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Anna Piaggi - die lebende Antithese zur Welt des guten Geschmacks.
Es ist an der Zeit, sich noch einmal an einen Abgang zu erinnern, der vergangene Woche über die Bühne gegangen ist. Die Frau, die in der Mode über Jahrzehnte die spektakulärsten Auftritte hingelegt hat, ist abgetreten. Und das ohne groß Aufwiederschauen zu sagen. Die Rede ist natürlich von Anna Piaggi. Sie war so etwas wie der oberste Paradiesvogel der Mode, und das in einem Geschäft, in dem es dafür ziemlich viele Anwärter gibt. Doch was die Kunst des exzentrischen Auftritts anbelangte, konnte der italienischen Modelegende mit ihren windschiefen Hütchen, den Tüllschleifen um den Hals oder den Straußenfedern am Saum kaum jemand das Wasser reichen.
Piaggi war eine lebende Antithese zur Welt des guten Geschmacks - und sah dennoch immer fantastisch aus. Als wäre sie einem Roman von Fritz von Herzmanovsky- Orlando entsprungen, saß sie bis zuletzt bei den internationalen Modeschauen in der ersten Reihe. Und zeigte den Designern kraft ihrer Erscheinung, welche Möglichkeiten die Mode bereithält - wenn man die denn zu nutzen versteht.
Das unterschied Piaggi von den vielen anderen Selbstdarstellern in diesem Gewerbe, die den Kniefall vor Markennamen mit modischem Empfinden verwechseln. Von ihnen gibt es dieser Tage so viele wie noch nie. Eine legitime Erbin oder ein legitimer Erbe der mit 81 Jahren in Mailand verstorbenen Modenärrin ist allerdings nicht in Sicht. Als "letzte Glühbirne auf dem Ball der Modepoesie" wurde sie in einem Nachruf gewürdigt. Jetzt ist sie erloschen. (Stephan Hilpold, Rondo, DER STANDARD, 17.08.2012)
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