Ethanol: fahren statt essen

Rudolf Skarics, 16. August 2012, 16:54
  • Pflanzliche Treibstoffe können einen riesigen und stabilen Absatzmarkt für die Landwirtschaft bilden. Aus ethischer Sicht ist das eine schwierige Diskussion.
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    Pflanzliche Treibstoffe können einen riesigen und stabilen Absatzmarkt für die Landwirtschaft bilden. Aus ethischer Sicht ist das eine schwierige Diskussion.

  • Das Auto frisst tatsächlich Lebensmittel.
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    Das Auto frisst tatsächlich Lebensmittel.

Kraftstoffe pflanzlicher Herkunft verbessern die CO2-Bilanz nur marginal, können aber dazu beitragen, den Weizenpreis weiter in die Höhe zu treiben

Ethanol kann als umweltfreundlicher Kraftstoff gesehen werden: Es wird aus Pflanzen oder besser noch aus deren Früchten hergestellt und gilt dadurch als CO2-neutral. Ethanol hat eine sehr ähnliche Zusammensetzung wie Benzin und kann deshalb damit gemischt werden oder dieses komplett ersetzen. Ähnliches gilt für Pflanzenöle (z. B. Raps), die chemisch leicht verwandelt (verestert) dem Diesel beigemischt werden oder diesen ersetzen können. Daraus leitet sich die Hoffnung ab, dass man durch massiven Einsatz dieser Treibstoffe pflanzlichen Ursprungs die CO2-Bilanz des Individualverkehrs verbessern und die Abhängigkeit vom Erdöl verringern kann. Außerdem würden pflanzliche Treibstoffe einen riesigen und stabilen Absatzmarkt für die Landwirtschaft bilden.

Vor allem wegen Letzterem hat die EU schon vor vielen Jahren beschlossen, dem Benzin verpflichtend Ethanol beizumischen. Derzeit stehen wir bei fünf Prozent Ethanolgehalt im Benzin, der demnächst auf zehn Prozent erhöht werden soll. Im Herbst soll mit der Einführung von sogenanntem E10 begonnen werden: Superbenzin mit zehn Prozent Ethanolanteil - und sehr bald soll der höhere Ethanolgehalt für alle Benzinsorten Standard werden.

Massiver Widerstand

Dagegen regt sich massiver Widerstand von mehreren Seiten. Die Einführung, die in Deutschland schon seit längerem im Gang ist, stockt gewaltig, da es massive Bedenken der Autohersteller gab, ob ihre Autos diesen Kraftstoff überhaupt vertragen. Tatsächlich kann ein höherer Ethanolanteil zu Motorschäden führen. Erst langsam schaffen es die Autohersteller, verbindliche Listen zu erstellen, welche ihrer Typen bedenkenlos mit E10 betankt werden dürfen. Ethanol ist nichts anderes als Schnaps und zerfrisst Leitungen, wenn diese nicht dafür gebaut sind, und wäscht wegen seiner reinigenden Wirkung alte Verschmutzungen aus.

Das größere Problem: Missernten und Börsenspekulation führen zu einem Hochschnellen der Getreidepreise, welche die Herstellung von Ethanol signifikant verteuern und somit die Beimischung von Ethanol aus wirtschaftlichen Gründen weniger interessant machen. Vom humanitären Aspekt des Verheizens von Lebensmitteln und Anheizens des Hungers ganz zu schweigen.

Der österreichische Zugang war wirtschaftlich nicht unklug: Im Tullnerfeld wurde eine Ethanolfabrik gebaut mit einer Kapazität, die den österreichischen Ethanolbedarf für Fahrzeugkraftstoffbeimengung etwa decken kann und gleichzeitig auch noch Futtermittel herstellt, die sonst als Sojafuttermittel importiert werden müssten. (Bei der Produktion von Ethanol entsteht energiemäßig immer Alkohol und Futtermittel etwa je zur Hälfte, wie daheim beim Schnapsbrennen Schnaps und Maische.) Die Anlage konnte allerdings zum geplanten Zeitpunkt nicht in Vollbetrieb gehen, weil der Weizenpreis gerade zu hoch war. Dann pfiff das Geschäft einige Jahre. Jetzt ist es wieder so weit, dass die Ethanolherstellung wegen des hochschnellenden Weizenpreises wirtschaftlich unrentabel zu werden droht. Schwankende Weltmarktpreise sind "business as usual".

Was letztlich jedoch schwerer wiegt: Die Umweltbilanz von Ethanol ist bei weitem nicht so günstig wie meistens dargestellt. Ganz grob gesagt: In der Gesamtenergiebilanz braucht man ohnehin rund acht Liter Erdöl, um einen Liter Ethanol herzustellen. Der ehrliche Grund für die Ethanolproduktion ist deshalb nicht die günstige CO2-Bilanz, sondern die Sicherung von Absatzmärkten für die Landwirtschaft inklusive Verbesserung der Handelsbilanz für Futtermittel. Man kann die Zahlen hinschieben, wo man will, Ethanol ist keine Lösung, um die verkehrsbedingte CO2-Problematik zu entschärfen, weil die Konkurrenz zur Lebensmittelproduktion einfach zu offensichtlich ist. Beispiel: Biospritproduktion in Brasilien. Auch wenn die dortige Ausgangspflanze Zuckerrohr nicht im Amazonasgebiet angebaut wird, so führt der Flächenbedarf für den Anbau doch zur Verschiebung anderer agrarischer Tätigkeiten ins Amazonasgebiet.

