Die Macht der lauten Fankurven

Eine deutsche Studie belegt, dass der Heimvorteil beim Fußball auch deshalb so entscheidend ist, weil die Schiedsrichter die Spieler der Gastmannschaften häufiger verwarnen. Natürlich unbewusst.

Köln/Wien - Was die Fans immer schon geahnt haben, ist nun auch wissenschaftlich bewiesen: Grölen Zehntausende in ohrenbetäubender Lautstärke ein schier endlos langgezogenes "Schiriii", ist der Unparteiische nicht mehr zu 100 Prozent Herr seiner Handlungen. Der vieldiskutierte Heimvorteil bei Fußballspielen ist kein Hirngespinst, das haben zwei Wissenschafter belegt. "Der Heimvorteil existiert ohne Zweifel", sagt Professor Daniel Memmert. "Ein wichtiger Faktor, der den Heimvorteil ausmacht, ist der Lärm der Zuschauer, denn dieser beeinflusst den Schiedsrichter."

1530 Spiele der deutschen Fußball-Bundesliga haben die Sportwissenschafter Memmert und Christian Unkelbach untersucht, und sie kamen zu einem erstaunlichen Ergebnis: Die Auswärtsmannschaft wird häufiger mit der gelben Karte bestraft als das gastgebende Team. Pfeift ein Schiedsrichter ein Foul und "schreien alle Leute um ihn herum", sagt Memmert, dann "nimmt er dies unbewusst als Signal auf, dass etwas sehr Wichtiges passiert sein muss". Und zückt Gelb.

Ein Heimvorteil resultiert daraus, weil nachweislich häufiger die Mannschaft mit mehr verwarnten Spielern verliert. Memmert, Professor am Institut für Kognitions- und Sportspielforschung der Sporthochschule Köln, hat herausgefunden, dass der vorbelastete Spieler "nicht mehr so aggressiv sein darf und vielleicht deshalb den entscheidenden Zweikampf verliert".

Überprüft wurde der Zusammenhang zwischen der Lautstärke im Stadion und dem Schiedsrichterverhalten mit 20 Referees des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). 56 Foulszenen bei unterschiedlicher Geräuschkulisse mussten die Probanden im Labor bewerten. Auch wenn den Unparteiischen "die verschiedene Lautstärke nicht aufgefallen ist", wie Memmert betont: "Wo es lauter war, hätte der Schiri eher Gelb gezückt."

Wie sollen sich die Zuschauer im Stadion nun am cleversten verhalten? Um den Effekt bestmöglich auszunutzen, rät der Wissenschafter den Fans, " nicht nur monoton zu singen, sondern bei jedem Foul so zu brüllen, als wäre Rot fällig". Eine getroffene Entscheidung mit einem Pfeifkonzert zu quittieren sei allerdings kontraproduktiv. "Das könnte dazu führen, dass der Schiri unbewusst eine gewisse negative Voreingenommenheit gegen diese Fans entwickelt."

Betrachtet man allein die beiden Spitzenklubs Borussia Dortmund und Bayern München, so wird deutlich, dass beide Teams in der vergangenen Saison daheim 20 Punkte mehr einspielten als auswärts. Bezogen auf alle 306 Begegnungen im Oberhaus siegte zu 45,4 Prozent das Heim-, zu 28,8 Prozent das Auswärtsteam.

Fritz Stuchlik ist Schiedsrichter-Beauftragter des österreichischen Fußballbundes. Der 46-Jährige war bis 2009 national und international aktiv. Er findet die Ergebnisse der Studie "interessant und teilweise überraschend", schränkt allerdings ein: "Heimmannschaften sind in der Regel mehr im Ballbesitz, werden folglich häufiger gefoult." Zudem könne man Österreich nicht ganz mit Deutschland vergleichen. "In Wiener Neustadt oder Kapfenbeg gibt es keinen Druck seitens des Publikums. Generell glaube ich, dass die Qualität eines Schiedsrichters mit der Erfahrung steigt. Aber es sind menschliche Wesen, vielleicht laufen im Hirn irgendwelche Programme ab, die er gar nicht merkt."

Die Erkenntnisse aus Deutschland sind jedoch nicht allein auf den Einfluss der Fans auf den Schiedsrichter zurückzuführen. Schon länger ist bekannt, dass Spieler des Heimteams mehr Testosteron im Blut haben, weil sie, aufgepeitscht vom eigenen Publikum, ihr Revier erfolgreich verteidigen wollen. "Fußballspieler sind energiegeladener, aktiver und selbstsicherer, wenn sie von auswärtigen Gruppen bedroht werden", sagt der britische Evolutionspsychologe Nick Neave. "Sie sind wie Tiere." (sid, red, DER STANDARD 16.8.2012 )

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