Chinas Führung geht vor dem Parteitag baden

Reportage

Vordergründig Sommerfrische, doch in Beidaihe wird knallharte Machtpolitik gemacht

Der Betreiber des Souvenirladens an der Uferstraße von Beidaihe wirkt aufgeregt. "Da kommen sie wieder," sagt er. Hinten am Horizont des fast wellenlosen Meeres wird die Silhouette des ersten von vier einfahrenden Schiffen sichtbar. "Die Paoting (Kanonenboote)", sagt der 60-Jährige. "Unsere ‚Shouchang‘ (Führer) sind da!"

Es sind keine Kanonenboote, aber moderne Küstenschutzschiffe, die die Bohai-Bucht abriegeln. Von den Hotelbalkons in Beidaihe, wo allerhöchste Parteifunktionäre mit ihren Familien urlauben, lässt sich die Aktion beobachten. Die vier Boote sollen Wachbereitschaft demonstrieren. Nur wenige hundert Badende sind aus der Entfernung auf dem zwei Kilometer langen, hermetisch abgeriegelten Sandstreifen zu erkennen. Hinter dem Strand steigt der Lotosberg sanft an. Zedern, Zypressen und Fichten verdecken dutzende Villen. In sie ziehen sich die politische Eliten zurück.

Zu Maos Zeiten zog Pekings Partei- und Staatsapparat im August komplett nach Beidaihe um. 2003 machte Hu Jintao dieser Tradition ein Ende. Aus Beidaihe wurde ein Badeort mit politischer Vergangenheit. Nur der Lotosberg und der Weststrand blieben ein exklusives Refugium. Doch seit der ersten Augustwoche beherrscht Beidaihe wieder das Primat der Politik. Chinas Führung hat die alte Tradition wieder aufleben lassen, und stolz wirbt der 70.000-Einwohner-Ort damit, "Xiadu", die "Sommerhauptstadt" zu sein.

Die Parteielite kommt zehn Wochen vor Beginn des Wahlparteitages hierher. Im Oktober werden in Peking 2270 Delegierte der mit 83 Millionen Mitgliedern größten kommunistischen Partei der Welt ein neues Zentralkomitee wählen und eine komplett neue Führung abnicken.

Beidaihe ist noch immer der einzige Platz Chinas, wo sich KP-Führer informell beraten können, ohne in Verdacht zu geraten, In trigen zu planen. "Kuhhandel" nennen die Hongkonger Zeitungen diesen Akt im Stühlerücken für Chinas zukünftige Führer. In diesen zwei Wochen konkretisieren sich die Shortlists der Kandidaten. Aber erst im September werden in Peking die Pakete endgültig zugeschnürt.

Nur zwei Akteure der führenden Neunergruppe stehen schon fest: der neue Parteichef Xi Jinping und der neue Premier Li Keqiang. Zwei Provinzparteichefs, Kantons Wang Yang und Shanghais Yu Zhengsheng, gelten als gesetzt. Hartnäckig hält sich das Gerücht, dass die Neunergruppe auf sieben reduziert werden soll.

Spötter nennen Beidaihe den einzigen Ort, an dem Chinas Sozialismus badengeht: Mao setzte 1958 hier seine Politik der Volkskommunen und des Großen Sprungs nach vorn durch und löste damit eine Hungerkatastrophe mit dutzenden Millionen Toten aus. 1962 legte er Grundlagen für die kommende bürgerkriegsähnliche Kulturrevolution. Pragmatiker Deng Xiaoping beschloss 1978, China auf die Beine zu bringen. Er erlaubte marktwirtschaftliche Elemente und ließ zehn Jahre später die Ämter auf Lebenszeit für alle Parteiführer abschaffen.

Auch heute gibt es im Vorfeld des Parteitags Debatten über Konzepte für die Zukunft. Und auch die ganz Alten melden sich zu Wort, allen voran der ehemalige Parteichef Jiang Zemin: "Ein diktatorisches Regime kommt ohne Zentralismus nicht aus, ein zentralistisches System muss jedoch nicht unbedingt diktatorisch sein", schreibt er im Vorwort eines neuen Buches zur Geschichte Chinas. Die inhaltliche Debatte bleibt allerdings ebenso wenig transparent wie die ausgemauschelten Personalien. Viel bleibt verborgen - so wie die Villen am Lotosberg. (Johnny Erling aus Beidaihe /DER STANDARD, 6.8.2012)

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