GNOME-Designer McCann: "So optimistisch wie schon lange nicht mehr"

Interview |
  • Der aktuelle Entwicklungsstand des Dateimanagers von GNOME 3.6. Und auf besonderen Wunsch der LeserInnen: Ein Kätzchen.
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    screenshot: andreas proschofsky / derstandard.at

    Der aktuelle Entwicklungsstand des Dateimanagers von GNOME 3.6. Und auf besonderen Wunsch der LeserInnen: Ein Kätzchen.

  • GNOME-Designer und Red-Hat-Entwickler William Jon McCann.
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    foto: william jon mccann

    GNOME-Designer und Red-Hat-Entwickler William Jon McCann.

Ein Interview über GNOME OS, die Auswirkungen des Rückzugs von Ubuntu-Hersteller Canconical, das Streichen von Features und die Problematik der Linux-Distributionsvielfalt

Mit GNOME3 hat sich das mittlerweile bereits 15 Jahre alte Linux-Desktop vor rund eineinhalb Jahren eine Art Neustart verpasst: Eine neue User Experience in Form der GNOME Shell soll die Nutzung vor allem für EinsteigerInnen vereinfachen, dabei auch viele althergebrachte Konzepte grundlegend hinterfragen. Von Anfang an betonte man dabei, dass mit GNOME3 einhergehenden Änderungen nicht mit der ersten Version abgeschlossen sein werden, sondern vieles erst in spätere Releases einfließen soll. So widment man sich aktuell vor allem dem Umbau der Kernanwendungen, nach dem Web-Browser Epiphany wird dabei gerade eifrig am Dateimanager Nautilus herumgeschraubt.

All dies unter nicht gerade unbeschwerten Vorzeichen: Die Kritik an GNOME3 und den damit vorgenommenen Änderungen will nicht so recht verebben. Zuletzt hatte mit Red-Hat-Entwickler Benjamin Otte selbst ein "Insider" Kritik geübt und eine existenzbedrohende Krise suggeriert. Beim Projekt selbst zeigt man sich davon allerdings unbeeindruckt, und plant bereits die weitere Zukunft: Mit GNOME OS soll der Desktop in den kommenden 18 Monaten zum eigenen Betriebssystem ausgebaut werden. Auch wenn man vorerst nur EntwicklerInnen und Testwillige als Zielgruppe anvisiert, ist dies doch ein weiterer großer Schritt für den Desktop, der vor einigen Releases Ubuntu als wichtigste Veröffentlichungsplattform verloren hat.

Über all diese Themen und zahlreiche weitere für den Linux-Desktop relevante Punkte hat sich derStandard.at am Rand der Ende Juli im spanischen A Coruña abgehaltenen GUADEC-Konferenz mit GNOME-Designer und Red-Hat-Entwickler William Jon McCann unterhalten. Das folgende Interview gibt es neben der unten stehenden Übersetzung auch wieder in einer - ungekürzten - englischsprachigen Originalfassung.

derStandard.at: Windows Vista wurde oft als (verpasste) Chance für den Linux-Desktop bezeichnet. Im Moment macht es den Anschein als hätte Windows 8 das Potential ebenfalls zahlreiche "klassische" Microsoft-NutzerInnen zu verärgern, tut sich hier eine neue Chance auf?

William Jon McCann: Das wird bei jeder neuen Windows-Version gesagt, ich bin mir aber nicht sicher, ob das auch stimmt.

Ich persönlich - und ich kann hier weder für meine Firma noch für meine Kollegen sprechen - bin auch gar nicht sonderlich daran interessiert, Leute von Windows abzuwerben. Das war vielleicht vor 10 Jahren eine interessante Aufgabenstellung, aber ich glaube, dass es heute nicht mehr nötig ist, jemanden davon zu überzeugen, Windows zu verlassen - das wird von ganz alleine passieren. Die Leute orientieren sich immer mehr an neuen Geräteklassen, und sind somit viel weniger abhängig von Windows als früher.

