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Erst auf den zweiten Blick als nicht hundert- prozentig "stimmige" Alpinarchitektur zu erkennen: die "Prefeitura Municipal", das Rathaus von Dreizehnlinden.

Eine Marke, die zieht: Tirol heißt nicht nur eines der Touristenhotels in Dreizehnlinden - im Vordergrund Besitzer Jacob Steiner -, sondern auch die im Ort ansässige Molkerei, die zweitgrößte Brasiliens.
vergrößern 498x500Die Kolonie Dreizehnlinden liegt im Süden Brasiliens.
Dreizehnlinden - Treze Tílias, auf Deutsch Dreizehnlinden, unterscheidet sich durch den konsequent alpenländischen Baustil deutlich von den brasilianischen Dörfern in der Umgebung. Das auf 850 Meter Höhe in einem anmutigen Hügelland gelegene Städtchen wird wohl auch deshalb von einheimischen Touristen so gern besucht. Wo vor 80 Jahren noch Urwald war, vermitteln malerische Häuser, die doppeltürmige Kirche, Hotels und Gasthäuser den Eindruck eines alpinen Touristenortes.
"Ich erinnere mich noch genau: Am Tag, als Bundeskanzler Dollfuß von den Nationalsozialisten ermordet wurde, haben sich meine Eltern mit uns Kindern auf den Weg nach Brasilien gemacht." Sofie Kandler, die 1934 im Alter von neun Jahren nach Dreizehnlinden kam, zeigt auf ein Foto des austrofaschistischen Diktators. Neben dem Bild in der heimeligen Wirtsstube des Gasthofs Kandler hängen Tourismusplakate aus Österreich, ein Porträt des Tiroler Bauernführers Andreas Hofer und zahlreiche weitere Mitbringsel aus dem "Mutterland".
"Die schwerste Zeit für uns hat mit dem Zweiten Weltkrieg begonnen: Die brasilianische Armee ist in die Einwanderersiedlungen im ganzen Land eingerückt und hat Deutsch strengstens verboten", erzählt der heute 78-jährige Jacob Steiner. Der österreichische Dorflehrer wurde durch einen Brasilianer ersetzt, der alle Schüler auf Portugiesisch unterrichten musste. "Wir Kinder haben damals nur Deutsch gesprochen. Nicht einmal für ein Glas Wasser reichten unsere Sprachkenntnisse", so der bereits in Brasilien geborene Landwirt mit Grazer Wurzeln.
Einige Dreizehnlindner wurden sogar eingesperrt, weil sie auf offener Straße das verbotene Deutsch sprachen. Erst nach zwei oder drei Monaten wurden sie wieder freigelassen. Nach Kriegsende besserte sich die Lage. " Die österreichischen Einwanderer haben nach dem Krieg nicht nur ihre mit dem Anschluss aberkannte Doppelstaatsbürgerschaft erfolgreich zurückverlangt, sondern sie haben sich beim offiziellen Brasilien auch für die Wiederherstellung Österreichs eingesetzt", sagt die österreichische Honorarkonsulin Anna Lindner.
Das Sprachverbot sollte noch bis in die 1970er-Jahre andauern. Dann wurde das österreichische Honorarkonsulat gegründet. Es hat seither allein in Dreizehnlinden mehr als 1200 Staatsbürgerschaftsnachweise ausgestellt.
Wie aber konnten sich der Tiroler Dialekt und das österreichische Brauchtum bis heute halten? Francisco Klotz kennt den Grund: "Unsere Vorfahren hatten damals nur zwei Beschäftigungen: Erstens sehr hart arbeiten, schließlich musste dem Urwald erst mühsam Ackerland abgewonnen werden. Zweitens blieb den ersten Siedlern als Unterhaltung nur das Musizieren, Schuhplatteln, Singen und Tanzen - etwas anderes hat es damals einfach nicht gegeben." Klotz, der der zweiten Einwanderergeneration angehört, ist heute Gemeindesekretär im 6000 Einwohner zählenden Städtchen.
Die Mehrheit der Dreizehnlindner ist bis heute stolz auf die gemeinsame Herkunft, Kultur und Sprache. Das und gelegentliche Besuche in der alten Heimat wirkten sich lange positiv auf den Erhalt des Deutschen aus.
