Doch kein Pfarrer!

  • Traditionelle Handwerkskunst ist für Burks ein mögliches Vehikel fürs Überleben innerhalb einer globalisierten Welt und Design eine politisch-soziale Kategorie.
    foto: kevin kunstadt & andrew kenney, angela moore, rainer hosch, kvadrat, dedon

    Traditionelle Handwerkskunst ist für Burks ein mögliches Vehikel fürs Überleben innerhalb einer globalisierten Welt und Design eine politisch-soziale Kategorie.

  • "Man made triple basket lamp"
    foto: kevin kunstadt & andrew kenney, angela moore, rainer hosch, kvadrat, dedon

    "Man made triple basket lamp"

  • Raumtrenner "Play" für Kvadrat.
    foto: kevin kunstadt & andrew kenney, angela moore, rainer hosch, kvadrat, dedon

    Raumtrenner "Play" für Kvadrat.

  • "Double basket lamp"
    foto: kevin kunstadt & andrew kenney, angela moore, rainer hosch, kvadrat, dedon

    "Double basket lamp"

  • Wohnobjekt "Totem" aus der "Man made"-Serie.
    foto: kevin kunstadt & andrew kenney, angela moore, rainer hosch, kvadrat, dedon

    Wohnobjekt "Totem" aus der "Man made"-Serie.

  • Möbel aus der Serie "Dala" für Dedon.
    foto: kevin kunstadt & andrew kenney, angela moore, rainer hosch, kvadrat, dedon

    Möbel aus der Serie "Dala" für Dedon.

Stephen Burks wollte eigentlich Geistlicher werden. Stattdessen wurde er einer der spannendsten US-amerikanischen Gestalter

Die Autoreifen machen Pause, das Profil hat sich verändert: mit oder ohne Glatze, durchlöchert oder nicht - all das spielt längst keine Rolle mehr. Bloß: Wirklich still stehen sie trotzdem nicht. Stephen Burks, einer der gegenwärtig spannendsten amerikanischen Designer (Jg. 1969), der mit dem ausgeprägten Faible fürs Readymade, sorgt dafür, dass die Reifenluft keineswegs draußen ist. Dazu reicht bereits ein gestalterischer Querpass von Mbiridamm bei Dakar nach Mailand. "Es geht mir darum, etwas zu schaffen, das im Kontext mit der heutigen Zeit Sinn macht", sagt der Chicagoer dazu.

Die schlichte Programmatik, mit der Burks sein regelmäßig wiederkehrendes Leitmotiv "Recycling" kommentiert, passt auch jetzt ganz gut. Klar: Ein wenig getarnt kommen die Autoreifen, die in vielen Ländern der Dritten Welt als improvisierte Sitzgelegenheit dienen, im Falle des neu vorgestellten Entwurfs "Dala" daher. Eher als stilisiertes Image denn als echter Pneu. Und blickt man auf die dazugehörigen, viel bauchiger ausgefallenen Tischchen, die die Kollektion für den Outdoor-Spezialisten Dedon ergänzen, dann klingen auch Assoziationen an Buschtrommeln an. Und tatsächlich: Burks, der im New Yorker Brooklyn - genauer: im Künstlerviertel Williamsburg - sein Designstudio unterhält, setzt auf mehreren Ebenen an. Eine einfache Form, so schlicht und rund, dass man sie notfalls durch die Wohnung rollen kann, die weder vorne noch hinten kennt, sondern möglichst offene Zugänge der User präferiert, das wäre die eine Ebene.

Stärkung und Tradition

Das senegalesische Dialektwort "Dala" - es bedeutet einfach "machen" - verweist auf den zweiten Ansatz: Immerhin haben afrikanische Handwerker die Flechtarbeit übernommen, was hier weniger mit Outsourcing und der Ausbeutung eines Billiglohnlandes zu tun hat, sondern vielmehr mit der Stärkung regionaler Makroökonomie und erst recht mit handwerklicher Tradition. Kaum weniger ambitioniert fällt die begleitende Materialrecherche aus: Im Falle von "Dala" wurde sogar eine neue Ökofaser entworfen, hergestellt aus recyceltem Polyäthylen der Lebensmittel-Verpackungsindustrie, die sich plötzlich so weich wie Leder anfühlt und für die Burks drei naturnahe Farbfamilien zusammengestellt hat: Abgestimmte Nuancen von Rot, Blau, Grün spiegeln Feuer, Gras und das Meer wider - elementare Kategorien mit ausgeprägter emotionaler Signifikanz.

All das ist typisch für Stephen Burks, der sein 1997 eröffnetes Designstudio nicht von ungefähr "Readymade Projects" getauft hat und der seit Beginn seiner Karriere, nach Kurzgastspiel bei Swatch Mailand und nach längerer Assistenz bei Alfredo Häberli, nicht einfach den hunderttausendsten Sessel entwerfen, oder einen Klappmechanismus weiterverfeinern mochte. Sondern der schon früh soziale und ökologische Aspekte ins Zentrum seiner Arbeit rückte - lange bevor Nachhaltigkeit zum neuen Marketingvehikel verkam.