Aus den gleichen Gründen, aus denen wir GNOME2 abgelöst haben, wird derzeit verstärkt nach neuen Wegen, mit dem Computer zu interagieren, gesucht. Mit GNOME2 haben wir versucht ein freies Desktop-Computer-System zu entwickeln. Irgendwann mussten wir uns aber fragen: Sind es noch immer die selben Probleme, die es zu lösen gilt? Und tatsächlich sind sie das nicht mehr. Es gibt längst eine Vielfalt an Formaktoren, unterschiedlichen Geräteklassen und Interaktionsmodellen - zudem arbeiten die Leute mittlerweile mit Online-Services gleichviel - wenn nicht sogar mehr - als mit lokalen Daten. Insofern tun sich hier jede Menge Chancen auf.

derStandard.at: Was ist bei all dem die Zielgruppe von GNOME?

William Jon McCann: Zunächst haben wir einmal bestehende Partner, die GNOME verwenden, um damit Geld zu machen, um ihre Kunden zu beliefern. GNOME selbst hat ja keine Kunden - was derzeit allerdings im Zentrum einiger Diskussionen steht. Warum haben wir eigentlich selbst keine direkten Nutzen? Warum gibt es diese Distanz? Und ich glaube viele sind davon überzeugt, dass wir diese Distanz überwinden müssen.

derStandard.at: Stimmen Sie dem zu?

William Jon McCann: Das tue ich. Ich glaube nicht, dass wir das alleine mit den jetzigen Partnern schaffen können, wir müssen neue Wege finden, eine breitere Öffentlichkeit zu erreichen.

Nehmen wir die zuvor erwähnten Windows-Nutzer her, die potentiell an unserer Software interessiert sein könnten. Derzeit wüsste ich nicht einmal, wie sie an GNOME herankommen sollen. Warum gibt es keine Geräte, die mit GNOME ausgeliefert werden? Das wäre der "natürlichste" Weg unsere Software zu vertreiben.

derStandard.at: Apple und Microsoft scheinen die Zukunft in einer Zusammenführung des mobilen Bereichs mit dem Desktop zu sehen. Insofern stellt sich natürlich auch die Frage. Was ist die Zielplattform für GNOME? Sind das noch die klassischen Workstation-Rechner, oder geht alles in Richtung Tablet - oder gar eine Mischung aus beiden?

William Jon McCann: Ich befürchte, dass wir uns das nicht wirklich aussuchen können, diese Entscheidungen werden von den großen Unternehmen getroffen. Und das ist auch nicht neu: Es war schon immer so, dass wir dem Markt folgen, und versuchen unsere Software auf möglichst allem zum Laufen zu bringen, was so verfügbar ist. Aber es gibt natürlich Grenzen, was wir mit GNOME machen können.

Das primäre Ziel für GNOME3 sind Laptops, die heutzutage - im nicht-mobilen Bereich - die überwältigende Mehrheit der Computernutzung repräsentieren. Das zweite große Ziel sind hochperformante Workstations. Wir haben einige Kritik dafür bekommen, weil wir angeblich nicht mehr an solchen Plattformen interessiert wären, das ist aber schlicht falsch. Immerhin verwenden wir diese selbst, also sind wir auch höchst daran interessiert, dass sie perfekt funktionieren.

Darüber hinaus wollen wir aber auch Tablets zumindest bis zu einem gewissen Maß abdecken. Dies alleine schon, weil es für einen guten Teil aktueller Laptops nötig ist: Für jene "Convertibles", die auch als Tablets genutzt werden können, bei denen wir bisher allerdings ziemlich kläglich versagen. Wir benötigen also einen "Hybrid"-Ansatz, einen mit dem wir vor allem die klassische Laptop-Nutzung mit genauer Steuerung abdecken, der aber zumindest eine rudimentäre Unterstützung für Touch-Steuerung bietet.

derStandard.at: Während der Konferenz wurde der Begriff "GNOME OS" immer wieder erwähnt. Was ist ihre Vision von solch einem System? Nur ein neuer Weg, um den EntwicklerInnen GNOME an die Hand zu geben? Eine Art Referenz-Distribution? Oder ein vollständiges Betriebssystem?

