Sechs Minuten für ein Halleluja

ÖFB-Team gewann letzten WM-Quali-Test mit 2:0 - Kavlak und Ivanschitz per Elfmeter trafen für das ÖFB-Team

Wien - So soll ein Fußballspiel beginnen: Das österreichische Nationalteam begrüßte am Mittwochabend vor 23.500 Zuschauern im Happel-Stadion das türkische und war überhaupt nicht gastfreundlich. Teamchef Marcel Koller hatte zwar "aggressives Pressing" als Devise ausgegeben, aber damit war wirklich nicht zu rechnen.

2. Minute: Die Offensivabteilung setzt die türkische Defensive unter Druck, Tormann Günok wird panisch, legt den Ball Veli Kavlak auf. Und der schupft ihn aus ungefähr 20 Metern wunderbar zum 1:0 ins Netz. Besiktas-Legionär Kavlak hat türkischen Migrationshintergrund, er bejubelte seinen ersten Länderspieltreffer innerlich.

5. Minute: Solospitze Martin Harnik wird perfekt freigespielt (Musterbeispiel fürs Umschalten von Defensive auf Offensive), Günok begeht in höchster Not das Foul. Andreas Ivanschitz verwandelt den Strafstoß staubtrocken zum 2:0 (6.). Danach wachten die Türken allerdings schon auf, sie hatten mehr Ballbesitz, einen Weitschuss von Hamit Altintop entschärfte Keeper Robert Almer bravourös (19.). Das österreichische Spiel geriet phasenweise ins Stocken, bei einer 2: 0-Führung ist Nachsicht aber fast verpflichtend. Sebastian Prödl verhinderte mittels Sliding-Tackling das Anschlusstor (30.). Nicht uninteressant war, dass Kapitän Christian Fuchs links im Mittelfeld werkte, gewöhnlich bildet er den linken Teil der Viererkette. Das war Markus Suttner vorbehalten.

Nach der Pause ist nichts Wesentliches mehr passiert, kurz vor Schluss stürmten fünf übermotivierte türkische Fans das Spielfeld. Zuletzt hat Österreich vor 24 Jahren gegen die Türkei gewonnen. Und Veli Kavlak: "Es war ein hartes Stück Arbeit. Aber wir hatten schon Linie im Spiel."

Dieses Spiel hat eigentlich ungefähr sechs Stunden vor Anpfiff begonnen. Mit einem Eklat oder auch einer Posse, je nach Belieben. Denn Paul Scharner haute am frühen Nachmittag aus dem Teamhotel in der Wiener Innenstadt ab. Und das kam so: Der 32-jährige HSV-Legionär, der Bescheidenheit strikt ablehnt, forderte von Koller eine Schlüsselrolle gegen die Türkei und in der gesamten WM-Qualifikation. Die wurde ihm vom Schweizer nicht zugestanden (warum sollte der auch?). Koller: "Paul hat zuletzt zweimal von Beginn an gespielt. Gerade in der Innenverteidigung haben wir einige Möglichkeiten, weshalb ich gegen die Türkei etwas anderes probieren wollte. Da er dies nicht akzeptieren konnte, hat er sich entschlossen, nach Hause zu fahren. Das war's dann." Sportdirektor Willi Ruttensteiner: "Wer nicht bereit ist, sich auf die Ersatzbank zu setzen, hat im Team nichts verloren."

Damit muss Scharner, der jetzt gar keine Rolle mehr hat, nun leben. Es bleibt bei 40 Länderspielen und null Toren. Koller ist eine Sorge los, es gibt kein Überangebot an Innenverteidigern. Scharner ist immer wieder verhaltensauffällig gewesen. 2003 verweigerte er bei der Austria seine Einwechslung ins rechte Mittelfeld, Trainer war damals Joachim Löw. 2006 beendete er die Teamkarriere, der ÖFB und die Mannschaft seien unfähig, meinte er sinngemäß. Vor der EURO 2008 wollte er zurück, Josef Hickersberger sagte: "Sicher nicht." 2011 bot sich Scharner als Nachfolger von Dietmar Constantini an (Spielertrainer). Dann kam der 15. August 2012. Sein Mentalcoach Valentin Hobel mutmaßte: "Wenn Paul entwertet wird, macht er nicht mit."

An 15. August ist der entwertete Scharner überhaupt nicht abgegangen. Das gilt aus heutiger Sicht auch für den 11. September. Die WM-Quali geht los, Deutschland kommt. Die Deutschen bleiben Favorit. Das hat mit Scharner nichts zu tun. (Christian Hackl, DER STANDARD; 16.8.2012)

Österreich - Türkei 2:0 (2:0)
Wien, Ernst-Happel-Stadion, 23.500, SR Jan Valasek (SVK).

Tore: 1:0 (2.) Kavlak, 2:0 (6.) Ivanschitz (Foulelfmeter)

Österreich: Almer - Garics, Prödl, Pogatetz, Suttner - Baumgartlinger (90. Pehlivan), Kavlak - Ivanschitz (62. Jantscher), Junuzovic (72. Leitgeb), Fuchs (84. Burgstaller) - Harnik (72. Okotie)

Türkei: Günök (46. Zengin) - Hamit Altintop, Kaya (63. Irtegün), Erkin, Toprak - Inan (60. Topal), Belözoglu (60. Sahin) - Bulut, Turan (46. Torun), Sararer - Yilmaz (46. Erdinc)

Gelbe Karten: Baumgartlinger, Prödl bzw. Günök

Stimmen

Marcel Koller (Teamchef Österreich): "Das gibt Selbstvertrauen, wir haben aber noch nichts erreicht. Wir sind auf einem guten Weg und haben noch einen weiten Weg vor uns. Wir werden jetzt nicht überheblich. Der Vorteil war, dass wir so früh in Führung gegangen sind und ein bisschen aus der Defensive heraus arbeiten konnten. Die Führung war wichtig, weil wir gewusst haben, dass die Türkei sehr stark ist. Mein Team hat gut dagegengehalten. Der eine oder andere ist aber noch nicht voll im Schuss. Wir hoffen, dass wir in ein paar Wochen schon ein bisschen weiter sind. Die Türken haben gutes Pressing gemacht. Teilweise gab es von unserer Seite zu viel Hektik und es war keine Ruhe drinnen, das haben wir zur Pause angesprochen."

Veli Kavlak (Torschütze Österreich): "Das war ein hartes Stück Arbeit. Wir sind froh, dass wir gewonnen haben. Wir haben gut dagegen gehalten, guten Fußball gespeilt und schlussendlich auch verdient gewonnen. Beim Tor hatte ich nicht viel zeit nachzudenken, ich habe den Fehler des Tormanns registriert. Die Türkei ist die Heimat meines Vaters. Ich bin froh, dass ich das Tor gemacht habe. Jetzt kommt Deutschland, wir sind gewappnet."

Abdullah Avci (Teamchef Türkei): "Das Spiel hat sehr schlecht für uns begonnen, aber wir haben in gewissen Phasen gut gespielt und haben einige gute Chancen vergeben. Wir werden unsere Lehren aus diesem Spiel ziehen."

Share if you care