"Ich spreche lieber Portugiesisch, aber auch ein wenig österreichischen Dialekt, weil ich ein Jahr in Tirol gearbeitet habe", sagt Christian Mitterer (28), Schuhplattler der Volkstanzgruppe Lindental. In seiner Krachledernen ruft er seinen Freunden zu: "Auf geht's, Buam, pack ma's", und klopft bei der gut besuchten Aufführung mit einer Holzbank zur Musik. Seine Tanzpartnerin beim Zillertaler Hochzeitsmarsch, Nadine Felder, spielt in der Trachtenmusikkapelle Klarinette und mag Deutsch: " Ich möchte Österreich gerne einmal kennenlernen, aber die Sprache fällt mir immer noch sehr schwer", sagt die 14-Jährige auf Portugiesisch.
Ihr Vater, Valter Felder, ist der Chef der 35-köpfigen Volkstanzgruppe. Er erzählt auf Tirolerisch, dass die Jungen heute stolze Brasilianer sind und auch untereinander nur noch Portugiesisch sprechen. "Aber das Tanzen und Singen fasziniert sie alle", sagt der erfolgreiche Unternehmer.
Nicht nur auf die Dreizehnlindner üben die Schuhplattler-Abende große Faszination aus. "Für uns gibt es in Treze Tílias exotisches Brauchtum, das Spaß macht - und das sogar im eigenen Land", sagt die Brasilianerin Dona Terezinha und kann mit Mühe einen Überschlag des korpulentesten Schuhplattlers der Gruppe abwehren.
Der Tourismus boomt in Dreizehnlinden und ist gemeinsam mit der Milchwirtschaft - vor allem dank der landesweit zweitgrößten Molkerei mit dem passenden Namen "Tirol" - zu einer der wichtigsten Einnahmequellen des reich gewordenen Dorfes geworden. "100.000 Besucher zählen wir pro Jahr in Dreizehnlinden, hauptsächlich Brasilianer", so Dirlei Rofner, Tourismussekretärin mit guten Kontakten in die Alpenrepublik. "Zum Tirolerfest, das jedes Jahr der österreichischen Einwanderung gedenkt, sind heuer 50 Österreicher nach Dreizehnlinden gekommen. Auch sonst haben wir immer wieder Besuch aus der alten Heimat, manchmal sogar von Brasilianern, die heute in Österreich leben."
Eine von ihnen ist Queila Rosa, die seit vielen Jahren in Wien heimisch ist. Sie leitet den Verein für brasilianische Kultur Abrasa und hilft damit Landsleuten, sich in Österreich zu integrieren, auch mit kostenlosen Deutschkursen. "In der Zwischenkriegszeit haben 15.000 Österreicher ihre Heimat in Richtung Brasilien verlassen. Heute leben in Österreich etwa 22.000 Brasilianer. Ich kann mir gut vorstellen, wie es den österreichischen Emigranten in Dreizehnlinden ergangen ist, schließlich bin ich auch einmal ausgewandert", sagt die mit einem Wiener verheiratete Profitänzerin.
Anna Panuschka, ebenfalls aus Wien, verschlug es durch Zufall nach Dreizehnlinden. "Die meisten Tiroler Traditionen habe ich von daheim nicht gekannt, sondern erst hier in Brasilien zum allerersten Mal live erlebt", sagt die 15-Jährige, die im Rahmen eines Austauschs ein Jahr lang im "brasilianischen Tirol" zur Schule geht. Von den Klassenkameraden sprechen und verstehen nur noch etwa 30 Prozent Deutsch.
Kommentar der fast 90-jährigen Sofie Kandler: "Wenn sich bei den Jungen im Umgang mit der deutschen Sprache nicht grundlegend etwas ändert, dann wird unser österreichischer Dialekt in Brasilien sehr bald aussterben." (René Laglstorfer, DER STANDARD, 14./15.8.2012)
Wissen: Initiative eines Agrarministers
Dreizehnlinden (nach dem gleichnamigen Epos von Friedrich Wilhelm Weber) wurde offiziell am 13. Oktober 1933 als Kolonie österreichischer Auswanderer, hauptsächlich Tiroler Bauern, gegründet. Initiator war der aus Wildschönau in Tirol stammende Andreas Thaler, österreichischer Landwirtschaftsminister von 1925 bis 1933. Er wollte Tiroler Bauern angesichts steigender Arbeitslosigkeit, 1000-Mark-Sperre und Preisverfalls für Agrarprodukte eine neue Existenz in Lateinamerika sichern.
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Die in diesem gut geschriebenen Artikel erwähnte Anna Panuschka war "meine" Austauschschülerin im Rahmen des Rotary Langzeit Austauschprogrammes. Sie hat sich dort sehr wohl gefühlt und wurde von den Gasteltern bestens betreut. Anna war ganz im Sinne Rotarys auch ein wunderbarer Ambassador of Goodwill
Bei einer Bildgröße von 300x200 Pixel hilft auch ein zweiter Blick nicht viel.