William Jon McCann: Ich definiere Betriebssystem anhand von zwei Dingen: Eine gut durchdachte "User Experience" und eine wohl abgegrenzte "Developer Experience". Diese zwei Sachen müssen wir abdecken, alles andere ist ein Implementationsdetail - hinunter bis zur Hardware.

Ich weiß nicht, ob Sie Lennarts Vortrag gesehen haben, aber er hat darin aufgerufen, dass die Bedürfnisse der User und Developer Experience die Entwicklungsrichtung der darunter liegenden Systembestandteile bestimmen sollten. Es teilen also auch Entwickler und nicht "nur" Designer diese Einschätzung.

derStandard.at: Bleibt aber die Frage: Wie liefert man all das an die NutzerInnen aus? Ubuntu hat eine eigene Distribution, GNOME muss sich auf andere verlassen...

William Jon McCann: Das stimmt natürlich. Aber es ist nicht nur für die Nutzer schwer, GNOME zu erhalten, auch für die Entwickler ist das nicht gerade leicht. Und mein primäres Ziel ist es derzeit letzteres zu ändern, um unsere Design-Entscheidungen schneller überprüfen, um die Auswirkungen neuer Codebeiträge ausprobieren zu können. Wir brauchen etwas zum Testen, um zu sehen, ob wir etwas kaputt machen.

derStandard.at: Das klingt nach einem reinen System für EntwicklerInnen. Könnte es langfristig nicht auch interessant sein, "normale" NutzerInnen als Zielgruppe zu definieren?

William Jon McCann: Mein Ziel ist es jedem die Nutzung von freier Software zu ermöglichen - und wenn wir so ein Ziel ernst nehmen, umfasst dass natürlich nicht nur Entwickler oder aktuelle Nutzer. Und wir versuchen das immer mitzudenken, unsere Designs orientieren sich bewusst an der breiten Masse. Wie wir das Ergebnis dann an die User ausliefern - das ist eine Frage, die die Community als Ganzes diskutieren und entscheiden muss.

derStandard.at: Bislang wurde GNOME3 "nur" als Teil von Community-Distributionen ausgeliefert, kommendes Jahr steht Red Hat Enterprise Linux (RHEL) 7 an, bei dem GNOME3 den Desktop bilden soll. Ist GNOME3 bereits Enterprise-tauglich?

William Jon McCann: Ich denke schon, die Enterprise-Nutzung hatten wir von Anfang an im Blick und wir bauen diese Features laufend weiter aus. Für (das kommende, Anm.) GNOME 3.6 integrieren wir beispielsweise Enterprise-Login-Support, damit sich die NutzerInnen per Kerberos authentifizieren oder an ihrer Domäne anmelden können. Zudem verbessern wird die Internationalisierung nachhaltig, indem wir IBUS integrieren.

derStandard.at: Der ebenfalls bei Red Hat beschäftige GTK+-Entwickler Benjamin Otte hat vor kurzem einen Blog-Eintrag veröffentlicht, in dem er unter anderem die Behauptung aufstellt, dass GNOME EntwicklerInnen verlieren würde. Ist das eine Folge der nicht bei allen populären Änderungen mit GNOME3 oder spielen hier andere Faktoren eine Rolle?

William Jon McCann: Ich hab da einfach einen anderen Blickwinkel. Wenn ich hier durch die Konferenz wandere, bin ich wirklich beeindruckt von der Energie, die derzeit in GNOME-Community zu sehen ist. Ich bin so optimistisch, wie schon lange nicht.