Farbenkräftig

Dass Burks dabei ziemlich viel herum- und jedenfalls aus dem Williamsburger Biotop herausgekommen ist, verdeutlicht bereits ein schneller Scan der diversen Ausstellungen, die sein ebenso buntes wie zügig entstandenes OEuvre gegenwärtig dokumentieren: Burks erste amerikanische Solo-Ausstellung Man made im The Studio Museum in Harlem oder die Schau The Global Africa Project im MAD, dem Museum of Art & Design, verweisen darauf. Sie präsentieren Burks' Vorliebe für einen selbstbestimmten Designansatz, dem zufolge traditionelle Handwerkskunst ein mögliches Vehikel fürs Überleben innerhalb einer globalisierten Welt darstellt, und Design eine politisch-soziale Kategorie. Das Korbflechterdorf am Rande der Millionenstadt Dakar, dessen farbenkräftige Arbeiten in verändertem Kontext als Lampenschirme auftauchen und das die Designszene mit ungewöhnlichen Materialien wie westafrikanischem Sweetgrass konfrontiert, ist da bloß eine Station neben anderen. "Jeder Kontinent außer der Antarktis", sagt Burks über die Frage nach den Orten seiner ausgelagerten Recherche.

Indien, Peru, Mexiko waren solche frühen Stationen, in deren Rahmen Burks mit Non-Profit-Organisationen wie Aid to Artisans zusammengearbeitet hat, mit NGOs, die sich für die Förderung von Infrastrukturen in Dritte-Welt-Ländern und für umweltschonende Herstellungsverfahren einsetzen. Wobei sich Burks oftmals mit dem bloßen Ändern von Gewohnheiten begnügt, denn auch das ist mitunter Design. In Südafrika nannte er es "Kick the Habit" - und kanalisierte die positive Erwartungshaltung vor der Fußball-WM 2010 zum Einsammeln der zwischen Kap, Karoo und Zululand verstreuten Plastiksackerln, mit dem Ziel, diesen Müll in Plastikfußbälle zu transformieren. Wobei: Industrieller Abfall ist bloß ein Recyclingmaterial neben anderen auch. 

Das Ändern von Gewohnheiten

Im Falle des von der Umweltinitiative The Nature Conservancy initiierten Projekts "Design for a Living World", dessen Resultate im New Yorker Designmuseum Cooper-Hewitt zu sehen waren, rückte Burks lieber die Noongar, im Einklang mit der Natur lebende Aborigines, ins globale Designbewusstsein. Er entwickelte aus wiederverwertetem australischem Rasberry Jamwood "Totem", ein Werkzeug, das den Noongar seither beim Verarbeiten und Verpacken ihrer auf Sandelholz basierenden Kosmetikprodukte zur Hand geht. Ein für Stephen Burks allzu typischer Ansatz. Er lautet: Design ist ein Werkzeug. Er selbst übernimmt dabei die Rolle des Vertriebs.

Vom Outback zur Office-Wüste ist nur ein kleiner Sprung. Das belegt nicht zuletzt Burks' Möbel, das aus dem Altpapierüberfluss der Informationsgesellschaft heraus entstand. Genauer: Während des Schredderns der eigenen, irgendwann denn doch zu voluminös gewordenen Designmagazin-Sammlung. Sie bescherte Burks erstmals internationale Beachtung - indem er die Reißwolfstreifchen in den Papiermaché-Hocker "Cappellini Love" verwandelte. Möbel für B&B Italia, Moroso, Artecnica oder Modus folgten, Produkte von stringenter, formaler und materieller Logik allesamt, die so etwas wie eine "ideelle Struktur" erkennen lassen. Parfumflakons, die er für Missoni in Stoffreste des Modehauses kleiden wollte, schlugen in dieselbe Kerbe. Auch passend zum afroamerikanischen Background: die Gestaltung des Büros von Regisseur Spike Lee. Love, Eco, und schöne Grüße von der Ersten an die Dritte Welt, und mit bester Empfehlung retour. All das versorgt die Ende der 1990er-Jahre so richtig durchstartende Erfolgsgeschichte des US-Entwerfers mit einschlägigen Analogien.

Design für eine bessere Welt

Auf viele wirkte Stephen Burks in diesen Jahren als Designer-Entsprechung des Prinzips Obama. Und zwar frei nach dem Motto: Yes, I do. "Design that invests in a better world", beschreibt der kanadische The Globe and Mail diesen altruistischen Zugang, der sich nicht zuletzt im Rahmen des zwischen nüchternem Industrial Design und Kunstgalerie-affiner Kleinserienproduktion gefangenen US-Designs überaus verhaltensauffällig ausnimmt. Die Prägung der gemeinsamen Stadt Chicago, die relaxte Art und Weise, Sache zu reden, all das ist auch im Falle des Stephen Burks nicht von der Hand zu weisen. Wobei: Es gab eine Zeit, da wollte er lieber Pfarrer werden. Weil ihn die gotischen Bögen der heimatlichen Kirche so sehr beeindruckt hatten. Gut, dass sich in dieser kritischen Phase Mama Burks durchsetzen konnte, ihren Stephen ans Illinois Institute of Technology fast drängen musste. Es war wohl kein Fehler. Gutmenschen kann auch das Design zur Genüge gebrauchen. Und die vielen Menschen, denen Burks dadurch neue Perspektiven eröffnet, sowieso. (Robert Haidinger, Rondo, Der Standard, 17.08.2012)

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