Eine dreizehnjährige Hure

Bianca Blei
16. August 2012, 05:30
  • Drei Jahre lang wurde Anna Maria Scarfò immer wieder in ihrem Heimatort vergewaltigt.
    foto: apa/helmut fohringer

    Drei Jahre lang wurde Anna Maria Scarfò immer wieder in ihrem Heimatort vergewaltigt.

  • Am 17. August erscheint das Buch "Sommer des Schweigens" im Bastei Lübbe Verlag.
    foto: bastei lübbe

    Am 17. August erscheint das Buch "Sommer des Schweigens" im Bastei Lübbe Verlag.

Anna Maria Scarfò wurde jahrelang von mehreren Männern vergewaltigt. Die Bewohner ihres italienischen Heimatortes sahen dabei zu

"Dies ist die Geschichte einer dreizehnjährigen Hure. Meine Geschichte. Es ist nicht leicht, sie aufzuschreiben. Und genauso wenig wird es leicht sein, sie zu lesen. (...) Doch wenn Sie einmal damit anfangen, dann haben Sie auch den Mut und lesen Sie es ganz zu Ende, so wie ich den Mut hatte, alles zu durchleben, wovon ich Ihnen erzählen werde."

In dem Buch "Sommer des Schweigens" erzählt Anna Maria Scarfò mithilfe der italienischen Journalistin Cristina Zagaria ihre bewegende Geschichte. "Ich musste alles schnell niederschreiben", erzählt Zagaria im Gespräch mit derStandard.at. Das Thema war zu schmerzlich, um es allzu lange "in meinem Kopf, auf meiner Haut, in meinem Computer zu behalten". Die Journalistin erfuhr von Scarfòs Geschichte über den Hinweis einer Leserin ihres Blogs. "Ich habe mich gefragt: Warum erzählt sie keiner?" Kurz darauf traf sie Anna Maria in Kalabrien. "Mein erster Eindruck war: Die ist tough!"

Dutzende Vergewaltigungen

Sätze wie "Ich will nicht davonlaufen. Ich trage keine Schuld" oder "Niemand kann mir etwas antun. Denn sie haben schon alles getan" lassen die Leser diese mentale Stärke erahnen. Schonungslos beschreibt Scarfò ihren Leidensweg. An Anna Marias 13. Geburtstag, dem 11. März 1999, spricht Domenico Cucinotta das Mädchen zum ersten Mal an. "Ich möchte mich mit dir verloben", verspricht ihr der 20-Jährige. Dieser Satz ist der Beginn einer jahrelangen Tortur: Dutzende Vergewaltigungen durch Cucinotta, seine Freunde und schlussendlich auch fremde Männer. 

Die erste Vergewaltigung geschah in einer Hütte außerhalb des Dorfes. Noch heute erinnert sich Anna Maria an die Gerüche, die Stimmen und die Schmerzen. Nur ihre Gesichter blendet die junge Frau nach wie vor aus. Vier Männer legten das damals 13-jährige Mädchen auf einen Tisch und missbrauchten es immer wieder. "Ich habe geglaubt, ich sterbe. Aber ich habe weitergelebt."

Der Priester "befreite sie von der Schuld"

Um diese Schmerzen nie wieder durchleiden zu mussen, versuchte das Mädchen kurz danach das erste Mal ihren Peinigern zu entkommen. Anna Maria sprach mit dem Priester der örtlichen Kirche, der ihr "verbot", weiterhin vorehelichen Sex mit älteren Männern zu haben und sie von ihrer "Schuld befreite".

Schließlich wurde sie von einer Nonne des Dorfes zu einem Schwangerschaftstest gezwungen und zu einem Internat in einer anderen Stadt gebracht. Dort wollte man sie nicht aufnehmen, weil sie keine Jungfrau mehr war. Dass das Mädchen selbst Schuld an dem Geschehenen hatte, stand für die kirchlichen Vertreter nie außer Zweifel. "Du darfst so etwas nie wieder tun", schärfte ihr die Nonne ein.

Scham und Angst

Um sich selbst zu schützen, beschloss Anna Maria erwachsen zu werden. Sie warf mit ihren Stofftieren auch ihre Kindheit in Kisten und weinte nur noch ein einziges Mal. Sie war fünfzehn Jahre alt, hatte keine Arbeit und keine Freunde.  Das war laut Scarfò auch der Grund, wieso sie den Männern aus dem Dorf folgte. Sie waren die einzigen Menschen, mit denen sie sich treffen konnte.

Anna Maria wurde von ihnen am Handy angerufen, dann musste sie an einem vereinbarten Treffpunkt erscheinen. Sie tat es, weil sie nicht wollte, dass die Männer von ihren Taten erzählen. Zu groß war die eigene Scham und die Angst, dass ihre Eltern in dem streng katholischen Dorf den Gehässigkeiten der Bevölkerung ausgesetzt werden. Um jeden Preis wollte sie ihre Familie vor den Verbrechen beschützen. 

