Die SPD müht sich mit der Kanzlerfrage ab

Birgit Baumann aus Berlin
13. August 2012, 18:07

Viel früher als es der Parteispitze lieb ist, diskutiert die SPD bereits eifrig die K-Frage. Dabei zeichnet sich eines ab: Die Chancen für SPD-Chef Sigmar Gabriel, 2013 Kanzlerin Angela Merkel herauszufordern, sinken.

Man kann nicht sagen, dass Sigmar Gabriel einen ruhigen Sommer hatte: Ob Eurokrise oder Bankenpolitik - beinahe wöchentlich meldete sich der SPD-Chef, vorzugsweise via Twitter, um seine Meinung kundzutun.

Doch ein Thema mag Gabriel so gar nicht besprechen: Wer denn bei der Bundestagswahl im Herbst 2013 Kanzlerin Angela Merkel herausfordern soll, wen die SPD also zum Kanzlerkandidaten küren wird. Diese Frage will Gabriel erst im Jänner nach der Wahl in Niedersachsen klären. Nur eines macht er immer wieder deutlich: dass er als Parteichef theoretisch das Vorgriffsrecht habe und dass man die SPD-Mitglieder auch zur Urwahl bitten könnte.

Doch dieses Abwarten gefällt nicht allen. Als erster prominenter Sozialdemokrat ist Torsten Albig, Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, vorgeprescht. "Er wäre ein guter Kanzler für unser Land", sagte er, meinte damit aber nicht Gabriel, sondern Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier.

Verblüffung

In der SPD hat dies für ziemliche Verblüffung gesorgt. Albig verstieß nicht nur gegen das von Gabriel ausgerufene Stillschweigegebot in der K-Frage. Er sprach sich mit seiner Empfehlung auch gegen den Dritten in der SPD-Troika aus: gegen Peer Steinbrück, der von 2005 bis 2009 in der damaligen großen Koalition unter Merkel Finanzminister war. In dieser Zeit war Albig in Berlin Steinbrücks Pressesprecher, die beiden hatten einen guten Draht zueinander. Doch nun sagt Ablig über Steinbrück: "Da ich weiß, wie wenig er Korsette mag, hoffe ich für ihn, dass er das (Kanzler-Kandidatur, Anm.) nicht machen muss."

Und schon war die Debatte entbrannt, es fanden sich auch sogleich Befürworter für Steinbrück. So meint der Bundestagsabgeordnete Hans-Peter Bartels: "Wir brauchen den Kandidaten, der eine echte Alternative zu Merkel darstellt - und von den Wählern auch so gesehen wird. Das ist gerade in der Eurokrise Peer Steinbrück." Auch Nils Schmid, der Chef der SPD-Baden-Württemberg, erklärt: "Ich denke, dass neben Steinmeier Peer Steinbrück ein sehr guter Kanzlerkandidat ist. Der Ex-Finanzminister genießt in der Bevölkerung hohes Vertrauen und ist sehr beliebt."

Für Gabriel als Merkel-Herausforderer wurden hingegen noch keine Stimmen laut. Er gilt als derjenige, der im Duell gegen Merkel die wenigsten Chancen hätte. Auch in der SPD fürchten viele, dass das Kanzlerformat für den sprunghaften und impulsiven Gabriel eine Nummer zu groß wäre. Bei einer Direktwahl würden sich laut Forsa-Umfrage nur 17 Prozent für ihn entscheiden, 59 Prozent hingegen für Merkel.

Steinmeier ist Favorit

Träte Steinbrück gegen die Kanzlerin an, bekäme er 26 Prozent, sie 52 Prozent. Am besten würde die Auseinandersetzung Steinmeier kontra Merkel ausgehen: 27 Prozent für den SPD-Fraktionschef, 49 Prozent für die amtierende Regierungschefin.

Gegen Steinmeier spricht, dass er 2005 schon als SPD-Spitzenkandidat gegen Merkel verlor. Dennoch gilt er für 2013 als Favorit. In den vergangenen Jahren hat er sich als Fraktionschef profiliert. Und er hat nicht nur die Bundestagsabgeordneten, sondern auch Hannelore Kraft und deren gewichtigen Landesverband Nordrhein-Westfalen hinter sich.

