Europa steckt in der Rezession fest

  • Die Stimmung in der heimischen Wirtschaft bleibt kühl - im Vergleich zum Euro-Raum bewegt sie sich aber in relativ ruhigen Gewässern.
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    Die Stimmung in der heimischen Wirtschaft bleibt kühl - im Vergleich zum Euro-Raum bewegt sie sich aber in relativ ruhigen Gewässern.

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Österreich und Deutschland behaupten sich mit einem Mini-Wachstum

Luxemburg/Wiesbaden/Frankfurt - Die Wirtschaft in Europa leidet. Nach jüngsten Zahlen stecken sowohl die 17 Länder des Euroraums als auch die EU in der Rezession fest: Drei Quartale hintereinander gab es kein Wachstum mehr. Nach einer Stagnation in den ersten drei Monaten 2012 sackte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in den 17 Ländern mit der Gemeinschaftswährung um 0,2 Prozent ab.

Damit steckt die Eurozone in einer Rezession fest. Davon spricht man, wenn die Wirtschaftsleistung zwei Quartale nacheinander entweder unverändert bleibt oder abnimmt. Auch im Schlussquartal 2011 hatte es mit 0,3 Prozent bereits ein Minus im Vergleich zu den drei Monaten davor gegeben - den ersten Rückschlag seit 2009. Zu Beginn des Jahres unmittelbar nach der Finanzkrise hatte das Wirtschaftswachstum mit 2,6 Prozent Abnahme zum Vorquartal einen Negativrekord der jüngeren Geschichte erreicht.

In der EU als Ganzes mit ihren 27 Mitgliedsstaaten sank das BIP von April bis Juni ebenfalls um 0,2 Prozent. Großbritannien, das nicht zum Euro-Club gehört, verzeichnete ein Abflauen der Wirtschaftsleistung um 0,7 Prozent. Die EU-Kommission zeigte sich nicht überrascht: "Eine Rezession ist nie eine gute Nachricht, aber es entspricht dem, was wir erwartet haben", sagte ein Sprecher in Brüssel.

Österreich mit Mini-Wachstum

Österreich und Deutschland konnten sich mit einem BIP-Plus im zweiten Quartal on 0,2 bzw. 0,3 Prozent noch knapp behaupten, doch rechnen auch hier Fachleute mit einem weiteren Einknicken und einem Minus im Zeitraum Juli bis September. In Österreichs bremste sich der reale BIP-Anstieg laut Wifo-Schnellschätzung gegenüber dem Vorquartal von 0,5 auf 0,2 Prozent ab und schmolz im Jahresabstand von 2,0 auf ebenfalls 0,2 Prozent zusammen. Trotz der relativ deutlichen Konjunkturabkühlung könne die Entwicklung in Österreich angesichts der Rezession im Euro-Raum aber als relativ gut bezeichnet werden, betonen die Wifo-Experten.

Sowohl der gesamtwirtschaftliche Export als auch der Import wuchsen gegenüber dem vorhergehenden Vierteljahr mit real 0,5 bzw. 0,6 Prozent zwar stärker als im ersten Quartal, da aber beide Komponenten gleichmäßig zunahmen, "lieferte der Außenbeitrag nahezu keinen Wachstumsimpuls für die heimische Wirtschaft", heißt es. 

Auch die Konsumnachfrage der privaten Haushalte stagnierte im zweiten Quartal, nachdem sie im ersten Quartal um 0,2 Prozent gewachsen war. Der öffentliche Konsum stieg mit 0,5 Prozent etwas schwächer als in der Periode zuvor.

Europas größte Volkswirtschaft, Deutschland, bleibt ein Wachstumsmotor in Europa. Frankreich stagnierte wie schon im Vorquartal. Im Krisenland Spanien nahm die Wirtschaftsleistung um 0,4 Prozent ab, Italiens BIP verschlechterte sich sogar um 0,7 Prozent.

Größtes Minus bei Musterschüler Portugal

Eine böse Überraschung kam aus Portugal: Mit 1,2 Prozent fiel das Minus bei dem mit Blick auf sein Reformprogramm gern als "Musterschüler" titulierten Euro-Sorgenkind am höchsten in der Eurozone aus. Experten reagierten alarmiert. "In nur zwei Jahren hat die Krise den internen Konsum um 13 Jahre auf das Niveau von 1999 zurückgeworfen", sagte der angesehene Wirtschaftswissenschaftler Ricardo Cabral von der Universität Madeira der Nachrichtenagentur Lusa. Die liberal-konservative Regierung Portugals und die internationalen Geldgeber rechnen für das Gesamtjahr mit einem Rückgang von 3,0 Prozent.

Am deutschen Konjunkturhimmel ziehen allerdings ebenfalls Wolken auf. Noch trotzt die deutsche Wirtschaft den Turbulenzen der Euro-Schuldenkrise, doch in den kommenden Monaten dürfte sie sich dem Abwärtssog nicht mehr vollständig entziehen können. Ökonomen sagen zumindest für das dritte Quartal eine Wachstumsdelle voraus. Das Schlimmste - ein Absturz in die Rezession - bleibt Deutschland im Gegensatz zum Euro-Raum aber wohl erspart, davon wird überwiegend ausgegangen.

Deutschland droht trotz der Euro-Krise laut dem künftigen Chef des Berliner Forschungsinstituts DIW, Marcel Fratzscher, keine Rezession. "Wir haben eine Konjunkturdelle, aber keine dauerhafte", sagte Fratzscher am Dienstag zu Reuters. Mit einer Wachstumsrate von 0,3 Prozent im zweiten Quartal stehe die deutsche Wirtschaft im Vergleich zur gesamten Euro-Zone noch sehr gut da. Nach einer Abschwächung im zweiten Halbjahr komme voraussichtlich Ende des Jahres eine konjunkturelle Wende in Sicht, die 2013 in eine Erholung münden werde.  (APA, 14.8.2012)

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