Millionen Deutsche würden gern mehr arbeiten

Vor allem Frauen in Teilzeit, es hakt aber an der Kinderbetreuung. Trotzdem wollen weit mehr Menschen Stunden reduzieren

Berlin - 7,4 Millionen Deutsche suchen einen Job oder würden gern mehr arbeiten. Zu diesem Ergebnis kommt das Statistische Bundesamt in einer am Mittwoch veröffentlichten Untersuchung, die auf einer Haushaltsbefragung beruht. Um in Zeiten des drohenden Fachkräftemangels das brachliegende Potenzial an Arbeitskräften zu heben, fordern Experten den Ausbau der Kinderbetreuung. Das soll vor allem Frauen bessere Jobchancen geben.

Die größte Gruppe innerhalb des "ungenutzten Arbeitskräftepotenzials" bilden die 2,5 Millionen Erwerbslosen, die aktiv eine Beschäftigung suchen und auch kurzfristig für eine Anstellung zur Verfügung stehen. Fast zwei Millionen Teilzeitbeschäftigte möchten ihre Arbeitszeit gern erhöhen, ebenso 1,7 Millionen Vollzeitbeschäftigte. Hinzu kommt noch die sogenannte "Stille Reserve": Das sind 1,2 Millionen Männer und Frauen, die kurzfristig keinen Job annehmen können oder derzeit nicht aktiv auf Arbeitssuche sind.

Viele Beschäftigte wollen weniger arbeiten

Nach einer Studie des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) gibt es gleichzeitig jedoch weit mehr Beschäftigte, die gern weniger arbeiten wollen und entsprechende Lohneinbußen in Kauf nehmen würden. "Könnten alle Arbeitnehmer so arbeiten wie sie wollen - die einen länger, die anderen kürzer - dann würden unter dem Strich zwei Millionen zusätzliche Arbeitskräfte benötigt", sagte IMK-Arbeitsmarktexperte Hartmut Seifert.

"Die einzelnen Formen des ungenutzten Arbeitskräftepotenzials unterscheiden sich teilweise deutlich zwischen den Geschlechtern", fanden die Statistiker heraus. So liegt der Frauenanteil bei den knapp zwei Millionen Unterbeschäftigten in Teilzeit bei 72 Prozent.

Die Gründe dafür unterscheiden sich in Ost und West. Ostdeutsche weichen häufig auf Teilzeit aus, weil sie keine Vollzeittätigkeit finden. "Von westdeutschen Frauen hingegen wird eine Teilzeitbeschäftigung häufig aus persönlichen oder familiären Gründen wie beispielsweise aus Kinderbetreuungsverpflichtungen heraus angenommen", hieß es.

Dem IMK zufolge kann der Staat mit dem Ausbau von Kindertagesstätten und Ganztagsschulen dafür sorgen, dass mehr Frauen einen Job annehmen oder länger arbeiten. "Wenn es eine qualitativ und quantitativ bessere Kinderbetreuung gibt, dann werden auch mehr Frauen Vollzeit arbeiten", sagte Seifert. "Es gibt ein enormes Potenzial an gut ausgebildeten Frauen, das mobilisiert werden kann, wenn die Rahmenbedingungen stimmen." Damit lasse sich auch die drohende Fachkräftelücke verkleinern. Das sieht die von der Wirtschaft finanzierte Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) genauso. "Bei der Kinderbetreuung gibt es nach wie vor den größten Handlungsbedarf", sagte ihr Geschäftsführer Hubertus Pellengahr.

Männer dominieren bei Vollzeitbeschäftigten

Männer dominieren mit einem Anteil von 73 Prozent bei den Vollzeitbeschäftigten mit mindestens 32 Wochenstunden, die gern mehr arbeiten möchten. Sie wollen ihre Arbeitszeit jedoch meist nur um wenige Stunden erhöhen.

Der größte Teil der im Aufschwung geschaffenen Jobs wurde nach Einschätzung der Lobbygruppe INSM mit Arbeitsuchenden aus der "Stillen Reserve" besetzt. "Da sind wir auf dem richtigen Weg", sagte Geschäftsführer Pellengahr. Zudem sei es wichtig gewesen, mit den Hartz-Reformen den Arbeitsmarkt zu flexibilisieren und mehr Anreize zur Aufnahme einer Beschäftigung zu schaffen. Teilzeit werde von vielen Menschen gewünscht und sollte noch mehr ausgebaut werden - zum Vorteil der Unternehmen und der Beschäftigten. Zudem müssten Arbeitnehmer besser weiterqualifiziert werden, wenn sie nach einer Auszeit auf den Jobmarkt zurückkehren. (APA/Reuters, 15.8.2012)

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