Steinbrück hingegen ist in der SPD unbeliebt, weil er bereits viele Genossen mit seiner direkten Art verletzt hat. Ein Trost ist ihm gewiss: Altkanzler Helmut Schmidt, der in der SPD als lebende Legende gilt, sagt über ihn: "Er kann Kanzler." (Birgit Baumann, DER STANDARD, 14.8.2012)

Share if you care
14 Postings

Vielleicht sollte die SPD zur Abwechslung mal wieder einen Sozialdemokraten aufstellen und nicht einen in der Wolle gefärbten Neoliberalen.

Was heißt "einen"?

Auf dem Foto sind drei von der Sorte zu sehen.

... in der Wolle gefärbte Neoliberale nämlich.

Sozialdemokraten in Europa haben ein Personalproblem

Es fehlen in fast allen sozialdemokratischen Parteien gute Führungspersönlichkeiten und auch Leute, welche echte sozialdemokratische Politik verkörpern, besonders in den ersten Reihen der Parteien. Es gibt in der Basis viele gute Leute, welche auch das nötige Charisma und noch Idealismus haben um eine Wahl ordentlich zu gewinnen. Jedoch sind die Parteistrukturen so etwas von verstaubt und verkadert(!), dass bis diese es in eine der vorderenen Positionen schaffen, entweder schon ausgestiegen sind oder einfach schon total abgestumpf und desillusioniert sind.

Es wäre interessant, wenn diese wenigstens verschiedene Ansichten vertreten.

Aber das tun sie nicht, deswegen ist es auch egal.

Mir ist die SPD so völlig wurscht.

Kaiser Merkel muss fallen.

Go, Piraten, fertig machen zum Ändern!

Die SPD mach alles richtig!

Sie lässt einen potentielle Kanzlerkandidaten nicht von den Medien im voraus zerreißen. Das ärgert die bürgerliche Kampfpresse von Spiegel bis Springer natürlich gewaltig.

Egal, wer es wird: Mit ihrer aktuellen Politik wird die SPD keine Wahl gewinnen

Die SPD dackelt in der Eurokrise Merkel brav hinterher. Sie trägt deren neoliberale Katastrophenpolitik mit, hat z.B. beim Fiskalpakt mitgestimmt, der Sozialabbau und Privatisierungen mehr oder weniger in europäischen Verfassungsrang hebt.

Solange die SPD so eine Politik macht, ist es egal, welcher der drei Schröder-Schüler ihr Spitzenkandidat wird. Warum sollten die Deutschen einen Politiker mit einem Programm wie Merkel, nur zartrosa angestrichen, wählen?

Die SPD muss sich endlich vom neoliberalen Schröder-Kurs lossagen, eine glaubwürdige progressive Vision für Deutschland und Europa entwickeln und diese offensiv gegen Merkel ins Feld führen.

Die Devise muss lauten: Höhere Löhne statt Hartz IV, Vermögenssteuern statt Sozialabbau.

Die Chancen für SPD-Chef Sigmar Gabriel, 2013 Kanzlerin Angela Merkel herauszufordern, sinken.

ich gebe die hoffnung nicht auf, dass die roten vollpfosten eben doch nicht bemerken...

Kraft > Steinmeier > Steinbrück > Gabriel

0 > Kraft > Steinmeier > Steinbrück > Gabriel

steinbrück

so von meinem gefühl her denke ich dass sie mit steinbrück die besten chancen haben...was meinen die anderen?

"was meinen die anderen?"

Gabriel (vom rechten Parteiflügel) und Steinmeier (vom rechten Parteiflügel) sind nicht der Meinung, dass Steinbrück (vom rechten Parteiflügel) die besten Chancen hätte.
:-)

Worin sich die drei strammen Seeheimer aber durchaus einig sind: Dass es Dinge gibt, in der Merkel-Kanzlei zusammengeschustert, denen man als sogenannte "Opposition" ohne weiteres zustimmen kann ("TINA", "there is no alternative").

Als Steinmeier wäre ein diffuses Signal.

Immerhin hat er schon Mal gegen Merkel verloren.

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.