Janusz und die Kinder

Lisa Mayr
3. September 2012, 13:07
  • "Ich wünsche niemandem etwas Böses. Ich kann das nicht. Ich
weiß nicht, wie man das macht": Janusz Korczak.
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    foto: deutsche korczak-gesellschaft

    "Ich wünsche niemandem etwas Böses. Ich kann das nicht. Ich weiß nicht, wie man das macht": Janusz Korczak.

  • Korczak musiziert mit einigen "seiner" Waisenkinder.
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    Korczak musiziert mit einigen "seiner" Waisenkinder.

  • In der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem erinnert ein Denkmal an Janusz Korczak und sein Wirken.
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    foto: joachim braun

    In der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem erinnert ein Denkmal an Janusz Korczak und sein Wirken.

Vor 70 Jahren begleitete der polnische Kinderbuchautor und Pädagoge Janusz Korczak 200 Waisenkinder in die Gaskammer, obwohl er nicht musste. Erinnerung an einen Menschenfreund

Janusz Korczak, jüdischer Arzt, Pädagoge, Schriftsteller und Leiter eines Warschauer Waisenhauses, wurde von den Nazis ermordet. Wie so viele. Dabei hätte er nicht nur einmal die Möglichkeit gehabt, dem Tod zu entgehen. Doch er wollte seine Waisenkinder nicht alleine lassen, als sie im Vernichtungslager Treblinka ins Gas geschickt wurden. "Nicht jeder ist ein Schuft", soll er gesagt haben, als ihm ein Bahnhofskommandant auf dem Weg ins KZ die Rettung anbot. Seine Spuren und die der Waisenkinder verlieren sich im August 1942 in Treblinka.

"Wollte es ihnen leichter machen"

Der Komponist Władysław Szpilman wird Augenzeuge, als die Nazis Korczak und die Kinder aus dem Warschauer Ghetto abtransportieren. Er notiert: "Lange Jahre seines Lebens hatte er mit Kindern verbracht, und auch jetzt, auf dem letzten Weg, wollte er sie nicht allein lassen. Er wollte es ihnen leichter machen. Sie würden aufs Land fahren, erklärte er den Waisenkindern. Endlich könnten sie die abscheulichen, stickigen Mauern gegen Wiesen eintauschen, auf denen Blumen wüchsen, gegen Bäche, in denen man würde baden können, gegen Wälder, wo es so viele Beeren und Pilze gäbe. Er ordnete an, sich festtäglich zu kleiden, und so hübsch herausgeputzt, in fröhlicher Stimmung, traten sie paarweise auf dem Hof an."

Szpilman ist von Korczaks Mitmenschlichkeit schier überwältigt: "Als ich ihnen an der Gęsia-Straße begegnete, sangen die Kinder, strahlend, im Chor. Korczak trug zwei der Kleinsten, die ebenfalls lächelten, auf dem Arm und erzählte ihnen etwas Lustiges. Bestimmt hat der 'Alte Doktor' noch in der Gaskammer, als das Zyklon schon die kindlichen Kehlen würgte und in den Herzen der Waisen Angst an die Stelle von Freude und Hoffnung trat, mit letzter Anstrengung geflüstert: 'Nichts, das ist nichts, Kinder', um wenigstens seinen kleinen Zöglingen den Schrecken des Übergangs vom Leben in den Tod zu ersparen."

"Dem Kinde zu dienen"

1878 wird Janusz Korczak als Henryk Goldszmit in eine wohlhabende Warschauer Anwaltsfamilie geboren. Für seine Eltern spielt Religion kaum eine Rolle, erst durch den wachsenden Antisemitismus der 1920er Jahre beginnt Henryk, sich mit seiner jüdischen Abstammung zu beschäftigen. Schon als Gymnasiast schreibt er, und früh interessieren ihn Erziehungsfragen. 1898 legt er sich das literarische Pseudonym Janusz Korczak zu, das er zeitlebens behalten wird. Er verfasst zahllose Dramen, Artikel und Romane, die stets um pädagogische Fragen kreisen. Er beginnt in Warschau Medizin zu studieren, betreut Kinder im Armenviertel, arbeitet als Erzieher. 1911 entschließt er sich gegen eine eigene Familie: "An Sohnes statt nahm ich die Idee, dem Kinde zu dienen."