Es gab sicher eine Zeit, in der GNOME in einer Art Krise steckte, als wir nicht so recht wussten wie weiter, als uns Ziele und Visionen abgingen - das war am Ende des GNOME2-Zyklus. Also haben wir uns zusammengesetzt und gemeinsam eine Vision definiert - und sind deren Umsetzung aktiv angegangen . Und jetzt haben wir einen Plan, den wir nun schon eine ganze Zeit verfolgen.

Meiner Meinung nach gibt es durchaus berechtigte Kritik daran, dass es schwer ist an unsere Software zu kommen, aber ich seh beim besten Willen keinen Rückgang in der Entwicklung. Wenn man sich alleine die Menge und Qualität der Beiträge aus dem Google Summer of Code ansieht - das ist schlicht beeindruckend. Dadurch haben wir viele neue Mitstreiter gefunden, und das freut uns natürlich sehr.

Was wir allerdings tatsächlich sehen, ist ein Rückgang bei Testern - vor allem während der Entwicklungszyklen und außerhalb des Kreises derer, die selbst an der Entwicklung beteiligt sind. Dafür gibt es unterschiedliche Gründe, unabhängig davon ist es aber jedenfalls wichtig GNOME künftig einfacher testbar zu machen.

derStandard.at: Ist das ein Ergebnis des Abgangs von Canonicals? Immerhin war Ubuntu in der Testphase wohl die wichtigste Testplattform für GNOME?

William Jon McCann: Das ist sicher ein signifikanter Teil, ja, aber nicht der einzige. Selbst als sich Canonical noch beteiligt hat, anstatt ein eigenes Betriebssystem zu machen, hätten wir das in GNOME schon besser machen können. Warum sollten wir darauf warten, dass andere Pakete für uns bauen und ausliefern? Das ergibt nur lange Verzögerungen.

Es gibt aber noch ein anderes wichtiges Argument für so etwas wie GNOME OS: Als ich zum ersten Mal mit freier Software in Berührung gekommen bin, war das mit einem Enterprise-Produkt. Und als mir Dinge auffielen, die man meiner Meinung nach verbessern könnte, hab ich einen Patch an den Bug-Tracker der Enterprise-Distribution geschickt. Allerdings hat sich schnell herausgestellt, dass das ziemlich sinnlos ist, weil Enterprise-Versionen Jahre von der aktuellen Codebasis entfernt sind. Also habe ich es bei der Community-Ausgabe dieser Distribution versucht, aber auch da war mein Patch eigentlich zu spät dran, zwar nicht um Jahre, aber um Wochen und Monate. Und da müssen wir als Projekt uns natürlich fragen: Wie können wir es jemandem leichter machen, der in die Entwicklung einsteigen will?

derStandard.at: Eine der mit GNOME OS verbundenen Hoffnungen ist also auch mehr EntwicklerInnen anzulocken?

William Jon McCann: Absolut.

derStandard.at: Im Rahmen ihres Vortrags hier erwähnten sie die Erstellung eines eigenen Software Development Kits (SDK) für GNOME sowie eine neue Version der Human Interface Guidelines (HIG), was sind dabei die konkreten Ziele?

William Jon McCann: Die Anwendungsentwicklung für GNOME ist derzeit unglaublich mühsam, dabei sollte doch eigentlich genau dorthin die ganze Energie fließen, die ganze Vielfalt entstehen. Historisch betrachtet haben wir immer unglaublich viel "Auswahl" auf der Betriebssystemebene gehabt. Wenn man wollte, dass der eigene Computer etwas anders macht, dann war die Lösung immer "füge eine neue Option, eine Erweiterung, ein Plugin, ein Applet hinzu" - und das ist meiner Meinung nach eine vollständig falsche Herangehensweise, die direkt dazu führt, dass wir keine wie auch immer geartete "Anwendungsgeschichte" haben.

