Kämpfen ums Kleinod Schule

13. August 2012, 18:01
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Kleinschulen stehen aus Kostengründen zur Debatte. Die Dörfer wehren sich dagegen, sie sehen darin einen Garanten fürs Überleben

St. Ulrich - Fast zwei Meter ragen die Maispflanzen bereits in die Höhe. Eine schmale Straße führt durchs Feld, für einen Mittelstreifen bleibt kein Platz. Nach einer Rechtskurve taucht ein flaches, weißes Gebäude auf, bunte Kreise geben der Fassade Farbe. Weit und breit ist niemand zu sehen. Der Basketballkorb steht einsam auf der Wiese, die Reckstangen sind verwaist. Nur Direktorin Inge Fernando kommt mitten in den Sommerferien gerne an ihre Volksschule in St. Ulrich im Mühlkreis. Einerseits um den Fortgang der Renovierungsarbeiten zu kontrollieren, andererseits um gegen eine befürchtete Schließung anzureden. Die Schule, sagt Fernando, ist die "einzige Infrastruktureinrichtung, die den St. Ulrichern noch geblieben ist".

Seit acht Jahren ist die frühere Hauptschullehrerin Direktorin im 666-Einwohner-Ort. Jahrgangs-übergreifend werden an ihrer Schule 25 Erst- und Zweitklassler sowie 19 Dritt- und Viertklassler unterrichtet. Im dünn besiedelten oberen Mühlviertel ist diese Situation keine Ausnahme. Im Bezirk Rohrbach sind von den 35 Volksschulen 21 Kleinschulen mit höchstens drei Klassen und 59 Kindern.

Mehr als Unterrichtsstätte

Wie in vielen anderen Bundesländern stehen kleine Schulen aus Spargründen auch in Oberösterreich zur Debatte. Vor einem Jahr hat der politische Lenkungsausschuss der Landesregierung einen eigenen Kriterienkatalog verabschiedet. Alle einklassigen Schulen mit weniger als 20 Kindern und alle zweiklassigen mit weniger als 30 Kindern werden geprüft. Welche Schulen tatsächlich vor der Schließung stehen, darüber informiert der Lenkungsausschuss die Bezirkshauptleute, die dann mit den Bürgermeistern sprechen.

"Hoffentlich ist auch den politisch Verantwortlichen bewusst, welches Kleinod hier zu erhalten ist", merkte Fernando voriges Jahr in einer Festschrift zum 50-jährigen Jubiläum ihrer Volksschule an. Mit zwei Klassenzimmern, einem Werkraum und einem Turnsaal sei diese viel mehr als nur eine Unterrichtsstätte. Jeden Abend trainieren Sportvereine in der Schulturnhalle. Nachdem es keinen Veranstaltungsraum im Ort gibt, finden dort die Eltern-Kind-Spielgruppen statt, zudem ist die Halle auch Festsaal der Gemeinde. "Lebenswichtig für St. Ulrich", nennt Bürgermeister Alfred Allerstorfer (ÖVP) die Einrichtung: "Uns die Schule zu nehmen, wäre eine Katastrophe."

Verloren hat St. Ulrich bereits viel. Das Lebensmittelgeschäft wurde vor Jahren aufgelassen; heute fahren mehrmals in der Woche Bäcker mit Verkaufswagen durch, einmal in der Woche ein Fleischhauer. Die Erstkommunionsfeier der einheimischen Kinder findet längst nicht mehr in der Kapelle statt. Wegen Priestermangels sei der Pfarrer eines Nachbarorts für die St. Ulricher zuständig, bedauert Fernando.

"Bildungspolitisch inakzeptabel"

Als "Garant für Lebensqualität am Land" sieht Josef Eibl, Leiter der Arbeitsgemeinschaft Kleinschulen Oberösterreich, die umstrittenen Bildungsinstitutionen: Ihr Erhalt solle oberste Priorität genießen. Doch am Kriterienkatalog, der über Schließungen entscheidet, konnte er nicht mitarbeiten. Weder die Arbeitsgemeinschaft noch Vertreter von Elternvereinen sind im Lenkungsausschuss vertreten.

Als "bildungspolitisch inakzeptabel" bewertet gar die Gemeinde Überackern den Katalog. Im 650-Einwohner-Dorf im Bezirk Braunau steht eine jener rund 25 oberösterreichischen Kleinschulen, die aktuell zu Diskussion stehen. In einer Resolution listen die Ortsvertreter befürchtete Folgen auf: "Eine Gemeinde ohne Volksschule ist unattraktiv für Neuzuzüge, eine positive Entwicklung der Gemeinde wird durch den Wegfall der Volksschule nachhaltig behindert oder gar verhindert. Auch der geplante Wohnbau wäre durch den Wegfall der Volksschule gefährdet. Jeder Wohnbauträger erkundigt sich zuallererst, ob es eine Schule gibt."

Direktorenzimmer ist auch Lehrerzimmer

Im Büro von Bildungslandesrätin Doris Humer (ÖVP) zeigt man sich über die Kritik nicht überrascht. Schulschließungen stießen "seitens der Gemeinden meist auf kein Verständnis". Damit das Land "etwas in der Hand halten kann", sei der Katalog entwickelt worden: So werde die Entwicklung der Schülerzahlen, die Erreichbarkeit sowie die Schulstruktur in der Region analysiert. Die Statistik verheißt für Kleinschulen nichts Gutes: In den vergangenen zehn Jahren sank die Zahl der Volksschüler in Oberösterreich von 71.144 auf 58.157.

Für den Bezirk Rohrbach prognostiziert das Land Oberösterreich bis 2040 den landesweit höchsten Bevölkerungsverlust (siehe Wissen) - einerseits durch Abwanderung, andererseits durch Geburtenrückgang. St. Ulrichs Bürgermeister Allerstorfer will sich aber gegen den Trend stemmen. "Uns muss es gelingen, Jungfamilien nach St. Ulrich zu bekommen", sagt er - weshalb die Gemeinde als Schulerhalter ab kommendem Jahr Nachmittagsbetreuung anbieten will.

Direktorin Fernando weiß auch schon wo. Sie zeigt auf eine Wand neben ihrem Direktorinnenzimmer, das zugleich Lehrerzimmer ist. "Hier entsteht der Durchbruch zu den Wohncontainern im Garten." Weil im kleinen Schulhaus kein Platz ist, müsse die Nachmittagsbetreuung eben ausgelagert werden - zwischen Basketballkorb und Reckstangen. (Kerstin Scheller, DER STANDARD, 14./15.8.2012)

  • Die Mühlviertler Volksschuldirektorin Inge Fernando hofft, dass ihr 
Klassenzimmer nicht für immer leer bleibt: "Die Schule ist die einzige 
Infrastruktureinrichtung, die geblieben ist."
    foto: der standard/frenner

    Die Mühlviertler Volksschuldirektorin Inge Fernando hofft, dass ihr Klassenzimmer nicht für immer leer bleibt: "Die Schule ist die einzige Infrastruktureinrichtung, die geblieben ist."

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