1912 wird Korczak Leiter des nach seinen Plänen erbauten jüdischen Waisenhauses in der Warschauer Krochmalnastraße. Er reduziert die ärztliche Tätigkeit und konzentriert sich bald ganz auf das Waisenhaus. Mit dem Geld, das er als Schriftsteller verdient, unterstützt er arme und verwahrloste Kinder. Mehrfach fährt er als unbezahlter Betreuer zu sogenannten Sommerkolonien - durch Spenden finanzierte Ferienlager für Kinder des städtischen Proletariats. Im Ersten Weltkrieg arbeitet er als Militärarzt, vermutlich entsteht in dieser Zeit sein erstes pädagogisches Hauptwerk - "Wie liebt man ein Kind".

Keine Emigration - der Kinder wegen

Nach dem Krieg übernimmt er die Leitung eines zweiten Waisenhauses, unterrichtet als Dozent für Sonderpädagogik, wird Sachverständiger für Erziehungsfragen und Redakteur der Kinderzeitung "Mały Przegląd" (Kleine Rundschau). Angesichts des immer bedrohlicheren Antisemitismus beschäftigt er sich ab Mitte der 1930er Jahre mit dem Zionismus und reist zweimal nach Palästina. Der Kinder wegen entschließt er sich aber gegen die Emigration. 1935 heuert er beim polnischen Rundfunk an, plaudert vor dem Mikrofon mit Kindern und über Kinder. 

Im September 1939 starten die Nazis ihren Polenfeldzug, im Oktober folgt der Befehl zur Umsiedlung der gesamten jüdischen Bevölkerung Warschaus ins Ghetto. Auch Korczaks Kinder müssen umziehen. Den schrecklichen Bedingungen im Ghetto zum Trotz findet Korzcak noch die Kraft für schriftliche Notizen. Im August 1942 beginnen die Nazis mit dem Abtransport von 192 Waisenkindern ins Vernichtungslager Treblinka. Korczak weiß, was die Kinder dort erwartet. Er lässt sie nicht allein.

Seiner Zeit weit voraus

Was bleibt, ist die Erinnerung an einen großen Humanisten - und an einen hellsichtigen Pädagogen und frühen Kämpfer für Kinderrechte. Korczaks Bücher sind auch heute noch überaus populär - nicht nur in Polen. Seine Erziehungsideale seien absolut aktuell, sagt die polnische Erziehungswissenschaftlerin Krystyna Starczewska. "Erziehung nach seinen Idealen heißt nicht, ein Kind zu formen, sondern in Dialog mit ihm zu treten."

Korczak trat gegen Prügelstrafe und Rohrstock auf und sah Kinder stets als individuelle Persönlichkeiten, denen Respekt durch die Erwachsenen zustand. Er plädierte für Unterstützung statt Zwang in der Erziehung, für Förderung und Liebe statt Drill und Angst. In Korczaks Waisenhaus gab es ein sogenanntes Kindergericht - die Kinder sollten selbst entscheiden, wie sie mit Verfehlungen anderer Kinder umgehen wollten. Im hauseigenen Kinderparlament und einer Zeitung konnten die Buben und Mädchen ihre Bedürfnisse und Wünsche selbst ausdrücken. All das zu einer Zeit, in der das herrschende Erziehungsideal vor allem darin bestand, Kindern eigene Gedanken und Gefühle auszutreiben. (Lisa Mayr, derStandard.at, 3.9.2012)


Janusz Korczaks gesammelte Werke sind in deutscher Übersetzung im Gütersloher Verlagshaus erschienen.

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"Als ob eine ganze Bibliothek verbrennt"

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Für manche Helden gibt es kein Attribut, das die ehrerbietige Achtung ausdrücken könnte.

Ich hab noch als Schüler die Geschichte als Theaterstück gesehen ( "Korzcak und die Kinder"von Erwin Sylvanus)
Es hat mich zutiefst beeindruckt und bis heute beeinflußt.

Für die Qualität dieses Mannes als Mensch gibts keine passende Kategorie. Jedenfalls gehört er zu den Menschen die nicht vergessen werden dürfen.

Berichte über die vielen unschuldigen Opfer während der ns-Zeit berühren mich sehr tief, machen mich fassungslos, traurig, zornig....

