Burnout: Spirale abwärts

  • Die Weltgesundheitsorganisation WHO bezeichnet beruflichen Stress als eine der größten gesundheitlichen Gefahren.
    foto: apa/oliver berg

    Die Weltgesundheitsorganisation WHO bezeichnet beruflichen Stress als eine der größten gesundheitlichen Gefahren.

Die Arbeitswelt hat sich in einem Tempo verändert, das immer mehr Menschen ins Burnout treibt. Die Gesellschaft ist sensibilisiert, der Markt der Anti-Burnout-Trainings boomt

Es habe schon lange gedauert, bis er sich eingestehen konnte, krank zu sein, schreibt ein User in einem der zahllosen Burnout-Foren. Die im Raum stehende Frage nach den Gründen beantwortet ein anderes Posting zumindest teilweise: "Psychische Krankheiten kann man nicht gipsen oder operieren ... Noch immer haftet ein schlechter Ruf diesem Bereich an. Wer dazu steht, gilt als Schwächling." Ein anderer User meint: "Es gibt noch viele Menschen, die derartige Krankheiten nicht ernst nehmen." Und ergänzt, dass Burnout wohl auch als "Ausrede" für Arbeitsscheue beliebt sei - was die öffentliche Meinung über diejenigen negativ beeinflusst, die mitten im Prozess des Ausbrennens stecken. Man kennt ja die üble Nachrede, Geschichten, die hinter vorgehaltener Hand über Arbeitnehmer erzählt werden, die scheinbar durchschnittlich in ihrer Leistung waren, nun aber mit Burnout ausfallen.

Burnout-Betroffene, die den Prozess von der geistigen Erschöpfung bis zum Leistungsabfall im Job und zur Depression, mit eventuellen Begleiterscheinungen wie hohem Blutdruck, ganz oder teilweise durchmachen, werden also auch von Ängsten und Vorurteilen begleitet. Dabei haben selbst hartgesottene Unternehmer schon eingesehen, was Fehlzeiten kosten. Laut einer Umfrage der Ärztekammer Österreich von 2010 sind 500.000 Arbeitnehmer im Burnout, mehr als eine Million sind akut gefährdet, sich auszubrennen. Die Kosten für die Unternehmer: 710 Millionen Euro. Sechs Monate sind Betroffene im Durchschnitt im Krankenstand. 80 Prozent sind nicht in der Lage, wieder in die frühere Position zu kommen.

Engagierte als Risikogruppe

Potenziell gefährdet sind nicht nur Beschäftigte in Pflegeberufen, jene Gruppe, mit der sich die frühe Burnout-Forschung befasste, sondern auch Ärzte, Lehrer, Politiker, Manager, Journalisten - alle Berufsgruppen, die mit einem hohen Engagement verbunden sind oder sein sollten. In jüngster Zeit bekannten sich auch Schauspieler, Sportler und Trainer dazu und machten das Überlastungssyndrom auch in Gesellschaftsschichten populär, die psychische Erkrankungen bisher als Einbildung abqualifiziert hatten. Die Burnout-Fälle werden mehr, sicher auch, weil die Gesellschaft sensibilisiert ist.

Das sei aber keinesfalls der einzige Grund, sagt der Hamburger Psychologe Matthias Burisch, der als einer der wichtigsten Experten zum Thema im deutschen Sprachraum bezeichnet wird. Er sagt: "Der Anstieg ist so atemberaubend steil, dass ich das nicht mehr allein damit erklären mag, obwohl auch das eine Rolle spielt. Die Welt hat sich in den letzten zehn, fünfzehn Jahren in einem Tempo verändert, dem viele Menschen nicht gewachsen sind." Johannes Wancata, Leiter der Klinischen Abteilung für Sozialpsychiatrie an der Med-Uni Wien, meint, früher sei die Bereitschaft von Unternehmern größer gewesen, leistungsschwächere Arbeitnehmer mitzutragen. "Diese Menschen gibt es in der Arbeitswelt kaum mehr."

Starker Anstieg

Burisch kritisiert Studien, die zu Urlaubsbeginn gern von Boulevardmedien aufgeregt publiziert werden. "Jeder zweite Manager, jeder dritte Lehrer ,ausgebrannt' oder, burnout-gefährdet' ... Ich möchte die Daten sehen, die das untermauern", schreibt er in seinem Standardwerk Das Burnout-Syndrom (Springer-Verlag). Es komme schon darauf an, welcher Grad und welche Phase gemeint seien. Und Wancata ergänzt: "Burnout ist halt grade modern." Man habe in der Vergangenheit zu wenig auf die Psyche geachtet, "heute macht man das vielleicht zu häufig. Begriffe werden im Alltag oft falsch verwendet. Nicht alles, was als Burnout bezeichnet wird, ist auch das Ausbrennen. Man darf nicht vergessen, dass auch körperliche Krankheiten wie Funktionsstörungen der Schilddrüse oder Diabetes ein Burnout vortäuschen können. Eine körperliche Untersuchung ist daher immer auch nötig." Unbestritten sei nur, dass die Zahl der Krankenstände und Berufsunfähigkeitsfälle aufgrund von psychischen Erkrankungen stark angestiegen sei.

