Wunderbarer Waschsalon

  • Liebevolle Wohlfühlpflege für den fahrbaren Untersatz.
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    foto: reuters/muhammad hamed

    Liebevolle Wohlfühlpflege für den fahrbaren Untersatz.

Die Deutschen lieben ihre Autos. So sehr, dass sie ihnen regelmäßig eine teure Wellness-Behandlung angedeihen lassen

Das Lammfell streicht über den Lack, Hochglanzschaum tröpfelt sanft auf die Windschutzscheibe - wenn die Deutschen ihr liebstes Kind verwöhnen wollen, scheuen sie weder Mühe noch Geld. 26 Euro etwa blättert ein 75-jähriger Pensionist für eine Autowäsche in einem Waschsalon in Essen hin, in dem täglich bis zu tausend Fahrzeuge vom Fließband laufen.

Um seinem (Überraschung!) garagengepflegten Blechkübel Wellness angedeihen zu lassen, stellt sich der Rentner sogar im Morgengrauen vor die Waschstraße, um beim Aufsperren um acht Uhr die Poleposition zu belegen.

Originell ist vor allem die in einer ZDF-Reportage vorgetragene Rechtfertigung für diese doch üppige Investition: "Autowaschen auf der Straße ist verboten, und das Wasser zu Hause kostet ja auch nicht wenig", sagt der Opa aus NRW pflichteifrig, und man merkt ihm an, dass er die Kohle lieber für ein gepflegtes Mittagessen mit seiner Mutti oder ein paar Bier ausgegeben hätte.

Wer nun glaubt, der gute Mann sei ein einsamer Zwängler, der samstags nichts Besseres zu tun hat, als seinen Waschzwang auszuleben, liegt freilich daneben. Im Schnitt fahren die Deutschen achtmal pro Jahr in die Waschanlage, 22 Millionen Kfz-Besitzer waschen ihr Auto regelmäßig, jeder dritte sogar einmal im Monat. Sie wissen: Streifenfreies Fensterputzen ist Knochenarbeit, Staubsaugen ebenfalls.

Diese Erkenntnis hätten die Jungs mit den dicken Karossen billiger haben können. Putzen in den eigenen vier Wänden war immer schon gratis - und der Lack wird auch nicht zerkratzt. (Luise Ungerböck, AutoMobil, DER STANDARD, 10.8.2012)

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