Clemens Setz: "Ich habe jetzt schon genug von mir selbst"

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  • Clemens Setz: "Als Figur empfinde ich mich nur, wenn ich mich beim Rasieren in den Spiegel schaue."
    foto: apa/epa/hendrik schmidt

    Clemens Setz: "Als Figur empfinde ich mich nur, wenn ich mich beim Rasieren in den Spiegel schaue."

Warum der Schöpferglaube Poesie ist und was Nicht-Schreiben und Pornofilme gemein haben, verrät Autor Clemens Setz

Man darf alles schreiben - vorausgesetzt man kann es, meint der Grazer Autor Clemens J. Setz. Warum er selbst überall Gewalt erwartet, der Glaube an einen Schöpfer bestenfalls Poesie ist und was Nicht-Schreiben und Pornofilme gemein haben, erfragte Renate Graber.

 

STANDARD: Ich möchte über Sprache und ihre Grenzen, Liebe und Tod mit Ihnen reden. Sie sind 29, preisgekrönt und veröffentlichen demnächst Ihr viertes Buch, "Indigo". Da lassen Sie Batman einen abgewandelten Wittgenstein-Satz sagen: "Die Grenzen unserer Sprache sind die Grenzen unserer Welt, Robin". Ist das bei Ihnen auch so?

Setz: Nein, ich weiß definitiv mehr als ich sagen kann. Überhaupt wenn ich Migräne habe: Die wirkt sich bei mir aufs Sprechen aus. Aber meine Katze versteht mich auch dann.

STANDARD: Aber aus anderen Gründen.

Setz: Ja, weil sie mich abgerichtet hat.

STANDARD: In Ihren Büchern geht es um einsame Menschen, Gewalt, Sex. Darf man alles schreiben?

Setz: Ja. Wenn man es kann. Sonst soll man schreiben, es aber nicht herzeigen oder kein großes Lob erwarten. Denunziatorisches darf natürlich nicht veröffentlicht werden; aber aufschreiben und formulieren darf man absolut alles.

STANDARD: Was hätte man besser nicht schreiben sollen? Dass Ihnen "Feuchtgebiete" und "Schoßgebete" von Charlotte Roche nicht gefallen, ist bekannt.

Setz: "Fifty shades of grey" zum Beispiel, und das lesen gerade alle so begeistert. Ich habe mir das angeschaut und dachte mir: "Ach, schön dass man einmal über Sado-Maso so friedlich und kuschelig schreibt - aber so schlecht auch." Es ist schade um jeden Satz. Leblose Sprache, falsche Bilder, absurdes Millionärsverführungszeug - aber es ist kein Verbrechen, man darf man darf so schreiben. Doch schade um die Anstrengung.

STANDARD: Muss man auch alles schreiben?

Setz: Nein, gar nicht - außer man ist vom Schreiben besessen.

STANDARD: Sie müssen schreiben?

Setz: Ich habe keine andere Möglichkeit gefunden, den Gefallen zu erwidern, den mir gute Literatur erweist. Lesen ist eine Wohltat, macht lebendiger und verschafft Erfahrungen, die man sonst nie hätte - irgendwann wollte ich das Gleichgewicht wieder herstellen. Wenn man nicht schreibt, ist das wie in einer erotischen Situation, in der man sich liebkosen lässt und selbst gar nichts tut. Das ist zwar die Idealposition für einen Porno, aber im echten Leben ist es meist sehr unbefriedigend: Man möchte doch auch was tun.

STANDARD: Sie begannen mit 15 zu lesen, als Sie vom Computer-Spielen Migräne bekommen hatten.

Setz: Ja, ich habe damals begonnen, Haiku zu lesen und dann Gedichtchen und lustige, geistreiche Sprachspielchen von Ernst Jandl. Einmal lag ich auf der Couch, las seine "Morgenfeier" - und begann richtig zu heulen. Nicht so dieses leichte Gerührt-Sein, das angenehme Brennen in den Augen, nein, ich habe richtig geweint. Ich habe nicht geahnt, dass so ein kleines Textchen das bewirken kann. Das ist Magie. Wollen Sie' s hören? Jandl hat das Gedicht in seiner "heruntergekommenen Sprache", wie er sie nannte, geschrieben.

STANDARD: Sicher, sehr gern.

Setz: (trägt vor) "Die Morgenfeier. Für Friederike Mayröcker

einen fliegen finden ich in betten
ach, der morgen sein so schön erglüht
wollten sich zu menschens wärmen retten
sein aber kommen unter ein schlafwalzen
finden auf den Linnen ich kein flecken
losgerissen nur ein zartes bein
und die andern beinen und die flügeln
fest an diesen schwarzen dings gepreßt
der sich nichts mehr um sich selbst bemüht
ach, der morgen sein so schön erglüht"

Großartig, nicht? Hören Sie, wie der eine Satz herausragt: "Losgerissen nur ein zartes Bein?" Grandios, und mich hat das völlig überwältigt.