"Aus Liebe zu meiner Schwester"

Waren es zu Beginn immer die gleichen Männer aus dem Dorf, die Anna Maria missbrauchten, beteiligten sich mit den Jahren immer mehr Personen an den Verbrechen. Das Mädchen wurde zu ihrem Eigentum, das sie weiterreichten, um Schulden zu tilgen oder Gefälligkeiten zu erweisen. Nach den Vergewaltigungen traten sie mit den Schuhen in ihren Bauch, um sicherzugehen, dass sie nicht schwanger wurde. "Ich spüre keine Angst mehr. Ich spüre keinen Ekel. Ich spüre keine Wut. Nur eines hat sich nie geändert. Ich habe mich nicht daran gewöhnt."

Ihr eigener Körper wurde Anna Maria gleichgültig. Sie akzeptierte ihr Schicksal und arrangierte sich mit den Verbrechern. Doch um ihre kleine Schwester zu beschützen, beschloss sie, zu kämpfen. "Als ich endlich gesagt habe, es reicht, habe ich das aus Liebe zu meiner Schwester getan. Für mich hatte ich keine Liebe mehr. Habe ich nie gehabt." 2002 forderten ihre Peiniger, dass sie zum nächsten Treffen ihre damals 13-jährige Schwester mitbringen sollte. Das war der Moment als Anna Maria aufwachte.

Der Hass des Dorfes

Von diesem Augenblick an wehrte sich Scarfò: Nach drei Jahren Tortur erstattete sie Anzeige bei der Polizei und zog sie auch nicht mehr zurück, als ihre Peiniger ihre Eltern unter Druck setzten. Die damals 16-Jährige blieb auch dann noch auf ihrem Weg, als sich das gesamte Dorf gegen sie wendete: Als "die Rotte" ihren Hund erschlug, immer wieder bei ihr zu Hause anrief und sie als "Hure" oder "Schlampe" beschimpfte.

Ihre Mutter schloss sich ihrer Anzeige an und unterstützte damit ihre Tochter. Anna Marias Stütze während der darauffolgenden Prozesse war allerdings ihre Anwältin, die sie liebevoll Avvocatessa nennt, obwohl es im Italienischen keine weibliche Form des Wortes gibt. "Dank ihr stelle ich mich den Untersuchungen bei Frauenärzten und Psychiatern, den Vernehmungen. Dank ihr stelle ich mich dem Prozess", schreibt Scarfò über sie.

Umfassendes Schutzprogramm

Insgesamt 12 Männer zeigte die junge Frau an, fast alle wurden verurteilt. Das Gericht war auf Anna Marias Seite, das Dorf noch lange nicht. Weil die Verfolgungen und Beschimpfungen auch nach den Schuldsprüchen nicht aufhörten, bot der italienische Staat der Frau ein umfassendes Schutzprogramm an. Zum ersten Mal in der Geschichte Italiens wurde einem Stalking-Opfer solch ein Schutz zugesprochen.

Obwohl sie ihren Ort und ihre Familie nicht verlassen wollte, wurde der psychische Druck auf die mittlerweile 24-jährige Frau zu groß. "Acht Jahre nach der Anzeige und nach vier Prozessen haben die Drohungen nicht aufgehört." Seit dem Jahr 2010 lebt sie nicht mehr in ihrem Heimatdorf und unter ständigem Polizeischutz.

Aufwühlende Diskussionen bei Präsentationen

Noch immer löst das Buch "Sommer des Schweigens" laut Autorin Cristina Zagaria "heftige, emotionale und aufwühlende Diskussionen aus, egal wo wir es vorstellen". Das Schönste an der Arbeit war für die Journalistin allerdings der Kontakt zu Anna Maria selbst: "Mit ihr über ihre Träume, ihre Zukunft, ihre Hoffnungen zu reden und nicht über Gewalt, die ihr angetan wurde. Das hat mich bewegt."

Viele Personen wollten die Veröffentlichung des Buches verhindern, erzählt Zagaria. So wurden Dutzende Drohungen auf dem Blog der Journalistin gepostet.Und trotzdem, oder gerade deshalb, ist es die Geschichte wert, erzählt zu werden. (Bianca Blei, derStandard.at, 16.8.2012)

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Was mit einem Täter in Europa passiert der Minderjährige gerne hat

kann man hier nachlesen.....

http://tinyurl.com/8b92bnd

sie wurde jahrelang missbraucht und vergewaltigt, wieso in aller welt bezeichnet sie sich als "hure" ?

Habe das Buch jetzt fertig gelesen...