Nur so zur Info: VHS 320x240, Eingeführt 1976
http://de.wikipedia.org/wiki/Bildauflösung
Noch eine Info: 2012 ists.
Auf der einen Seite die Notwendigkeit von Integration - andererseits wiederum ein durchaus menschliches Beduerfnis nach Identitaet. Bei mir selbst hat's - nachdem ich vor ein paar Jahren nach Suedafrika ausgewandert bin - nicht weiter gereicht, als meinen Hund "Edmund" zu nennen :)
Wie bitte?
Die Deutschbrasilianer sind nicht etwa in bestehende Gesellschaften eingewandert, sondern haben ein relativ leeres Südbrasilien besiedelt, urbar gemacht und aufgebaut.
Die massiven Repressionen (Sprachverbot, Assimilation...) werden ja im Artikel angedeutet.
ich glaub wenn Leute öfters solche Artikel lesen, oder über die Deutschen in den USA usw.
werden irgendwann auch die Leute bei uns checken, das Integration nicht bedeutet, das aus den Türken, katholische Hinterwäldler werden.
Da Dreizehnlinden in den 30er Jahren nicht nur - wie in diesem Artikel geschildert - von Tirolern besiedelt wurde (auch ein Haufen Vorarlberger, Oberösterreicher und sogar Wiener! waren dabei) ist das Thema der Assimilierung innerhalb der Ösi-Exilanten wohl zu Gunsten der Tiroler ausgegangen :-)
Wäre auch komisch, da diese Leute dort das Land urbar gemacht haben. Vor den Kolonisten war dort genau gar nichts, außer vielleicht ein paar Indianern. War im Grunde in ganz Südbrasilien so, darum hat sich ja Deutsch und Italienisch relativ lange gehalten, gab ja kaum Portugiesen dort.
Das mit der Immigration der Türken nach Österreich zu vergleichen (ja, Wien gabs auch schon vor denen), spricht von Unkenntnis sowohl der Einwanderung nach Brasilien im 19. und 20. Jhdt. sowie der heutigen Immigration nach Österreich.
Nur bei Ausländern, die nach Österreich kommen, werden etwaige andere gute Gründe nicht anerkannt. Das ist schon extrem pharisäerhaft.
An wen hätten sich die anpassen sollen? An die Indianer? Sie checken wohl nicht, dass die dort wie die Siedler in den USA ihre eigene Gesellschaft entwickeln mussten, da gabs keine "portugiesische Leitkultur". Wenns keine Straßen gibt und keine portugiesischen Lehrer, wo soll man sich da "rein integrieren". Ich klink mich jetzt aus, scheinbar hat da jeder eine ideologische Brille auf, sei es links oder rechts, was historisch ablief interessiert hier eh niemanden.
Und eine portugiesische Leitkultur war im 18. und im 19. Jahrhundert in Brasilien natürlich schon vorhanden, wie es in anderen Teilen Lateinamerikas um diese Zeit auch eine spanische Leitkultur gegeben hat (die in den Jahrhunderten zuvor natürlich mit Gewalt durchgesetzt wurde). Also reden Sie nicht so einen Stuss daher.
Die vollständige Assimilation wird das letztendliche Schicksal dieser interessanten Gemeinschaft sein. Die millionenfache Auswanderung verarmter Deutscher nach Übersee, die nach wenigen Generationen völlig in eine andere Kultur assimiliert wurden und so fremde Konkurrenzmächte stärkten, war eine nationale Katastrophe. Den deutschen Fürsten ist wirklich vorzuwerfen, dass sie sich nicht spätestens nach 1815 - 200, 300 Jahre früher wäre freilich noch besser gewesen - massiv am Erwerb von Kolonien beteiligt haben, um deutschen Auswanderern Siedlungsland unter deutscher Souveränität zur Verfügung zu stellen, in dem sie Deutsche hätten bleiben können und in dem Auswanderer aus anderen europäischen Staaten Deutsche hätten werden müssen.
...was die deutschen Fürsten versäumt hatten - er spürte den Drang nach dem Osten, dort waren ja nur böse "Untermenschen", es gab viel fruchtbare schwarze Erde.Daher den oberen PGs ein Rittergut und den kleinen Mitläufern einen Schrebergarten.
Übrigens, es geht im Artikel um Österreicher...
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