In unseren Gedanken muss Janusz Korczak weiterleben!
Eines von seinen vielen Zitaten :

"Wir sollten Achtung haben vor den Geheimnissen und Schwankungen der schweren Arbeit des Wachsens! Wir sollten Achtung haben vor der gegenwärtigen Stunde, vor dem heutigen Tag. Wie soll das Kind imstande sein, morgen zu leben, wenn wir ihm heute nicht gestatten, ein verantwortungsvolles, bewusstes Leben zu führen?"

Ich habe Angst

vor der Antwort auf die Frage, ob ich ebenso gehandelt hätte?

Ein grosser Mensch - ein wirkliches Vorbild!

wozu auch diese frage stellen?

lieber im jetzt sich für hilfsbedürftige menschen einsetzen, als sich in der beantwortung hypothetischer fragen selbst für seine vermeintlichen charakterschwächen zu bedauern ... ;-)

Ich denke, du kennst die Antwort.
Genauso wie ich die Antwort für mich kenne bei so einer Frage.

Nun, das macht uns nicht zu schlechteren Menschen, sondern einfach nur zu - Menschen.

Es vermittelt uns in unserem tiefsten Inneren aber auch die wirkliche Größe von Menschen wie Korczak.

Wie du schon sagtest, ein wirklich großen Vorbild.

---

Also wer nicht eine tiefe Betroffenheit in seiner Brust verspürt wenn er der den Gang der Kinder in den Tod liest, der tut mir einfach nur Leid. Ich mußte 5 Minuten lang nur heulen bei dem Gedanken daran. Manches ist einfach zu grausam und schrecklich um es sich vorstellen zu können.

Zu Ihrem Posting passend...

Laut Aussage eines Überlebenden hat ein einziges mal ein Mensch, ein Baby, die Gaskammer überlebt - als unglaubliches Wunder dem Aufseher mitgeteilt, hat dieser das Baby dann erschossen.

Ja, das ist in Berichten von Mitgliedern des Sonderkommandos in Auschwitz enthalten.

Im Artikel wird übrigens erwähnt, dass Zyklon B in Treblinka eingesetzt wurde. Das wäre mir neu. Soviel ich weiss, wurde dort "langsam" mit Abgasen getötet, was das Sterben für die Opfer noch qualvoller machte.
Für jeden der sich Lebensberichte über Treblinka zumuten möchte, kann ich das Buch
"Ich bin der letzte Jude" (Chil Rajchman)
empfehlen. Es ist von allen Büchern von KZ/Vernichtungslagern-Überlebenden das Furchtbarste (wenn man hier überhaupt eine Wertung machen sollte)

bei mir war das "sieben sagen aus - zeugen im eichmann-prozeß". ein buch, das heute anscheinend nicht mehr erhältlich ist. ich hatte aus aus der bibliothek meines großvaters - eines ehemaligen offiziersanwärters der waffen-ss.

ich habe bei der lektüre als bursch vor vielen jahren gelernt, zu was menschen fähig sind und dass es bei vielen "holocaustleugnern etc" wohl hauptsächlich an phantasie mangelt. es gehört eine gewisse begabung dazu, sich dieses grauen begreifbar zu machen.

die liste an kandidaten, die ich so lange bei wasser und brot in einem - bis auf stuhl, schreibtisch, lampe, diesem buch und schreibzeug - leeren raum eingesperrt sehen wollte, bis sie einen mindestens 20 seitigen essay fertiggestellt haben, wird nicht kleiner...

Danke für den Buchtipp. Überlege ob ich mir das Buch gebraucht kaufe. Bei Amazon wird das offenbar angeboten.

http://www.amazon.de/Sieben-sa... gen+aus%22

Können Sie mir sagen, aus welchen Jahr dieses Buch ist und wer es geschrieben hat.