Es ist irgendwie ironisch, wenn man sich das überlegt: Eine Beschränkung der angebotenen Programmierschnittstellen vergrößert exponentiell die Zahl an zur Verfügung stehenden Anwendungen - diese Dinge stehen in einem indirekten proportionalen Verhältnis zueinander. Und ich glaube, was wir wirklich sehen wollen, sind mehr Anwendungen, mehr User.

derStandard.at: Heißt das dann nicht auch, dass Distributionen ihre Rolle in der Linux-Welt überdenken sollten? Etwa auf welcher Ebene sie sich voneinander absetzen?

William Jon McCann: Absolut. Sie könnten sich vielleicht sogar überlegen, warum sie sich überhaupt von einander unterscheiden, was ihr spezifischer Sinn ist. Und wenn es schlussendlich nur darum geht freie Software zu verbreiten, sollten wir uns fragen: Ist der bisherige Weg wirklich effektiv, oder würde es nicht Sinn machen unsere Kräfte zu bündeln. Würde unsere Anwendungsgeschichte nicht dadurch besser, wenn wir einen gemeinsam "Application Store" hätten, wenn sich eine App auf allen Systemen, die das GNOME OS implementieren, nutzen lässt? Oder ist es besser externe Entwickler weiterhin dazu zu zwingen 20 unterschiedliche Distributionen zu unterstützen. Was davon würden sie wohl tun? Was davon KÖNNEN sie überhaupt tun?

Wenn man sich die aktuelle Situation ansieht, ist es ziemlich offensichtlich, warum es praktisch keine Anwendungen für Linux gibt - es ist einfach unmöglich. Es ist unmöglich eine Anwendung zu schreiben, die problemlos auf zwei oder drei Distributionen läuft, und das selbst wenn wir nur von einer Version reden. Wer ein Programm schreiben will, das langfristig und überall läuft, hat einfach Pech gehabt.

derStandard.at: Das klingt irgendwie nach dem Konzept eines Kern-Betriebssystems, das alle teilen, und das man langfristig als stabil erklärt.

William Jon McCann: Das ist alles noch in Diskussion, insofern ist bislang nichts entschieden, aber ich glaube, so etwas ist eine ziemlich gute Idee. Ein Ansatz, der bei anderen Betriebssystemen zu funktionieren scheint, ist, gewisse Dinge als stabile Schnittstellen zu definieren, die dann allen Anwendungen zur Verfügung stehen, und den Rest als nicht-öffentliche APIs zu belassen, die nur das Betriebssystem selbst nutzen kann. Und für all das Verbliebene sollen die Anwendungen eigene Lösungen finden.

derStandard.at: Für GNOME 3.6 wird der Dateimanager Nautilus grundlegend überarbeitet. Dabei wurde auch so manches Feature entfernt, was teilweise zu sehr negativen Reaktionen in der Community geführt hat...

William Jon McCann: Ich glaube, dass das anders sein wird, wenn die finale Version erhältlich ist. Was die Leute jetzt sehen, ist eine sehr, sehr instabile Vorversion, die noch nicht mal ansatzweise fertig ist...

derStandard.at: ...es scheint aber zumindest sehr erboste Reaktionen auf die Entfernung der geteilten Ansicht (Split View / Extra Pane, Anm.) zu geben.

William Jon McCann: Es ist ziemlich schwierig herauszufinden, wie viele Leute diese Feature bisher tatsächlich einsetzen. Was klar ist, ist dass diejenigen, die es nutzen, eine ziemlich starke Meinung dazu haben. Das wissen wir, und dagegen lässt sich auch nicht viel sagen. Aber das war eben auch ein Feature, das praktisch unmöglich aufzuspüren war, wenn man nicht wusste, wo es zu suchen war. Bevor ich mich konkret mit dem Umbau des Nautilus beschäftigt habe, habe ich mich immer gefragt, wozu es diese leeren "Copy to" und "Move to"- Untermenüs gab. Wie sich herausstellte, wurden diese nur befüllt, wenn das "Extra Pane" benutzt wurde - was schon reichlich seltsam war.

derStandard.at: Worauf ich eigentlich hinaus wollte: Wenn das langfristige Ziel ist, die Notwendigkeit eines Dateimanagers mehr und mehr verschwinden zu lassen, und ihn durch spezialisierte Anwendungen wie Documents oder Videos zu ersetzen, die sich um das Aufspüren von Inhalten kümmern, warum dann nicht den Dateimanager als Power-User-Tool so mächtig wie möglich lassen?