STANDARD: Und das wollen Sie auch erreichen bei Ihren Lesern?

Setz: Es wäre schade, wenn ich das absolut nicht könnte. Fein gearbeitete Texte, für die man sich Mühe gibt, es sich schwer macht: Das ist der Sinn des Schreibens.

STANDARD: Machen Sie sich's gern schwer?

Setz: Im Leben nicht, in der Literatur schon. Es gibt keinen Grund, es sich beim Schreiben leicht zu machen, denn dann würde alles völlig leblos. Hätte ein Autor keine Mühe beim Schreiben, spürte er keinen Formwiderstand - er würde nichts empfinden.

STANDARD: Sie haben einmal gesagt, Sie seien gern überfordert, weil man dann "alles geben kann und muss". Ist doch sehr katholisch: arbeiten, tüchtig sein, anstrengen...

Setz: Überforderung und Misserfolg, wenn sie nicht existenziell bedrohlich sind, können eine einzigartige Poesie erzeugen. Das hat weniger mit dem katholischen sich abarbeiten zu tun, als mit einer Art Zen-Erfahrung, sinnlose Dinge zu tun. Um es mit John Cage zu sagen, den ich einfach liebe: If something is boring after two minutes, try it for four minutes, if it is boring after four minutes, try it for eight, sixteen, thirtytwo minutes - eventually you will discover, that isn't boring at all, but very interesting. Ich kann auch in einer Geschichte überfordert sein, nicht verstehen, was gespielt wird: Die Figuren tun irgendetwas, haben ihre Leben, ihre Psychologien und folgen ihren Bahnen - und ich als Erfinder dieser Welt bin überfordert. Das ist sehr angenehm, genau dieser Moment soll beim Schreiben entstehen, denn sonst wird das Buch nicht lebendig. Bei manchen Büchern hat man das unangenehme Gefühl, der Autor kontrolliere alles, jeden Aspekt. Das kann gut funktionieren, wie bei Patricia Highsmith und ihren penibel gewobenen Handlungsnetzwerken - aber meistens wirkt das leblos, leserfeindlich-sauerstoffarm wie die Marsoberfläche.

STANDARD: Sie sprechen mit Ihren Eltern nicht über Ihre Bücher. Warum nicht, um Himmels willen?

Setz: Ich bin erwachsen.

STANDARD: Mit 25 sagten Sie noch, Sie fühlten sich nicht erwachsen.

Setz: Das habe ich in Bezug aufs Schreiben gemeint. Wenn man beginnt zu schreiben, egal wie alt man ist, hat man einen kindlichen Zugang zum Publikum, möchte von allen geliebt werden. Jeder Verriss, jedes Widerwort zerstört einen. Es folgt ein pubertärer Zustand: Da freut man sich auch über die Wut eines Lesers, der Rezensenten, mag aber auch die Zustimmung. Erst dann wird das Verhältnis zum Publikum erwachsen.

STANDARD: In dieser Phase wähnen Sie Peter Handke. Sie glauben, ihm sei Kritik egal?

Setz: Handke ist alles absolut egal, und ihm kann auch alles egal sein, denn er hat eine einzigartige Position in der deutschen Literatur. Er hat völlige Narrenfreiheit: Egal, was er macht, er wird gelesen von einer Gemeinde, die ihn verehrt.

STANDARD: Sie verehren ihn nicht?

Setz: Nein. Ich mag seine frühen Erzählungen, die zauberhafte Gebilde sind. Aber bei Handke ist die Amplitude sehr groß: Da gibt es Dinge, die atemberaubend gut sind und die niemand anderer schreiben kann. Und dann gibt es Texte, bei denen ich nicht sehe, warum das als Text existiert. Nehmen Sie den Mann in der "Stunde der wahren Empfindung", der nach seiner Frau auch seine Tochter verliert - und dann in den Pariser Straßen verschwindet, sich auflöst. Das wird als wahre Empfindung gefeiert? Da muss ich lachen. Ich finde dieses Konzept albern, in der Mathematik würde man sagen, das ist eine triviale Lösung. Und triviale Lösungen sind uninteressant, langweilig, leicht gemacht. Die geben die Tiefe des Möglichen, das Mysterium und das Schwindelerregende an der menschlichen Interaktion nicht wider. Ich fühle das bei Romanfiguren, die ihren Auftrag ausführen und dann leblos sitzen bleiben. Das irritiert mich, macht mich in einem Roman völlig orientierungslos.