Leiden in Schritten

Burnout ist "ein Leiden, das sich schrittweise und ständig ausbreitet und Menschen in eine Abwärtsspirale zieht, aus der das Entkommen schwer ist", schrieb Christina Maslach, die für die heutige Burnout-Forschung eine Art Vorreiterin ist. Sie verfasste 1981 gemeinsam mit Susan Jackson das Werk The Measurement of Experienced Burnout und entwickelte dabei eine bis heute gebräuchliche quantitative Messung: Maslach Burnout Inventory. Seither sind dutzende weitere Tests und Kriterienkataloge dazugekommen. Einigkeit herrscht darüber, dass jeder Fall ernst zu nehmen ist, dass er zur Arbeitsunfähigkeit und zum Selbstmord führen kann.

Wer über Google sucht, findet eine Vielzahl an Studien und Publikationen zum Thema. Man weiß zum Beispiel längst, dass auch Schüler davor nicht gefeit sind. Forscher haben auch herausgefunden, dass Burnout ansteckend ist. In Teams, in denen längst ein Problem in der Organisation aufgetreten ist, könne das Burnout-Syndrom eines Kollegen zu einem Dominoeffekt führen, erzählt Anita Rieder, Leiterin des Instituts für Sozialmedizin an der Med-Uni Wien.

Experten warnen davor, wegen Burnouts in x-beliebige Seminare zu gehen. Psychische Probleme gehören von ausgewiesenen Fachleuten behandelt, lautet der Tenor. Aber auch Burisch schreibt, dass das Spektrum der Interventionen breit gefächert sei - von Wandern, Schwimmen bis Psychotherapie. In dieses Spektrum passt wohl das innovative Sozialprojekt Green Care der Landwirtschaftskammer Wien, mit der gebürtigen Niederländerin Nicole Prop als Projektleiterin. Die von Trainern beaufsichtigte handwerkliche Arbeit am Bauernhof soll hier als Ergänzung zur notwendigen Psychotherapie betrieben werden - damit die Betroffenen sehen, dass sie Arbeiten mit ihren Händen fertigstellen können und dabei Erfolgserlebnisse haben.

Boom der Anti-Burnout-Trainings

Fragt sich nur noch, wie man gar nicht erst ins Burnout hineinschlittert. Psychologen sagen, dass die Unternehmer langsam aufwachen, dass sie bewusst Auszeiten gewähren. Yoga im Büro ist keine Seltenheit mehr. Daneben boomt der Markt der Burnout- Prophylaxe-Trainings, wie sie Jasmin Grusch anbietet. Zweitägige Seminare wie "Schwierige Menschen, trotzdem mit ihnen klarkommen". Kostenpunkt: 400 Euro, Aufenthalt inklusive. Grusch ist nach einem Lehrgang in der Body & Health Akademie diplomierte Burnout-Prophylaxe-Trainerin. Menschen, die schon im Ausbrennen sind, will aber auch sie zu Ärzten schicken.

Sie selbst versucht, mit Gesprächsrunden und spielerischen Methoden den Klienten das Rüstzeug gegen Burnout mitzugeben. Das Problem all dieser Angebote: Ihre Wirksamkeit ist kaum erforscht. "Wer daran glaubt", schreibt ein Betroffener in einem Lebenshilfe-Forum, "der kann sich auch Kamillentee kochen gegen das Burnout." Er dürfe dann nur nicht behaupten, dass er allein durch den Tee geheilt worden sei. (Peter Illetschko, STANDARD, 17.8.2012)

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Der Begriff Burnout ist in den 1970er-Jahren erstmals in der Öffentlichkeit aufgetaucht. Der US-Psychiater Herbert Freudenberger schrieb einen der ersten wissenschaftlichen Artikel darüber. Der Zustand, durch Stress und zu wenige Erholungsphasen ausgebrannt zu sein, wurde aber schon im Alten Testament beschrieben: Der Prophet Elias dürfte demnach an einem _Erschöpfungssyndrom gelitten haben, weshalb man später sogar von "Elias-Müdigkeit" sprach. Auch Schriftsteller haben das Burnout beschrieben, ehe es ein populärer Begriff wurde: Thomas Mann in den Buddenbrooks und Graham Greene in A Burnt-Out Case.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO bezeichnete beruflichen Stress als eine der größten gesundheitlichen Gefahren und glaubt, dass bis 2030 Depressionen, der häufige Endpunkt eines Burnout-Prozesses, zu den bedeutendsten Krankheitslasten zählt - noch vor Aids und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. (pi)

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