William Jon McCann: Das ist zwar das Ziel, derzeit haben wir aber einfach noch nicht alle anvisierten Anwendungen fertig, Music und Photos fehlen beispielsweise noch. Das führt zu unterschiedlichen Problemen, eines davon: Wie findet man jetzt all diese Inhalte im Overview (der GNOME Shell, Anm.)? Konzeptionell ist es so gedacht, dass die Einzelanwendungen dafür die Infos liefern. Aber solange diese eben noch nicht fertig sind, wer liefert dann die Ergebnisse? Ich denk die logische Antwort ist "Files".

Aber da stoßen wir schon auf das nächste Problem, weil die bisherige Suchfunktionalität von Files (früher: Nautilus, Anm.) vollkommen defekt ist. In einigen Fällen hat sie mit der Desktop-Suche Tracker funktioniert, oder eben auch nicht, was beim Kompilieren fix festgelegt wurde. Dazu kommt, dass Tracker nur einen Teil der eigenen Dateien indiziert, und wenn etwa davon nicht erfasst wurde, schien es schlicht nicht auf. Und falls Tracker nicht verfügbar war, wurde es noch schlimmer, weil der Nautilus dann eine manuelle Suche durchführte, die schon mal viele Minuten brauchen konnten. Und zu all dem kam noch, dass wir keinerlei Lösung für externe Medien hatten. Zusammengefasst war die Suche also schlicht defekt. Und das war eine der wichtigsten Zielsetzungen für das Redesign, den Dateimanager auch tatsächlich für das Aufspüren von Dateien brauchbar zu machen. Was er eben bisher nicht war, er war "OK", um Dateien per Drag & Drop zu verschieben, das ist aber etwas wenig.

derStandard.at: Klingt alles ein bisschen wie die Neuerfindung der Desktop-Suche...

William Jon McCann: Ich glaube nicht, dass wir irgendwas neu erfinden. Mir fällt kein aktueller Dateimanager ein, der ohne funktionstüchtige Suchfunktion ausgeliefert wird. Das wäre geradezu verrückt - aber bei uns war das bisher so.

Das ist also der erste Bereich, den wir verbessern wollen. Der zweite ist, es einfacher zu machen, Dateien zu organisieren. Darum haben wir neue Funktionen eingebaut, wie die Möglichkeit mehrere Dateien auszuwählen und gemeinsam in einen neuen Ordner zu packen. Zudem gibt es jetzt die Möglichkeit Dateien wirklich gezielt an einen Ort zu verschieben. Bisher haben wir dafür dieses eigentlich wirklich seltsame Copy & Paste-Modell verwendet, wo man Dateien zuerst an diesen nicht näher einsehbaren Ort namens "Clipboard" verschiebt, um sie später irgendwann wieder an anderer Stelle einzufügen. Wir haben einen Fehlerbericht nach dem anderen bekommen, der zeigt, dass Copy & Paste die Leute wirklich verwirrt, wenn es um Dateien geht. Also gibt es jetzt einen direkten Weg, der eine Art "Extra Pane on Demand" darstellt: Einfach die gewünschten Dateien auswählen, "Move to" klicken und wir bieten einen Dateiauswahldialog an, um ein Ziel festzulegen. Das geht sehr schnell, und es braucht kein fixes Setup an Fenstern, ist somit in Summe effektiver.