STANDARD: Sie haben aber generell einen schlechten Orientierungssinn.

Setz: Das stimmt, und das gilt zeitlich wie räumlich. Lacht: Aber mit Uhr und IPhone finde ich mich zurecht.

STANDARD: Gewagtes Urteil über Handke. Manche Ihrer Erzählungen tun wegen subtiler oder offener Gewalt fast weh. Sie sagen, Sie hätten mehr Angst vor Gewalt als andere und erwarten sie überall. Woher kommt das?

Setz: Ich bin kein tief versehrtes Lebewesen; aber andere Menschen haben ein größeres Grundvertrauen in die Welt, ihre Mitmenschen, ihre Sicherheit und Vorgänge und Organisation des Lebens. Mir fehlt das - warum, das weiß ich nicht.

STANDARD: Sie glauben, jeder Mensch ist zu allem fähig?

Setz: Ja. Es gibt keine Sicherheit beim Menschen.

STANDARD: Nicht einmal in der Familie. Da spielt Gewalt am häufigsten.

Setz: Die ersten Verhältnisse, die ein Mensch kennenlernt, sind die familiären. Jedes Kind ist seinen Eltern ausgeliefert, damit beginnt jedes Leben. In diesem Beginn liegt viel Potenzial für Extremes, das sich wie eine Welle durchs Leben zieht. Familie ist da, wo das Böse, Zerstörerische und Unerträgliche am allernächsten zum Heilsamen und Geborgenen liegt. In anderen Bereichen kann man diese Ununterscheidbarkeit und Nähe nicht mehr erleben.

STANDARD: Sie waren ein gestresstes Kind, sagen Sie, und haben heute keinen Kontakt zu Ihrem Vater. In Ihren Romanen geht es auch um Väter und Söhne. Ihr Thema?

Setz: Manche Rezensenten interpretieren es so. Ich weiß nicht, ob das nicht nur ein Missverständnis ist, es wäre aber kein falsches. Ein richtiges Missverständnis: wie paradox.

STANDARD: Gott kommt bei Ihnen gar nicht vor. Woran glauben Sie?

Setz: Mir ist der Zustand des Glaubens sehr fremd, mich spricht eher die Poesie der Metaphysik an, nach der wir wohl alle ein Bedürfnis haben. Der Glaube an Gott ist mir nicht gegeben. Dieser Gedanke von einem Gott, der uns erträumt hat, ist als Poesie ganz schön, aber es für wahr zu halten, erscheint mir seelentötend. Angesichts dieser Theorie wird alles langweilig, farblos und trist. Interessanterweise sehen es religiöse Menschen genau umgekehrt.

STANDARD: Und was kommt nach dem Sterben? Einfach Schluss?

Setz: Als Lebewesen und Mensch habe ich natürlich Angst und Vermeidungsgedanken vor dem Leiden, dem Sterben, dem Tod. Aber die Vorstellung, dass mein Bewusstsein nach dem Sterben weiterklingt ist ein ziemlicher Horror. Ich habe ja jetzt schon genug von mir selbst - die Vorstellung, dass das noch tausende Jahre weitergeht, wäre schrecklich. Wie es weitergeht nach dem Tod? Ich weiß, was passieren wird. Die Dinge, aus denen ich jetzt bestehe, werden von anderen Dingen gebraucht. Kleine Tiere werden an mir essen, und es wird ein wunderbares, molekulares Fest, eine herrliches Feuerwerk von mir. Ein Festmahl: welch schöne Vorstellung. Aber sie macht die Angst vor dem Tod nicht kleiner. Diese Angst ist, wie der Sexualtrieb, in uns, und sie ist unwiderlegbar.

STANDARD: Ich habe ja gehofft, dass Sie an die Poesie glauben.

Setz: An die muss ich nicht glauben, weil ich doch weiß um die Existenz und Wirkung der Poesie. Ganz profan gesagt: Ich sehne mich nicht nach einem Glaubensverhältnis nach irgendwas. Aber darf ich die Frage erwidern: Woran glauben Sie?

STANDARD: (lacht) An die Liebe.

Setz: Das würde ich nicht glauben nennen, denn Sie haben doch auch die Erfahrung von Liebe. Die Liebe gibt es doch.

STANDARD: Sicher, sicher. Stichwort Liebe: Manche Rezensenten sagen, in Ihren Erzählungen spiele die keine Rolle.

Setz: Da jeder etwas anderes unter Liebe versteht, ist diese Ansicht okay. Das, was ich unter Liebe verstehe, kommt vor.

STANDARD: Was verstehen Sie unter Liebe?

Setz: Was ist Liebe? Du liebe Zeit.