Deshalb wird auch schon seit Jahrzehnten an Verfahren gearbeitet, die keine Lebensmittel als Grundlage für die Ethanolproduktion benötigen, wo nicht essbare Früchte, sondern ganze Pflanzen verarbeitet werden. Generallösung ist das allerdings auch keine. Denn die Lebensmittelproduktion wäre durch Verdrängungseffekte noch immer bedroht. (Rudolf Skarics, AutoMobil, DER STANDARD, 17.8.2012)

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"Tullnerfeld ... Biospritanlage, die gleichzeitig auch noch Futtermittel herstellt"

Wirtschaftswoche 11.6.11 -"Tiere müssen Industriemüll fressen"

Erst die Abfälle aus der grünen Treibstoffproduktion kommen in den Trog

Hunderttausende Tonnen Glycerin verfüttert – mal als klare Flüssigkeit, mal als dunkelbraune, ranzige Masse - Abfälle der Biodieselproduktion direkt an Milchviehbetriebe

Bis zu einem Fünftel der Futterpampe besteht aus anderen Reststoffen der Biodieselproduktion, darunter Salze, giftiges Methanol und andere noch nicht identifizierte Chemikalien

Die Bayerische Landesanstalt schreibt von Vergiftungen bei Schweinen aufgrund des hohen Salzgehaltes. Die Tiere sind letztlich innerlich vertrocknet

Dazu stehen neuerdings Hunderttausende Tonnen sogenannte Schlempe auf dem Speiseplan von Schwein, Kuh und Huhn usw

Agrarlobbies

von Argentinien, Brasilien bis USA. In B z.B. hat Ethanol in den 70ern, als das Land nettoimporteur and Rohöl und Produkten war durchaus Sinn gemacht. Abgesehen von der Raubrodung des Regenwaldes wird aber mittlerweile auch dort für jeden Liter Ethanol ein mehrfaches an herkömmlichem Treibstoff aufgewandt.

Toll, und das noch bitte unter folgenden 2 Aspekten betrachten

Erstmal stößt das Amazonasgebiet mehr CO2 aus als gebunden wird.

Ford Focus 2012, 1Liter 3-zylinder mit 120(?) PS braucht ca. 6 Liter
Toyota Starlet BJ 1983, 1300er, 16V, 70 PS braucht im Schnitt ca. 7,2.
Wo ist DA die Entwicklung?

Hier ist die Entwicklung

Ich habe erkannt, dass ein neues Auto Unfug ist.
Also - bis der TÜV uns trennt.
Die Autoindustrie merkt es vielleicht an den geringeren Verkäufen.

Energiegehalte von Brennstoffen

Sprit für's Auto hat - grob gerundet - einen Energiegehalt von 10 KW pro Liter, der Wirkungsgrad von Verbrennungsmotoren liegt zwischen 30 und 50 Prozent.
Gehen wir von 50 % Wirkungsgrad aus, dann braucht ein Auto mit 100 KW Motorleistung bei Vollgas 20 Liter Pro Stunde.
Etliche Autos werden mit 400 KW angeboten...
Normaler Verkehr: Gasgeben, Bremsen, Gasgeben...
Und immer schön beschleunigen, man will ja die Motorleistung spüren für die man mindestens ein Jahr gearbeitet hat...
Mit 6 -7 Litern kommt da keiner auf 100 km aus.
6-7 Liter sind rein theoretische Werte unter Laborbedingungen, quasi kullern im Standgas.

Solarenergie am Umweg der Biomasse...

als Trebstoff zu verwenden ist sowohl bei nachwachsendem Rohstoff als auch bei den fossilen, ein Unding und daher abzulehnen.
Energetischer Wirkungsgrad liegt bei 0,06%, bis die Leistung zur Fortbewegung auf die Strasse kommt, wogegen die EV-Technik kommt auf einen Wirkungsgrad von etwa 10%, das ist über 100Mal besser und wird sich daher duirchsetzen. Kinderkrankheiten sind da kein Hindernis.

Stimmt, man muss sich nur die Flächenerträge anschauen, um zu sehen, dass die energetische Nutzung von Biomasse eine Nischenanwendung bleiben wird:

Biomasse: ca. 2 kWh/(m²*a), allerdings nur auf fruchtbaren Ackerflächen.

Wind: 20 kWh/(m²*a), wobei die Fläche zu >99% frei und mit Einschränkungen nutzbar bleibt.

PV: 100 kWh/(m²*a)

Es hat einen guten Grund, warum die Kohlenutzung am Beginn der industriellen Revolution steht: Biomasse (als Treibstoff=Tierfutter) hat einfach nicht mehr gereicht.

