Eine zünftige Wal-Jausn südkoreanischer Art

15. August 2012, 20:22
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Nach Protesten nahm die Regierung Walfangpläne zurück, in Ulsan wird aber weiter Walfleisch gegessen

Fast jedes Restaurant an der Hafenstraße in Koreas Küstenstadt Ulsan, 414 Kilometer südlich von Seoul, hat ein Hinweisschild vor dem Eingang. Walfleisch steht darauf. Seit Jahrzehnten ist das die Delikatesse des Ortes, Touristen kommen deswegen hierher. Auch in das Restaurant von Chun Myung-sook. "Seit drei Generationen ist meine Familie im Walgeschäft", sagt die 64-Jährige. Bis der Walfang 1986 verboten worden sei, habe die Stadt floriert.

Auch heute, ein Vierteljahrhundert später, dreht sich in der eine Million Einwohner zählenden Stadt alles um Wale. Es gibt Bushaltestellen im Waldesign, Walbilder an den Wänden, gegenüber von Chun Myung-sooks Restaurant steht das Walmuseum. Darin geht es genau um das, was Südkorea, das sich als Ausrichter der diesjährigen Weltausstellung den Meeresschutz auf die Fahnen schreibt, nun gehörig Kritik eingebracht hat: Nicht der Schutz der Meeressäuger steht im Vordergrund, sondern die Walfangtradition im Süden der Halbinsel.

Kaum hatte die koreanische Regierung Anfang Juli angekündigt, den Walfang zu angeblich wissenschaftlichen Zwecken wieder aufnehmen zu wollen, sah man in Ulsan das große Geld. Die "Wal-Platte" sollte wieder stärker beworben werden, entschieden Vertreter von Walrestaurants. Die Lobby der Walfleischverkoster ist stark.

Mehr als 40 Fischrestaurants mit Walfleisch auf der Karte gibt es in der Hafengegend Jangsaengpo in Ulsan. Vor dem Walfangverbot war das Fleisch in fast jedem Restaurant der Stadt zu haben. Die meisten der Restaurantbesitzer nahe dem Wasser bestreiten einen Großteil ihrer Einnahmen noch heute aus dem Verkauf von Walfleisch.

"Seit dem Verbot des Walfangs ist der Umsatz stark zurückgegangen", sagt Chun Myung-sook. Die Restaurantbesitzerin hat kein Verständnis für den Schutz der Meeresriesen. Sie ist Kind eines Ortes, in dem der Wal die Existenz der Menschen bedroht. "Wale müssen gefangen werden. Sie zerstören die Netze der Fischer und fressen die Fischgründe leer."

Die nationale Vereinigung der Fischerei-Kooperativen erklärte, Wale würden zwischen 3,5 und fünf Prozent des eigenen Körpergewichts pro Tag fressen. Ein Minkwal - wie sie in erster Linie in den Kochtöpfen landen - wiege zwischen fünf und 15 Tonnen. Der Rest sei Mathematik. Das Ministerium für Land, Fischerei und maritime Angelegenheiten schätzt die Population der Minkwale rund um die koreanische Halbinsel auf 16.000 Tiere. Der wirtschaftliche Schaden durch von Walen vertilgte Fische und Meeresfrüchte belaufe sich auf ungefähr 310 Millionen Euro pro Jahr.

Für Fischer und Restaurantbetreiber sprechen diese Zahlen eine klare Sprache. Sie wollen die Waljagd. In manchen Restaurants stehen noch die Transparente der Demonstrationen der letzten Wochen für den Walfang in der Ecke. Über das Thema sprechen wollen die meisten aber nicht. Ein Koreaner, der seinen Namen nicht nennen will, sagt, "es wäre sehr gut, wenn wir wieder so fischen könnten wie früher. Im Meer sind doch genug Wale."

Rund 100 Wale landen pro Jahr in den Netzen der Fischer aus Ulsan. Unabsichtlich, sagen sie. Internationale Beobachter sehen die Beifänge, bei denen Wale in Fischernetzen hängenbleiben, in Korea als sehr hoch an. Auch die Preise für Walfleisch sind hoch. Eine kleine Wal-Jause mit Walspeck, ein paar Stücken Walinnereien und Walzunge kostet im Restaurant von Chun Myung-sook umgerechnet 40 Euro. An den Wänden erinnern riesige Fotoabzüge mit zerlegten Ozeanriesen an die goldenen Walfangzeiten.

Chun Myung-sook hat die wieder aufziehen sehen, als die koreanische Regierung in Panama bei der internationalen Walfangkommission ihre Fangabsicht verkündete. Viele "Wal-Platten" wollte Chun bald verkaufen. Doch dar aus wird nun nichts. Die Proteste gegen das koreanische Vorhaben waren erfolgreich. Zwei Wochen nach der Ankündigung hat das zuständige Ministerium in Seoul die Walfangpläne wieder abgesagt. Für Chun nicht nachvollziehbar: "Das ist eine Schande." Und lässt in der Küche noch eine Wal -Platte aufschneiden. (Malte E. Kollenberg aus Seoul /DER STANDARD, 16.8.2012)

  • Eine Wal-Jausn in Südkorea kostet samt Walfleisch, Bauchspeck, Walzunge und Beilagen umgerechnet rund 40 Euro.
    foto: standard/kollenberg

    Eine Wal-Jausn in Südkorea kostet samt Walfleisch, Bauchspeck, Walzunge und Beilagen umgerechnet rund 40 Euro.

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