Auferstehung möglich

Kolumne |
  • Gartenpflanzen gelten erst dann als verstorben, wenn sie nach mindestens drei Jahren im Hospiz keinen neuen Trieb mehr zeigen.
    foto: apa/helmut fohringer

    Gartenpflanzen gelten erst dann als verstorben, wenn sie nach mindestens drei Jahren im Hospiz keinen neuen Trieb mehr zeigen.

Tot? Von wegen! Manche Pflanzen brauchen einfach nur ein wenig Ruhe oder einen wirklich radikalen Rückschnitt

Traurig stapft die Gruppe Menschen hinter dem Sarg einher. Die Häupter gesenkt, der Blick zu Boden und erschüttert angesichts der wieder einmal bewusst gewordenen Endlichkeit des Lebens. Wenn wir Menschen sterben, dann beginnt relativ schnell ein Verfaulprozess abzulaufen. Wir zerfallen saftelnd und stinkend in jene Bestandteile, aus denen wir bestehen. Aus einem Status prachtvoller Ordnung und folgerichtig geringer Entropie wird ein Häufchen ungeordneter, lose herumliegender Substanzen, die von Wind, Würmern und Wurzeln aufgenommen und verteilt werden. Wir gehen als Tote quasi im Universum auf.

Ob man jetzt wirklich tot ist oder nur so tut, entscheidet der zur Leichenbeschau gerufene Arzt. So einfach ist das bei uns Menschen - und so unglaublich kompliziert ist das bei unseren Pflanzen. Die sterben nämlich nicht am Stück, sondern die lassen immer wieder ein Teilchen von sich absterben, nabeln zum Beispiel im Herbst die Blätter von der Versorgung ab oder geben nicht verholzte Triebe dem Frosttod preis. Hauptsache, der Rest bleibt am Leben. Dieser Rest kann ein dicker Stamm mit fetter Borke sein, dieser Rest kann aber auch, wie in den meisten Fällen, unter der Erde stecken und auf Wurzel hören. Lebt die Wurzel, lebt die Pflanze. Aber wie oft ist man als Gärtnerin nun schon vor einer komplett hinichen Rose gestanden, welch unzählige Male hat man den Welktod der Clematis betrauert?

Letzte Hoffnung: Pflanzenhospiz

Man kennt das natürlich nur von Erzählungen anderer, kann sich in dieses Leid aber doch ganz gut hineinversetzen. Aber wer übernimmt in diesem Spiel die Rolle des Arztes, der mit sorgenvoller Miene die Pflanze auf Totenstarre und Totenflecke hin untersucht? Man muss es selbst in die Hand nehmen. Seufzend hat man die von Triebspitze abwärts schleichenden Nekrosen beobachtet, festgestellt, dass der Pflanz nicht mehr zu retten ist, und als alles Überirdische offensichtlich tot war, den Pflanz entsorgt. Fehler! Offensichtlich tote Pflanzen gehören nicht entsorgt, sondern liebevoll in das Pflanzenhospiz überführt. Nach Fauma et al. 2002 gilt eine hölzerne Gartenpflanze erst dann als verstorben, wenn sie nach mindestens drei Jahren im Hospiz keinen neuen Trieb mehr zeigt. Tut sie das nicht, ist sie eh schon vermodert und im Erdreich aufgegangen. Dum spiro spero, die Hoffnung stirbt zuletzt, den Letzten beißen die Hunde - wer sich an die paar einfachen Regeln hält, wird sein gärtnerisches Wunder erleben.

Endlich einmal in Ruhe gelassen, nicht gedüngt, nicht gegossen und auch nicht dauernd umgesetzt, kann sich die Pflanze nun in Ruhe erholen. Womöglich dauert es eine Saison oder länger, aber die Wahrscheinlichkeit, dass sie neue Wurzeln bildet, dass sie aus den letzten Energiespeichern neues Leben schafft und im Laufe der nächsten Vegetationsperiode einen frischen, schüchternen Trieb ans Licht schiebt, ist gar nicht so gering. So tot kann eine Pflanze gar nicht sein, scheint es.

Und ewig lebe die Gartenpflanze!

Erst unlängst hörte ich mich jubeln, als die Orange Queen, eine Rose, die das letzte Mal vor sieben Jahren mit einer Blüte geblüht hatte und seit zwei Jahren offiziell tot ist, zwei kerngesunde Triebe samt aufblühender Knospen nach oben geschickt hat. Die zwei Jahre im Hospiz haben ihr gutgetan.

Und auch die unzähligen Chrysanthemenstöckerln schießen nach, obwohl sie offiziell schon seit einem Jahr verrotten sollten. Die wahren Meister des Wiederauflebens im Hospiz sind bei mir die Wandelröschen. Immer knapp bevor ich sie wegschmeißen will, weil ich sie schon wieder im Winter erfrieren lassen habe, kommen so ab Anfang Juli neue Triebe vom Wurzelhals hervor - und die Freude ist bis zum nächsten Februar grenzenlos.

Wer dem Pflanzentod eins auswischen will, schneide daher seine vermeintlich Toten radikal zurück, setze sie in einen toten Winkel des Gartens und warte auf das neue Leben. Und bitte, bitte, lieber Oleander, beweise mir, dass diese Zeilen stimmen. (Gregor Fauma, Rondo, DER STANDARD, 17.8.2012)

Share if you care