Die vermutlich älteste Sprache der Welt

  • Die Gebärdensprache zu erlernen dauert mehrere Jahre.
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    Die Gebärdensprache zu erlernen dauert mehrere Jahre.

Die Gebärdensprache hat in Österreich einen hohen Stellenwert - zumindest formal. Bei der Umsetzung hakt es aber

Wien - Helene Jarmer und ihre Dolmetscherin sind ein eingespieltes Team. Während die eine gebärdet, übersetzt die andere in Lautsprache. Das Gespräch gerät dabei nie ins Stocken - wohl auch weil Jarmer über ihr zentrales politisches Thema spricht: die Gebärdensprache. "Dass es in Österreich Kinder gibt, die ohne Sprache aufwachsen müssen, ist unerträglich", sagt die Präsidentin des Gehörlosenbundes, die seit 2009 für die Grünen im Parlament sitzt. "Denn für jeden Gehörlosen ist Gebärdensprache die Erstsprache, auf deren Grundlage er jede weitere erlernt." Lehrer, die Gehörlose unterrichten, müssten deshalb zumindest die Grundlagen der österreichischen Gebärdensprache beherrschen.

Die 41-Jährige - seit ihrem zweiten Lebensjahr gehörlos - ist mit dieser Forderung bisher allerdings abgeblitzt. Im kürzlich beschlossenen nationalen Aktionsplan für Menschen mit Behinderung ist von verpflichtenden gebärdensprachlichen Fähigkeiten für Lehrpersonal keine Rede. Gehörlose Kinder müssen sich weiterhin mit Deutsch durchs Schulleben kämpfen.

Gebärdensprache seit 2005 Teil der Verfassung

Dass die Gebärdensprache von der Politik bisher ignoriert wurde, kann man trotzdem nicht behaupten. In kaum einem anderen Land hat sie einen derart hohen Stellenwert wie in Österreich - zumindest formal. Seit 2005 ist die österreichische Gebärdensprache - für rund 10.000 Gehörlose die Erstsprache - Teil der Verfassung. Bis in den wichtigsten Gesetzestext eines Staates hat es die jeweilige Landessprache für Gehörlose bisher nur in Finnland, Portugal, Neuseeland, Venezuela, Ecuador, Südafrika und Uganda geschafft.

Im Artikel 8 der Bundesverfassung heißt es: "Die Österreichische Gebärdensprache ist als eigenständige Sprache anerkannt. Das Nähere bestimmen die Gesetze." Genau da liege das Problem, sagt Verena Krausneker, Gebärdensprachlinguistin an der Uni Wien. "Bei der Umsetzung hakt's - vor allem im Bildungsbereich." Viele Gehörlose beginnen laut Krausneker erst an der Uni Gebärdensprache zu lernen und setzen sich dann mit einem Dolmetscher in die Vorlesung, "weil sie erst da merken, wie viel Information ihnen beim Lippenlesen verlorengeht. Vorher sagt man ihnen, du brauchst das nicht."

Weltweit erste staatliche Gehörlosenschule in Wien

Dabei war Österreich auch beim Spracherwerb einmal Vorreiter: Joseph II. ließ 1779 die erste staatliche Gehörlosenschule der Welt eröffnen - in der Wiener Taubstummengasse. Damals hatte die Gebärdensprache vermutlich schon ein paar tausend Jahre hinter sich. Es wird angenommen, dass bereits der Steinzeitmensch mangels voll ausgebildeten Stimmapparats Gebärdensprache verwendete - womit sie die älteste Sprache der Welt wäre. Als eigenständiges Sprachsystem nachweisbar ist sie allerdings erst, seit es bewegte Bilder gibt. Der erste Film, in dem sie vorkommt, wurde 1903 in den USA aufgenommen.

Hierzulande teilen sich 10.000 Gehörlose 100 Dolmetscher. In Schweden - wo gleich viele Gehörlose leben - gibt es 500. Der Dolmetschermangel habe vor allem mit den Ausbildungsbedingungen zu tun, sagt Jarmer. " Viele haben einfach keine Lust, dafür nach Linz oder Graz zu ziehen." Ins Ausland zu gehen ist auch keine Option - jedenfalls nicht für jene, die danach in Österreich arbeiten wollen. (Martina Stemmer, DER STANDARD, 16.8.2012)

Österreich spricht Gebärdensprache

400.000 Hörbeeinträchtigte leben in Österreich, für rund 10.000 ist die Gebärdensprache Erstsprache. Jedes Land hat seine eigene Gebärdensprache, es gibt auch jeweils regionale Dialekte. Das verkompliziere die Kommunikation zum Teil zwar, sagt Helene Jarmer, Präsidentin des Gehörlosenbundes, die Bemühungen einiger Organisationen, eine internationale Gebärdensprache durchzusetzen, unterstützt sie trotzdem nicht. "Es wäre ja auch praktischer, wenn alle Menschen auf der Welt Deutsch sprechen würden - und trotzdem verfolgt niemand ernsthaft dieses Ziel."

www.oeglb.at

www.kinderhaende.at

www.oegsdv.at

www.wfdeaf.org

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