Die SPD müht sich mit der Kanzlerfrage ab

Viel früher als es der Parteispitze lieb ist, diskutiert die SPD bereits eifrig die K-Frage. Dabei zeichnet sich eines ab: Die Chancen für SPD-Chef Sigmar Gabriel, 2013 Kanzlerin Angela Merkel herauszufordern, sinken.

Man kann nicht sagen, dass Sigmar Gabriel einen ruhigen Sommer hatte: Ob Eurokrise oder Bankenpolitik - beinahe wöchentlich meldete sich der SPD-Chef, vorzugsweise via Twitter, um seine Meinung kundzutun.

Doch ein Thema mag Gabriel so gar nicht besprechen: Wer denn bei der Bundestagswahl im Herbst 2013 Kanzlerin Angela Merkel herausfordern soll, wen die SPD also zum Kanzlerkandidaten küren wird. Diese Frage will Gabriel erst im Jänner nach der Wahl in Niedersachsen klären. Nur eines macht er immer wieder deutlich: dass er als Parteichef theoretisch das Vorgriffsrecht habe und dass man die SPD-Mitglieder auch zur Urwahl bitten könnte.

Doch dieses Abwarten gefällt nicht allen. Als erster prominenter Sozialdemokrat ist Torsten Albig, Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, vorgeprescht. "Er wäre ein guter Kanzler für unser Land", sagte er, meinte damit aber nicht Gabriel, sondern Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier.

Verblüffung

In der SPD hat dies für ziemliche Verblüffung gesorgt. Albig verstieß nicht nur gegen das von Gabriel ausgerufene Stillschweigegebot in der K-Frage. Er sprach sich mit seiner Empfehlung auch gegen den Dritten in der SPD-Troika aus: gegen Peer Steinbrück, der von 2005 bis 2009 in der damaligen großen Koalition unter Merkel Finanzminister war. In dieser Zeit war Albig in Berlin Steinbrücks Pressesprecher, die beiden hatten einen guten Draht zueinander. Doch nun sagt Ablig über Steinbrück: "Da ich weiß, wie wenig er Korsette mag, hoffe ich für ihn, dass er das (Kanzler-Kandidatur, Anm.) nicht machen muss."

Und schon war die Debatte entbrannt, es fanden sich auch sogleich Befürworter für Steinbrück. So meint der Bundestagsabgeordnete Hans-Peter Bartels: "Wir brauchen den Kandidaten, der eine echte Alternative zu Merkel darstellt - und von den Wählern auch so gesehen wird. Das ist gerade in der Eurokrise Peer Steinbrück." Auch Nils Schmid, der Chef der SPD-Baden-Württemberg, erklärt: "Ich denke, dass neben Steinmeier Peer Steinbrück ein sehr guter Kanzlerkandidat ist. Der Ex-Finanzminister genießt in der Bevölkerung hohes Vertrauen und ist sehr beliebt."

Für Gabriel als Merkel-Herausforderer wurden hingegen noch keine Stimmen laut. Er gilt als derjenige, der im Duell gegen Merkel die wenigsten Chancen hätte. Auch in der SPD fürchten viele, dass das Kanzlerformat für den sprunghaften und impulsiven Gabriel eine Nummer zu groß wäre. Bei einer Direktwahl würden sich laut Forsa-Umfrage nur 17 Prozent für ihn entscheiden, 59 Prozent hingegen für Merkel.

Steinmeier ist Favorit

Träte Steinbrück gegen die Kanzlerin an, bekäme er 26 Prozent, sie 52 Prozent. Am besten würde die Auseinandersetzung Steinmeier kontra Merkel ausgehen: 27 Prozent für den SPD-Fraktionschef, 49 Prozent für die amtierende Regierungschefin.

Gegen Steinmeier spricht, dass er 2005 schon als SPD-Spitzenkandidat gegen Merkel verlor. Dennoch gilt er für 2013 als Favorit. In den vergangenen Jahren hat er sich als Fraktionschef profiliert. Und er hat nicht nur die Bundestagsabgeordneten, sondern auch Hannelore Kraft und deren gewichtigen Landesverband Nordrhein-Westfalen hinter sich.

Steinbrück hingegen ist in der SPD unbeliebt, weil er bereits viele Genossen mit seiner direkten Art verletzt hat. Ein Trost ist ihm gewiss: Altkanzler Helmut Schmidt, der in der SPD als lebende Legende gilt, sagt über ihn: "Er kann Kanzler." (Birgit Baumann, DER STANDARD, 14.8.2012)

Share if you care