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Süper Markus. Löst alles, das Fett, den Dummsinn, die hartnäckigsten Fälle.
Wichtige Geschäfte hatten mich unlängst aus der Stadt geführt, als Hauswart Ali anrief und in vagen Worten einen Wasserschaden beschrieb, der den sofortigen Zutritt eines "usta", eines türkischen Handwerkers von höchst unterschiedlicher beruflicher Eignung, in die Wohnung verlangte. Ein Schlüssel wurde fernmündlich herbeigeschafft, "usta" und Hauswart ("kapacı") traten ein, und was sie sahen, hat sie Zeugenaussagen zufolge tief verstört: Straßenschuhe im Wohnungsflur, paarweise, Damen- und Männerexemplare; Zeitungen, zu Stapeln geschichtet, auf Tischen und Böden. Vielleicht auch Teller im Spülbecken mit Pesto-Resten, aber keinesfalls mehr als drei. Ich war in Eile.
Nichts macht den Weltenunterschied zwischen europäischem Barbarentum und anatolischem Ordnungssinn deutlicher als die eigenen vier Wände. In einer durchschnittlichen türkischen Wohnung landet kein Staubkorn auf dem Boden, ohne im Anflug identifiziert und abgeschossen zu werden. Jeder Besuch eines Supermarkts in der Türkei, gleichgültig welcher Größe, offenbart bereits eine verdächtig große Vielfalt an Reinigungsmitteln und dazugehörigen Instrumentarium. Es mag vielleicht nur einen Käse in der Vitrine geben, dafür aber fünf verschiedene Sorten an Scheuercreme mit Hochwaldduft und garantiert totaler Bakterienvernichtung.
Türken putzen gern und ausdauernd, gegen Geld, freiwillig, ganz allein oder im Familienverbund, morgens um sechs, nachts um elf - völlig gleichgültig. Frauen wie Männer, alt, jung, Ostanatolien oder Atatürk-Rokoko in Istanbul. Und es geht nicht um ein bisschen Boden wischen oder täglich eine Runde mit dem Staubsauger drehen. Türkisches Putzen ist Detail und Totalität: Die Fugen von Bodenfliesen in der Küche sind schon einmal ein Problem. Verdrecken leicht, sehen garstig aus. Wasserflecken an der Duschkabine, mit dem stets griffbereiten Gummiwischblatt nicht immer sicher zu entfernen, können den Aufenthalt im Badezimmer unangenehm machen. Fenster sind in so reinem Zustand zu halten, dass man sie nicht mehr sieht. Das führt zu ebenso akrobatischen wie gefährlichen Darbietungen auch älterer Frauen, die schwindelfrei und ordentlich verhüllt, barfuß oder - zur Winterzeit - schlimmer noch in rutschigen Socken auf Fenstersimsen balancieren, um mit dem Wischlappen auch noch den idiotischsten Teil jener Fertigfenster mit PVC-Rahmen zu erreichen, die mittlerweile überall im Land Holzfenster ersetzt haben, aber zum Teil nicht zu öffnen sind.
Berichtet wird auch über rituelles, Stunden dauerndes Putzen türkischer Männer nach einer entnervenden Woche im Büro, die außerordentlich flexiblen Abmachungen mit dem Chef folgend nicht selten von neun Uhr morgens bis neun Uhr abends dauert. Psychologische Erklärungen für den nationalen Putzwahn liegen deshalb nahe - so scheint es erst einmal. Ersatzhandlungen, die irgendwie einen Ausgleich herstellen und immer wieder Ordnung in ein verfahrenes Leben bringen, den Stress mit dem Chef oder der lieben Verwandtschaft wegscheuern und in der Toilette hinunterspülen. Zwangsstörungen gar, die "obsessive compulsory disorders", die viermal am Tag Fliesenfugen bürsten nötig machen oder Balkon shamponieren, auf dass der Schaum nur so aus den Abflussrohren unten an der Hauswand quillt und Hund und Katz auf dem Trottoir gleich mitwäscht. Eher nicht, meint eine befreundete türkische Psychologin. Eher die Kultur. Wir haben es zu Hause gern ordentlich.
"Temizlik imandan gelir!", heißt es, "Sauberkeit kommt vom Glauben". Ein guter Muslim hält das Haus sauber, empfängt seine Gäste in einem sauberen Haus, schaut selbst auf ein sauberes Äußeres. Und weil andere natürlich auch schauen, wer wie sauber ausschaut und bei wem es wie genau ordentlich zugeht, tritt der religiöse Aspekt etwas in den Hintergrund und macht der Sorge vor Geschwätz und übler Nachrede Platz wie überall sonst auf der Welt. Das führt uns weiter zum Durchführungsorgan des allgemeinen Putzfimmels, der "temizlikci".
Eine Putzfrau verdient im Allgemeinen zwischen 70 und 100 Lira am Tag, 30 bis 45 Euro, was gar nicht so schlecht ist. Die Betonung liegt bei "Tag", denn eine Putzfrau rollt nicht einmal kurz für zwei Stunden durch einen türkischen Haushalt, sondern hantiert von morgens bis nachmittags. Das wirft die Frage auf, was da noch zum Putzen bleibt, erst recht, wenn die Dame gar mehrmals in der Woche engagiert wird. Das Interieur von Küchenschränken ist ein gutes und schier unerschöpfliches Betätigungsfeld, so heißt es. Oft aber gleitet die Putzarbeit mangels noch putzfähiger Objekte unter Anleitung der Familienvorsteherin in den weiteren Bereich der Haushaltspflege über und beinhaltet auch die Zubereitung eines Mahls oder das Bügeln von Wäsche. Letzteres ist auch ein endliches Unternehmen und erstreckt sich deshalb gar auf das Bügeln von Unterwäsche und Socken.