Tempolimits senken spart mindestens 30% Treibstoff: 100 auf autobahnen und 80 auf landstraße. jetzt werden die roten stricherl ausgehen. ;-)

man kann das auch unter entschleunigen sehen.........

e10

Abgesehen vom ökologischen Unsinn - das Zeug löst sogar die Pulverbeschichtung von den Zapfsäulen - schauen sie sich mal bei der nächsten e-10 Tankstelle die Zapfsäulen an, die e-10 Säule erkennen sie sofort.

ganz arg, immerhin ist ja quasi der ganze motor innen pulverbeschichtet.

métallisée lackiert, denk ich

klassische win-win situation

das zeug ist nicht nur ineffizient genug um schon durch seine produktion arbeitsplätze zu schaffen bzw zu erhalten sondern es macht auch noch die autos kaputt so sparen wir uns die nächste welle an verschrottungsprämien

Fahren statt Fleisch Essen (oder verfüttern)

Hoffentlich geht es bald in die Köpfe der voneinander abschreibenden Redakteure, dass es jedem frei gestellt werden muss ob er/sie lieber Fleisch ist (bzw. an den Hund verfüttert) oder die Biomasse als Sprit verfährt.

Der Gedanke, dass wir Rohstoffe die für die Lebensmittelproduktion gedacht sind „verfahren“ finde ich auch absurd, jedoch müssen wir uns vor Augen führen, dass fossile Energien enden. Deswegen muss man einfach über Alternativen nachdenken bzw. ihnen die Chance auf Entwicklung geben und je früher wir dabei effizent sind, desto besser.
Ich kann außerdem die Bedenken der deutschen Automobilhersteller nicht ganz nachvollziehen, da Volkswagen mit „Gol“ das meistverkaufteste Auto in Brasilien anbietet, welches ohne Probleme mit reinem Ethanol fahren kann.
Meiner Meinung nach, sollte die Diskussion einfach viel sachlicher geführt werden, denn der Getreidepreis spielt bei Backwaren leider nur oder zum Glück nur mehr einen minimalen Anteil.

aufschlussreich...

http://www.inference.phy.cam.ac.uk/sustainab... innung.pdf
(unter Creative commons freigegeben)

Ethanol essen?

Was fuer eine Schnappsidee!

Diese Schnapsidee

veranlasste mich seinerzeit den GRÜNEN den Rücken zu kehren.

dabei ist das weniger eine idee der grünen ...

... als eine der landwirtschafts- und autolobby. sie brauchen nur nachzuforschen, wer in den maßgebenden institutionen sitzt. e10 ist nicht mehr als ein feigenblatt, um den uneingeschränkten autoverkehr so lange wie möglich am leben zu erhalten. die grünen treten normalerweise für eine reduktion des individualverkehrs und ausbau von öffis ein.

der sepp pröll ist für raiffeisen sein geld allemal wert

"In der Gesamtenergiebilanz braucht man ohnehin rund acht Liter Erdöl, um einen Liter Ethanol herzustellen." und trotzdem zaudert die övp nicht einen moment mit der einführung.

Ich verstehe nicht ganz warum man das jetzt dem Pröll umhängen will; bis vor wenigen Jahren war das eine Forderung z.B. der Grünen:
http://de.wikinews.org/wiki/Gr%C... uf_zwingen
http://www.dailygreen.de/2011/07/1... 25034.html
Dann kommen langsam die Mühlen der Bürokratie in Bewegung und auf einmal kommt man drauf dass es doch ein Blödsinn ist ... erinnert mich an die PV-Förderungen und den planlosen Windenergieausbau, vermutlich war daran in 10 Jahren auch der Pröll schuld?

auch nicht unpikant: "projektleiter" für die ethanolproduktion bei agrana ist fritz kaltenegger, vormals övp generalsekretär. naja, auf der anderen seite kann es ja auch kein berufsverbot für ex politiker geben ...

warum denn nicht? die kärntner drittelregelung ist auch nicht ungustiöser als diese geschichte. aber wo raiffeisen draufsteht ist eben ganau das drinnen.

da geht es nur um die Versorgung der Raiffeisen mit Geld, glauben sie wohl wem diese Fabrik gehört?

Alle kosten werden direkt von den Autofahrer zu der Raika umverteilt.

Stimmt! Es schaudert mich. Ich hatte vor Jahren eine Studie gemacht, in der ich - damals berechnet habe - dass sich die Biotreibstoffe energetisch nicht rechnen, bezüglich Relation müsst ich nachschauen (das war nur eine kleine Studie und ich kleiner Wurm).

In den jetzten Jahren die ganze Biotreibstoffdebatte zu verfolgen, war für mich irgendwie irrwitzig, weil ich denke, dass viel gescheitere Menschen als ich davor gewarnt haben....

Ich habe in Ogdenville, US in A schon mal ein Löwensteak gegessen. Kann ich leider nicht weiterempfehlen. Dann lieber Fleisch vom Primaten.

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