon liegt Italien mit 184 Projekten. An diesem Verhältnis, schätzen die Experten, dürfte sich auch künftig nicht viel ändern.

Große Veränderungen sind allerdings bei Größe und Art der Betriebsansiedelung zu beobachten. Während früher vor allem Industriebetriebe umworben wurden, sind es heute kleine Ansiedelungen, und da vor allem im Bereich industrienahe Dienstleistungen (z. B. Logistik oder Consulting) sowie Forschungsbetriebe. Typische Industriebetriebe gehen eher weiter und siedeln sich in entlohnungsgünstigeren Staaten wie Tschechien oder gleich der Ukraine an. "Im Industriebereich können wir nur mehr im absoluten Hightech punkten", sagt Siegl.

Auch die osteuropäische Headquarterfunktion Wiens, mit der die Betriebsansiedler früher gerne warben, zieht nicht mehr. "Es gibt keine regionalen Headquarters mehr", weiß Siegl. "Man berichtet gleich an die Zentrale."

Mittlerweile hat jeder Staat der Welt eine solche oder ähnliche Gesellschaft, die Investitionen anzieht. Erst kürzlich hat die Weltbank in einer Untersuchung der Agenturen in 181 Ländern die ABA als die "weltbeste Betriebsansiedelungsagentur" gewertet, gefolgt von Schweden, Deutschland und Kanada. Die ABA hat ein jährliches Budget von fünf Millionen Euro und beschäftigt 27 Mitarbeiter. (Johanna Ruzicka, DER STANDARD, 17.8.2012)

  • Weniger  Ansiedelungen vermeldet René Siegl.
    foto: aba

    Weniger Ansiedelungen vermeldet René Siegl.

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