STANDARD: "Die Liebe ist Unfug", sagt der alte Mathematik-Lehrer Clemens Setz, der in Ihrem neuen Roman die Hauptrolle spielt. Sind Sie Ihre eigene Figur geworden?

Setz: Als Figur empfinde ich mich nur, wenn ich mich beim Rasieren in den Spiegel schaue. Da ziehe ich diese Rasier-Schnute und denke: "Was für ein witziger, dummer Kerl." Wobei, wenn ich so meine Erlebnisse notiere, verwandle ich mich auch immer öfter in eine Figur. Da merke ich, dass Setz eine lächerliche Figur ist. Darum war ich auch der Richtige für die Hauptrolle im neuen Buch, das war ja nicht geplant. Aber der Name Clemens Setz passt gut für eine literarische Figur.

STANDARD: Was Liebe ist, haben Sie mir noch immer nicht verraten.

Setz: Ich habe mich dem Thema tangential angenähert, sagen wir so. Die Liebe ist ein großes Feld.

STANDARD: Manche handeln Sie als österreichischen Nachwuchsstar. Haben Sie eigentlich Angst, die Ideen könnten Ihnen ausgehen?

Setz: Nein. Eher habe ich die Angst, dass die Welt auf meine Ideen irgendwann verzichten kann. Dass die Menschen entscheiden: Auf den Setz kommt es gar nicht an. Das wäre nicht zu widerlegen, dann wäre es aus. Allerdings: Wäre ich nicht Schriftsteller von Beruf, wäre das Schreiben mein Hobby. Man schreibt ja auch, um Gesellschaft zu haben.

STANDARD: Sie meinen die Gesellschaft Ihrer Figuren?

Setz: Ja. Sich als Autor um fiktive Figuren zu sorgen, ist auch eine soziale Tätigkeit.

STANDARD: Naja. So sozial wie mit sich selbst sprechen...

Setz: Eine soziale Tätigkeit, die im Kopf stattfindet. Und: Selbstgespräche sind nicht zwangsläufig ein Zeichen von Wahnsinn, sondern können durchaus eine philosophische Disziplin sein.

STANDARD: Sie reden oft mit sich?

Setz: Ich tue das. Ich setze mir auch manchmal mein Headset auf, wenn ich durch die Stadt spaziere, stecke es aber nicht ans Handy an. Da gehe ich dann herum, und die Leute merken nicht, dass ich nicht telefoniere, sondern mit mir spreche. Man kann schimpfen, Leute beleidigen, lachen - probieren Sie's. Besser als jeder Selbsterfahrungskurs.

STANDARD: Apropos: Wie sind Sie Obertonsänger geworden?

Setz: Ich habe Obertongesang bei einem Konzert gehört und war begeistert. Als ich nach langem Lernen selbst die erste Melodie geschafft habe, war das einfach ein schöner Moment. Wissen Sie, ich brauche immer kleine Projekte, wie Sprachen lernen, Jonglieren, Zaubern. Ich weiß nicht, aber vielleicht hängt das irgendwie damit zusammen, dass ich Leuten, mit denen ich Zeit verbringe, einen Grund zum Bleiben bieten will.

STANDARD: Sie haben einmal gesagt, Kunst sei eine Möglichkeit, nicht allein gelassen zu werden. Gilt das für auch für die Literatur?

Setz: Ach, da habe ich einmal einen Aphorismus ausprobiert... Das Herstellen von Kunstwerken ist ein Bevölkern des leeren Raumes, das Bauen ins Leere wie Spinnen es tun. Und das gilt auch für die Literatur. Ich kann das am besten anhand schlechten Schreibens erklären: Wenn ich ein schlechtes Buch lese, fühle ich mich völlig allein, als hätte ich keinen einzigen Freund, nicht einen auf der ganzen Welt.

STANDARD: Letzte Frage: Worum geht's im Leben?

Setz: (lacht) Du liebe Zeit. (Renate Graber, DER STANDARD, 18./19.8.2012)

Clemens Johann Setz (29) lebt in Graz. Der Sohn eines Ingenieurs und einer Ärztin studierte Mathematik und Germanistik; ohne Abschluss. Mit 25 veröffentlichte der begeisterte Sprachen-Lerner den Roman "Söhne und Planeten". „Die Frequenzen" kamen 2009 auf die Shortlist für den Deutschen Buchpreis. Für den Erzählband "Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes" bekam er 2011 den Preis der Leipziger Buchmesse. Im September erscheint sein Roman "Indigo".

Veranstaltungshinweis

Am Donnerstag, 23. August, liest Clemens Setz bei den O-Tönen im Wiener MuseumsQuartier aus seinem neuen Roman. (MQ Haupthof, 20.30 Uhr).

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