... und es ist erschreckend "trocken" geschrieben.

Kein gejammere, keine pikanten Details. Einfach nur das was passiert ist.

Aber genau dieser Schreibstil macht das Buch so grausam. Alles was das Mädchen/junge Frau erlebt hat einfach so zu sagen, es ist einfach wahnsinnig!

Anfangs habe ich echt überlegt ob ich es lesen soll, denn im Proleg steht (zirka) "Wer es anfängt zu lesen, soll den Mut haben es fertig zu lesen, so wie ich den Mut hatte, diese Zeit zu überstehen".
Das hört sich ja doch etwas schrecklich an.

Aber es ist nicht schrecklich zum lesen, vielleicht etwas bizar, aber auf alle Fälle sollte man es lesen!

Danke Bianca Blei, dass Sie mich durch Ihren Artikel auf dieses Buch gebracht haben!

Wie gewalttätig und dumm ihre Pinniger sind lässt einen nur verzeifeln. Das en ganzes Dorf so dumm ist ein Armutszeugniss für die Menscheit.

Nach den Vergewaltigungen traten sie mit den Schuhen in ihren Bauch, um sicherzugehen, dass sie nicht schwanger wurde.
Menschlich und biologisch durgefallen.

Der Priester und dann die Nonne - so sind sie, die Katholen mit ihrer verlogenen Moral. Einem vergewaltigten Teenager zu erklären, sie solle auf vorehelichen Verkehr verzichten, das ist einfach nur krank.

Ich schließe mich der Aufforderung des BlackAdder unten an.
Wer dem Posting von tcfkasc rote Striche verpasst, sollte auch den Mut zeigen, seine Argumente zu erörtern.

Ich würde gerne die rotstrichler vor den vorhang bitten und mir ihren standpunkt zu erklären, was gibt es hier zu beschönigen ?

Nun, ihr mutigen, traut euch.

Das ist zynischer Sadismus.

Falls so ein "Rat" nicht von katholischen Geistlichen käme,
könnte man hierbei nur eine unpassend satirische Aussage vermuten.

... RESPEKT vor dieser Frau... ihrer Stärke und dem anscheinend ungebrochenen Lebenswillen...

Geschah das wirklich in der heutigen, modernen Zeit? Wo waren die Eltern, außer dass sie später auf der Seite ihrer Tochter standen, steht hier gar nix von deren Verantwortung....

Abgeschrieben?

Bei Josephine M. aus Wien?

ich schätz, sie werdens lesen müssen, um das heraus zu finden.

Selbst wenn diese Frau M. ähnliches durchlitten hat und auch zu Papier gebracht hat

ist es nicht abgeschrieben!!!!

Josephine Ms Erlebnisse entstamen der Phantasie des Bambi- Autors

z.B. ab morgen käuflich bei Amazon

Ob die Täter in Ecuador Asyl bekommen?

Selten so ein dummes Posting gelesen.

Die Wahrheit kann sehr hart sein.

Sie müssen aus diesem unsäglichen italienischen Dorf sein, wenn Sie solche dummen Vergleiche ziehen.

ein böser und falscher Vergleich

der den sie meinen hatte einvernehmlichen, wenn auch ungeschützten verkehr. wenn sie das mit dem im Artikel beschriebenen vergleichen oder gar gleichsetzen wollen, ist ihnen nicht zu helfen.

Sie waren wohl dabei wenn Sie behaupten es wäre einvernehmlich gewesen, hm?

Wären sie nicht so frei von geist, und hätten die berichterstattung verfolgt, dann wüssten sie daß nicht mal die angeblich vergewaltigten frauen eine vergewaltigung sehen, und auch keine zur anzeige gebracht haben, hier wurden die behörden sogar gegen deren willen tätig.

Ist er schon verurteilt worden? Nein? Dann gilt die Unschuldsvermutung!

die hellseherischen fähigkeiten aller freunde und fans von (angeblichen oder überführten) vergewaltigern und sexualstraftätern erstaunen mich jedes mal aufs neue.

Dazu muss ich sagen, dass die hellseherischen Fähigkeiten der Vorverurteiler dem in Nichs, aber auch schon gar Nichts nachstehen.

Wieso Sie die "angeblichen" und die "überführten" Vergewaltiger in einen Topf werfen, ist mir überhaupt schleierhaft. Da könnt ich ja hergehen, auf IRGENDWEN zeigen und laut "Vergewaltiger" rufen - und schwupps- hat dieser arme Mann jegliche Freundschaft, die ihn mit irgendwem verbindet verspielt, weil mir grad so danach war?

Ihr Gerechtigkeitsgefühl erstaunt mich jetzt aber überaus.
Gerade bei Assange MUSS ich die Möglichkeit in betracht ziehen, dass die Anklägerinnen gekauft sind.

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