Die heilige Kuh von Hallstatt

13. August 2012, 17:11
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Archäologen des Naturhistorischen Museums haben einen bedeutenden Fund auf dem Hallstätter Gräberfeld gemacht: Die Schale mit Kuhgriff gibt neue Einblicke in den Kult der Salzleute

Es scheint fast so, als würde sie lächeln, so deutlich sind die Zähne der Kuh unter ihren Nüstern zu erkennen. Die Blesse an ihrer Stirn besteht aus einst reinweißem Geweih, über ihren Körper ziehen sich zarte Muster, die sorgfältig mit Eisen in die bronzene Figur eingearbeitet wurden. Und in den leeren Augenhöhlen befand sich entweder längst verrottetes Holz oder Leder, oder vielleicht sogar Glas oder Edelsteine - doch das weiß niemand so genau.

Vor etwa zweieinhalbtausend Jahren, als die Schale mit der Kuh als Griff und einem Kälbchen im Schlepptau als Beigabe in das Grab Nummer 98 auf dem Hallstätter Salzberg gelegt wurde, hat sie jedenfalls noch in voller Pracht gestrahlt. Auf dem bronzenen Grund müssen sich die grausilbrigen Einlegearbeiten deutlich abgehoben haben. "Das hat schon eine gewisse Wirkung", sagt Anton Kern, Leiter der Prähistorischen Abteilung am Naturhistorischen Museum Wien (NHM).

Bereits vor zwei Jahren haben Archäologen des NHM das extravagante Gefäß geborgen - in Form hunderter, mit Patina überzogener Einzelteile und teils hauchdünner Splitter, die in aufwändiger Restaurierungsarbeit von Spezialisten des Römisch-Germanischen Zentralmuseums in Mainz zusammengefügt wurden. Am 18. und 19. August wird es im Rahmen der Veranstaltung "Archäologie am Berg" erstmals der Öffentlichkeit präsentiert. Seit 1993 führt das NHM in Kooperation mit den Salinen Austria die im 19. Jahrhundert begonnenen Ausgrabungen am prähistorischen Friedhof und den Salzstollen fort - den ältesten der Welt.

"Das Grab, in dem das Gefäß gefunden wurde, stammt aus der jüngeren Hallstattzeit zwischen 600 und 450 vor Christus und ist eines der bedeutendsten, die je im Hallstätter Gräberfeld freigelegt wurden", sagt Anton Kern. Es ist das erste von bisher 1500 untersuchten Gräbern, in dem insgesamt drei große Bronzebehältnisse sowie außergewöhnliche Keramik- und Tongefäße geborgen wurden. "Dieser Fund ist etwas ganz Besonderes", sagt Kern. "Das Kuh-Kälbchen-Behältnis muss für Zeremonien verwendet worden sein. Das ist kein Alltagsgegenstand."

Aus den Fibeln - metallenen Gewandnadeln -, die dem Grab beigegeben wurden, lässt sich schließen, dass hier eine Frau verbrannt wurde. Diese Art der Bestattung war eher den reichen, sozial höhergestellten Bewohnern vorbehalten. Darauf weist zumindest die üppige Ausstattung der Brandgräber im Vergleich zu den Körpergräbern hin. Anton Kern ist überzeugt: "Es muss sich um eine wichtige Person gehandelt haben. Vielleicht war es eine Priesterin."

Die Sonne als Symbol

Dafür würde auch die Beigabe der Bronzeschale sprechen, die einen Durchmesser von etwa 30 Zentimetern hat und für das Schöpfen, etwa von Gewürzwein, in kleinere Trinkbecher verwendet wurde. Die spezielle Form ist kein Unikat: Bereits vor 150 Jahren wurde ein nahezu identisches Gefäß mit Kuh und Kalb gefunden, allerdings ohne die markanten Verzierungen. "Diese Kombination ist einmalig", betont Kern.

Auf dem Rumpf der Kuh befinden sich eine Reihe kultisch-religiöser Zeichen, die seit der Bronzezeit in Gebrauch waren. Beim genauen Hinsehen erkennt man eine Swastika (ein Hakenkreuz), einen Kreis bzw. eine Scheibe und ein Radkreuz, also eine Scheibe mit einem X darin - alles Symbole für die Sonne. Dazwischen sind s-förmige, sogenannte Doppelvogelbarken eingearbeitet. "Sie stehen für ein Schiff, das die Sonne vom Morgen bis in den Abend trägt", erläutert Kern. Doch auch die Zickzackmuster am Rücken und die Querstreifen am Beinansatz könnten eine Bedeutung haben, meint der Archäologe.

Wie in Griechenland, anderen Teilen Europas und in Ägypten wurden Rinder auch in Hallstatt als "heilig" betrachtet oder zumindest kultisch verehrt. "Auch wenn die Kulturräume weit auseinander lagen, verbreiteten sich solche Ideen über die Jahrhunderte auch über weite Distanzen", sagt Kern. "Die Kuh wurde offenbar auch in Hallstatt mit Sonne und damit mit Leben in Verbindung gebracht. Sie könnte symbolhaft eine Art Himmelsmutter darstellen."

Weitere Untersuchungen sollen noch mehr Einblicke in die Mystik der reichen Kultur der frühen Hallstätter Salzleute bringen. Ab 2014 wird die Schale dann den neuen Hallstattsaal im Naturhistorischen Museum schmücken. (Karin Krichmayr, DER STANDARD, 14./15.8.2012)


Veranstaltung

"Archäologie am Berg" am 18. und 19. August im Zentrum "Alte Schmiede" am Salzberg in Hallstatt.
Eintritt frei - zu bezahlen ist die Auffahrt mit der Salzbergbahn.

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  • Die grazile Bronzekuh, die das Gefäß schmückt, ist von feinen Mustern aus Eisen und Geweih überzogen. Sie dürfte in religösen Zeremonien verwendet worden sein. Rinder wurden auch in Hallstatt - wie in vielen anderen Kulturen - verehrt.
    foto: nhm

    Die grazile Bronzekuh, die das Gefäß schmückt, ist von feinen Mustern aus Eisen und Geweih überzogen. Sie dürfte in religösen Zeremonien verwendet worden sein. Rinder wurden auch in Hallstatt - wie in vielen anderen Kulturen - verehrt.

  • Auf den Flanken der Kuh sind kultische Symbole eingearbeitet. Im Schlepptau hat sie ein kleines Kalb.
    foto: nhm

    Auf den Flanken der Kuh sind kultische Symbole eingearbeitet. Im Schlepptau hat sie ein kleines Kalb.

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