Weil auch die Putzfrau ein soziales Wesen ist, das sieht und spricht, kommt es - bevor sie an der Tür läutet - nicht selten zu einer kleinen, wirklich nur sehr oberflächlichen Vorreinigung des Haushalts durch die Familienmitglieder. Just in case. Und was soll die temizlikci denken, wenn sie in ein so unordentliches Haus kommt?
Der Putzwahn findet wie bereits angesprochen seinen natürlichen Ausfluss im äußeren Erscheinungsbild. Von den Damen wird selbstverständlich nichts anderes erwartet. Den türkischen Herrn, der auf sich hält, erkennt man leicht am akkurat und wöchentlich gekürztem Haar, der teuer aussehenden, aber nicht zu dicken Armbanduhr, dem Anzughemd, das noch die Bügelfalte erkennen lässt und keinesfalls ohne Unterhemd getragen wird, der hässlichen Schwitzflecken wegen. Man spricht von "titizlik" - "titiz" ist die "Tonhöhe" -, etwas, das man im Englischen vielleicht als "sharp" und "groomed" verstehen könnte oder als Hang zum Selbigen. Pipifein, aber mit einem leichten Hang zum Manischen.
Ganz anders die Europäer und Amerikaner. Laufen herum wie Zotteltiere, aber quälen türkische Apotheker mit Fragen nach kleinen Einwegbürsten für Zahnzwischenräume und anderen Absonderlichkeiten. Haus putzen ist einfacher und fürchterlich ansteckend. Vor allem, seit die Marke mit dem eigenen Namen im Supermarktregal steht: Süper Markus. Löst alles, das Fett, den Dummsinn, die hartnäckigsten Fälle.
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Die Mütter sind schuld! :) Die zwingen die Kinder regelrecht zum ordentlich sein. Wenn die Kids dann flügge werden, tun sie sich den Putzwahn nur an, wenn Frau Mama sich anmeldet :)
Und so sauber, dass man davon essen kann, muss mein Boden nicht sein, habe ja genug Teller ;-)
Ja - Doch! Wenn ich hier in Deutschland durch (fast) türkische Städte oder Stadtteile in Berlin, Duisburg oder Köln tagsüber schlendere - habe ich auch diese Eindrücke von vollkommener Sauberkeit.
Selbstverständlich meide ich diese Stadtteile in der Dunkelheit nur deshalb, weil ich mich dann nicht so sehr an der Sauberkeit erfreuen kann! ;-)
anatolischem Ordnungssinn? komisch. Da mach ich doch dauernd ganz andere Erfahrungen in der Firma. Das Reinigungspersonal stammt fast ausschließlich aus dieser Region und von Putzfimmel keine Spur! Eher das Gegenteil. Wenn man nicht dauernd auf Defizite hinweist, wird der Dreck nur "gut verteilt" und Aufräumen beschränkt sich auf das leeren der Mistkübel (wobei die Mülltrennung nicht in deren Köpfe zu bringen ist). Die Leute wurden extra angestellt (und gut bezahlt), weil man dachte nur bei der externen Firma laufe das so. Oder bschränkt sich der Putzfimmel nur auf die eigene Wohnung?
...eben nicht als soziale Wesen, sondern eher als eine Art R2D2 aus anatolischer Fertigung, bewehrt mit Putzwagerl, wahr.
Das beseelt den Akt des Reinigens nur schwach und entsprechend, kann auch das Ergebnis aussehen.
In einer durchschnittlichen türkischen Wohnung landet kein Staubkorn auf dem Boden, ohne im Anflug identifiziert und abgeschossen zu werden. :))))))
Weil auch die Putzfrau ein soziales Wesen ist, das sieht und spricht, kommt es - bevor sie an der Tür läutet - nicht selten zu einer kleinen, wirklich nur sehr oberflächlichen Vorreinigung des Haushalts durch die Familienmitglieder. Just in case. Und was soll die temizlikci denken, wenn sie in ein so unordentliches Haus kommt? :))))))))))))))
Durch mein WG Leben bin ich mittlerweile an wundersames Verhalten gestoßen.
Vorwiegend Frauen, die im wahrsten Sinne des Wortes im eigenen Dreck leben, zwischen am Boden liegenden benutzten Unterhosen bis hin zu den verstreuten Binden. Wäscheberge, teils gewaschen, teils dreckig, dreckiges Geschirr.... etc die ganze Palette
ABER
trotzdem jeden Tag eine Stunde vorm Spiegel stehen und unglaublich viel Wert drauf legen welchen Eindruck man auf andere macht.
da gehört nicht 'aber' sondern 'und',der tag hat nur 24h und auch frauen haben noch andere dinge zu tun.wenn 'gut aussehen und gepflegt wirken' von innen und/oder außen kommende zusatzaufgabe ist,muss halt was anderes drunter leiden.und binden liegen natürlich nur bei frauen rum mangels gelegenheit bei männern...sonst würds ihnen gar nicht extra auffallen :D wieso sollten frauen besser sein müssen-wie sie richtig erkannt haben läufts dann irgendwann auf prioritätensetzung und fassade raus.
Na sorry aber wenn ich Zeit habe jeden Abend mit Freunden rum zuhängen habe ich auch Zeit meine Unterhosen im Bad aufzuheben und zumindest ins Zimmer mitzunehmen.
Bzw. die von weiten sichtbar angeschimmelte Melone in der Küche nicht auf die Seite zu schieben sondern einen Meter weiter in den Kübel zu werfen.
Solche Dinge meine ich, die alle nur wenige Sekunden gebaucht hätte.
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