Grenzüberschreitungen

Als "Die Mädchen" suchen die beiden Sängerinnen Christiane Schulz und Julia Ribbeck musikalische Heimaten

Wilhering - Im rosa-grünen Dirndlkleid, mit Spreewaldgurken und schwäbischem Gebäck als Identitätsstifter bewaffnet, werfen Schulz und Ribbeck als Die Mädchen zu Beginn gedehnte "Griaß dis" ins Publikum.

Sie fühlen sich "dasig", obwohl sie gebürtige Deutsche sind. Deshalb werden erst einmal alle Nabelschnüre gesanglich durchtrennt, bevor man in der Scheune des Stiftes Wilhering in Oberösterreich zu neuen Heimaten aufbricht.

Christiane Schulz, die aus der Lausitz stammt, macht mit einem Lied des Kabarettisten Rainald Grebe klar, warum es besser ist, aus Brandenburg wegzugehen als von dort zu kommen.

Julia Ribbeck schmettert in reinstem Schwäbisch ein Heimatlied von Alex Köberlein. David Wagner begleitet die beiden am Klavier und singt In der Nachbarschaft (Tom Waits' In the Neighborhood, mit einem Text von Josef Hader). Schulz und Ribbeck stellen ernüchtert fest: Hier in Österreich ist es genauso wie überall anders.

Weshalb man wenigstens gesanglich noch eine Weile herumreisen sollte, bevor man sich niederlässt. John Denvers Leaving on a Jet plane wird famos auf der Ukulele begleitet, als Peter und Heidi ziehen Schulz und Ribbeck durch das Dörfli des deutschen Kabarettisten-Paares Malediva. Ernstes zum Thema wird ebenso verhandelt (Vaterland von Konstantin Wecker) wie man in zartbitteren Kindheitserinnerungen schwelgt (Viertel vor Sieben von Reinhard Mey) oder sich zurück in den kühlen Norden wünscht (Ostseelied von Hildegard Knef).

Besonders überzeugend sind Schulz und Ribbeck in ihrer musikalischen Heimatsuche, wenn sie mit selbstgeschriebenen Liedern wie Hausfrieden und Wahlheimat der eigenen Sehnsucht Raum, Text und Stimme geben.

Über eine Stunde lang spielen, singen und sehnen sich Die Mädchen und Wagner komödiantisch und perfekt eingespielt durch den Abend. Kreisen humorvoll und virtuos rund um die Fragen: Woher komme ich? Wohin gehöre ich? Und: Muss ich träge werden, nur um mich zu Hause zu fühlen? Antworten gibt es keine, dafür einen klugen, komischen Abend mit Raum für Reflexionen und Grenzüberschreitungen. (Wiltrud Hackl, DER STANDARD, 14./15.8.2012)

Die Heimat und die Mädchen, bis 18. 8, Scheune des Stiftes Wilhering

www.diemädchen.com

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