Ich habe auch den Eindruck, dass es schon wichtig ist, solche Bücher konkret zu lesen, weil Berichte einfach eine Tiefe vermitteln, die mit Filmen nicht erreicht werden können. Leider mache ich die Erfahrung, dass viele meiner Bekannten gar nicht daran interessiert sind und mich eher ungläubig fragen, warum ich über dieses Thema überhaupt was lese, wenn doch eh "alles" bekannt ist.

es ist die ausgabe, die auch auf amazon ist.

es ist überhaupt nicht alles "bekannt". dass millionen menschen ermordet wurden "wissen" die meisten. wie das konkret ablief entzieht sich bildlicher darstellung und phantasie - ich denke das hat mit gründen des selbstschutzes zu tun. selbstschutz als mensch. das geht zu nah und nagt and er basis.

diesen film hab ich hier jetzt auch schon öfters empfohlen: http://www.imdb.com/title/tt2375605/

ps: pardon, dass ich hier im keller wühle. bin zufällig auf den artikel gestoßen und hab nicht gemerkt, dass er so alt ist.. ;)

Macht nichts, dass der Artikel alt ist. Es ist sehr interessant was Sie posten. Das mit dem Selbstschutz stimmt sicher. Eine Merkwürdigkeit die ich in meinem Umfeld festgestellt habe ist, dass manche Leute wenn ich Ihnen erzähle, dass ich Bücher von KZ-Überlebenden lese mit so Antworten kommen ala "Ja, das war schon alles schlimm, aber irgendwann aus mit den Schuldzuweisungen einmal aus sein. Schau, der Stalin war ja auch arg. usw." Oder noch schlimmer: "Schau was die Israelis mit den Palästinsern heute machen." was von unvorstellbarer Ahnungslosigkeit vom Holocaust zeugt.

Die Beschäftigung mit diesem Thema an sich hat in Österreich eine enge Verknüpfung mit Schuld. Das macht pessimistisch, dass hier sowenig Verständnis existiert.

in deutschland taucht diese "schlusstrich-debatte" auch immer wieder auf. das ist aber weit rechts vom mainstream und wird nicht toleriert.
die differenz zwischen schuld (identifikation) und verantwortung (reflektion) wird in österreich weniger genau erkannt. das hat wohl gründe, die weiter zurückreichen als bis 1945 oder 1938. im besten falle kann man das selbst nur im historischen und kulturellen kontext betrachten und milde walten lassen...wenn man noch tiefer gräbt, findet man wohl auch scham unter dem abwehrreflex "schuld". geht man da aggressiv ran, wird das alles nur verhärtet.

genozid und unmenschlichkeit in einen nationalen oder auch kulturellen kontext zu setzen ist eh kurzsichtig. das liegt tiefer.

"Dabei hätte er nicht nur einmal die Möglichkeit gehabt, dem Tod zu entgehen."
naja, irgendwann hätte es ihn als Juden leider sicher erwischt.

Der Artikel ist gut geschrieben!

würde mich interessieren...

ob Roberto Benigni diese Geschichte kannte, als er "Das Leben ist schön" machte.

Im Film "Uprising"

wurde ihm jedenfalls ein kleines Denkmal gesetzt, sehr sehenswert:

http://de.wikipedia.org/wiki/Upri... r_Aufstand

Es gobt in Polen tausende Schulen nach Ihm benannt

Auch interessant http://www.juedische-allgemeine.de/article/v... 13624esant

Janusz Korczak-Schule auch in Wien

Wir sind sehr stolz, nach den Grundsätzen Janusz Korczaks unterrichten zu können.
Viele Zitate aus seinen pädagogischen Schriften sind unvergleichlich, aber für uns Lehrer gilt besonders folgendes:
"Wenn ich mich mit einem Kind beschäftige, habe ich zwei Empfindungen: Zuneigung für das, was es heute ist, und Achtung vor dem, was es werden kann."
Das Wirken Korczaks wird hier lebendig gehalten und gelebt. Tag für Tag - daher werden er und "seine" Kinder auch nicht vergessen. Unsere Website, eine kleine permanente Ausstellung im Schulhaus und "unsere" Kinder tragen das Wissen hinaus.
In dem Sinne - einen schönen Schulbeginn!

einer meiner absoluten Lieblingsfilme!!:)

same

war auch mein erster gedanke...

Wer kann angesichts der bekundeten Anerkennung für Janusz Korczak hier rote Striche vergeben. Wie gesagt, hier herrscht ein billiger Rotstrich.

Ich danke dem WebStandard

für diesen bewegenden Bericht.

ich kann mich nur in hochachtung und demut verbeugen.

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