Eine weitere Neuerung ist, dass wir beim Aufruf der Anwendung nun von Haus aus die zuletzt genutzten Dateien anzeigen. Bislang haben wir einfach das Home-Verzeichnis dargestellt, aber wie groß ist schon die Chance, dass sich dort tatsächlich das befindet, was man sucht? Meist liegt das in einem Unterverzeichnis oder gar auf einem externen Medium. Da ist die Liste der "Recent Files" sicher ein besserer Startpunkt.

Und diese Liste an Neuerungen ließe sich noch weiter fortsetzen. Wir haben also ein oder zwei Dinge entfernt, um Platz für dutzende neue Funktionen zu machen. Und der Großteil davon waren direkt Wünsche der Community in Bug-Einträgen, die zum Teil jahrelang offen waren.

derStandard.at: In einem aktuellen Vortrag hat Mark Shuttleworth betont, dass sich Canonical mit aller Kraft gegen die Kritik an Unity stellen musste, um die eigene Vision durchsetzen zu können. Ich nehme mal an, Sie sehen das ähnlich bei GNOME3...

William Jon McCann: Eigentlich glaube ich, dass sich unsere Erfahrungen grundlegend unterscheiden. Wir arbeiten als Community, wir entwickeln alles vollständig offen, was in völligem Kontrast zur Arbeitsweise von Canonical steht. Das hat natürlich Vor- und Nachteile. Leute, die sich an GNOME beteiligen wollen, können sich schon bei den frühesten Diskussion zu Wort melden. Aber sie können auch die ersten sein, die sich beschweren, es kommt einfach darauf an, welche Art von Person man ist. Wenn man alle Details des Prozesses sieht, ist es leicht sich auf einen Mockup zu beziehen, der irgendwo in einem Git-Repository hochgeladen wird, und einen Artikel daraus zu basteln, der dann einen Flamewar auslöst, obwohl es sich dabei lediglich um ein Experiment handelt. Oder wie jetzt, wo sich Leute über eine sehr, sehr frühe Testversion des Dateimanagers beschweren. Wenn wir wie Canonical arbeiten würden, würden wir nur Sachen veröffentlichen, die schon fertig sind - und auch gleich Presseaussendungen mitschicken, die alle Eventualitäten abdecken. Das ist etwas vollständig anderes.

derStandard.at: Ist die freie Softwarewelt an sich Änderungen gegenüber negativ eingestellt?

William Jon McCann: Ich denke, dass es immer so ist, dass man mehr von Leuten hört, die etwas nicht mögen als von jenen, denen es gefällt. Und das ist auch was viele, die über GNOME3 schreiben, vergessen in Betracht zu ziehen: Dass es ziemlich viele Leute gibt, die den neuen Desktop wirklich mögen. Aber wenn man etwas mag und es funktioniert einwandfrei, dann ist es Teil des Alltags und man hat nicht das Gefühl, dass man dauernd darüber sprechen muss.

Aber natürlich müssen wir auch auf die hören, die mit unserer Arbeit nicht zufrieden sind, und versuchen herauszufinden, was die eigentlichen Probleme sind, mit denen sie zu kämpfen haben. Dabei versucht man den Unterton, die Grobheit mit der das manchmal vorgetragen wird, zu ignorieren.

derStandard.at: Gewöhnt man sich mit der Zeit an diese Angriffe?

William Jon McCann: Ich lese so ziemlich alles, was jemals wer über GNOME geschrieben hat. Das mache ich jeden Morgen direkt nach dem Aufwachen, ich habe abgespeicherte Suchen für alle Online-Medien, all die sozialen Netzwerke und Mailing-Listen. Ich mache das, um daraus Informationen zu gewinnen, und so meine eigene Meinung zu bilden. Aber ich glaube nicht, dass man sich je ganz daran gewöhnen kann, wie manche Leute manchmal etwas sagen.

derStandard.at: Wir danken für das Gespräch.

(Andreas Proschofsky, derStandard.at, 19.08.12)

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