"Anfangs klang es für mich wie eine Kakofonie"

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  • Alvis Hermanis erfüllt sich mit der Opernregie seine Sehnsucht nach 
Harmonie und Schönheit: "Sprechtheater ist eine prosaische Kunstform. Oper ist 
Poesie."
    foto: standard/heribert corn

    Alvis Hermanis erfüllt sich mit der Opernregie seine Sehnsucht nach Harmonie und Schönheit: "Sprechtheater ist eine prosaische Kunstform. Oper ist Poesie."

Bernd Alois Zimmermanns Oper "Die Soldaten" hat am 20. August bei den Salzburger Festspielen Premiere. Regisseur Alvis Hermanis über die Poesie der Oper

STANDARD: "Die Soldaten" gelten als ziemlich kompliziertes Werk. Sie wirken allerdings ziemlich entspannt. Kein Probenstress?

Alvis Hermanis: Ich glaube nicht an Blut, Schweiß und Tränen bei den Proben. Kunst sollte leichtfüßig sein. Früher hatte ich wirklich einen Komplex, wenn andere Regisseure erzählten, dass sie zwölf Stunden am Tag proben, zweimal täglich, die ganze Nacht durch. Aber Tatsache ist, ich glaube an kurze, intensive Proben. Und wenn Sie sagen, dass Die Soldaten eine komplizierte Oper ist, dann trifft das auf die Musik zu. Die ist in manchen Szenen tatsächlich jenseits menschlicher Möglichkeiten und für die Sänger und Musiker unglaublich schwer zu lernen. Anfangs haben die Sänger darauf bestanden, eine bestimmte Szene mit Notenblättern in der Hand zu singen.

STANDARD: Was bedeutet das für die Regie?

Hermanis: Sie singen jetzt auswendig - eine grandiose Leistung! Aber prinzipiell gilt: Alle theoretischen Tricks, die man sich vorher ausdenkt, sind, sobald man den Probenraum betritt, vorbei, gerade auch für mich als Opernneuling. Ich vertraue der Improvisation. Ich habe nie Notizen. Nie. Auch nicht im Sprechtheater. Ich glaube, dass man mit Vorbereitungen und Konzepten, die man niedergeschrieben hat und erfüllen möchte, nur die Kreativität und Spontaneität der Darsteller blockiert.

STANDARD: Dirigent Ingo Metzmacher wollte Sie als Regisseur, nachdem er von Ihnen "Eine Familie" am Akademietheater gesehen hatte. Vor allem Ihr Bühnensetting hat ihn beeindruckt.

Hermanis: Es gibt zwei Kategorien von Bühnenbildnern: Die einen - und das ist die Mehrheit - wollen die Geschichte allein durch die Szenerie erzählen, für sie zerstören Darsteller oder Sänger nur das Bühnenbild. Diese literarische Szenografie ist am besten bei der Prag-Quadriennale aufgehoben, da gibt es keine störenden Schauspieler. Ich hingegen bevorzuge Bühnenbilder, die so realistisch wie möglich sind und deren wichtigste Funktion es ist, den Schauspielern eine möglichst hilfreiche Umgebung zu bieten. Wenn Objekte auf der Bühne sind, sollen sie von den Schauspielern auch benutzt werden.

STANDARD: Viele Regisseure tun sich mit der Felsenreitschule schwer. Wie geht es Ihnen damit?

Hermanis: Es ist ein großartiger Ort, gerade auch für diese Oper! Die Soldaten geben der Felsenreitschule vorübergehend wieder ihre historische Funktion als militärische Manege zurück. Wir haben echte Pferde auf der Bühne, es ist alles sehr realistisch. Auch der Geruch!

STANDARD: Welchen Zugang haben Sie zur Musik?

Hermanis: Ich bin kein Spezialist für moderne Musik, es brauchte Zeit. Anfangs klang es für mich wie eine Kakofonie, jetzt liebe ich Zimmermanns Musik sehr!

STANDARD: Was hat den Sinneswandel bewirkt?

Hermanis: Es hilft, wenn man diese Musik sehr oft hört, bis die Klänge wirklich unter die Haut gehen. Und ich kann empfehlen, es wie anspruchsvollen Jazz zu hören. Nicht jeder stimmt dem zu, mir hilft es, einen bestimmten Swing wahrzunehmen. Es ist kein Zufall, dass Zimmermann einige Teile mit einer Jazzband gespielt hat.

STANDARD: Werden Sie nun ins Opernregiefach wechseln?

Hermanis: Meine erste Opernregie liegt 15 Jahre zurück, ich inszenierte in Lettland eine Art lettischen Janácek. Aber es ist schon richtig: Opernmusik und Opernregie haben sich mir tatsächlich erst vor zwei Jahren erschlossen, als ich begann, mich mit Zimmermann zu beschäftigen. Nun habe ich bereits ein paar andere Opernangebote - und ich muss zugeben: Ich bin infiziert. Ich verstehe, warum Theaterregisseure zur Oper wechseln.

STANDARD: Nämlich warum?

Hermanis: Früher dachte ich, entweder weil sie keine Ideen mehr haben und ihnen die Musik einen hilfreichen Rahmen vorgibt. Oder wegen der höheren Gagen (lacht). Aber die wahre Antwort könnte sein, dass jeder Künstler früher oder später Sehnsucht nach Harmonie und Schönheit hat. Im Sprechtheater geht es um Ideen, um Statements, um Konzepte, es ist eine prosaische Kunstform. Oper ist Poesie. Auch der Probenprozess ist im Sprechtheater viel selbstzerstörerischer als in der Oper. Ich merke, dass Opernregie mental gesund für mich ist. Das Schlimmste in der Oper ist immer noch schön.

STANDARD: Wie sehr halten Sie sich an das gesamtkunstwerkliche Opernkonzept von Zimmermann?

Hermanis: Zu seiner Zeit war die Vorstellung vom totalen Multimedia-Theater revolutionär, heute ist es völlig altmodisch. Dinge, die vor fünfzig Jahren das Publikum beeindruckten, gehen heute nicht mehr. Bei der Uraufführung der Soldaten leuchtete am Ende quasi als Katharsis ein riesiger Halogenscheinwerfer ins Publikum, Heute wäre es ein kindischer und primitiver Trick.

STANDARD: Womit überraschen Sie Ihr Publikum?

Hermanis: Ich habe die infantile Phase, dass ein Regisseur sein Publikum überraschen muss, hinter mir. Zimmermann schrieb die Oper mit einem großen antimilitaristischen Pathos, das sich aus der Zeit heraus erklärt: Ende der 50er-, Anfang der 60er-Jahre, die Erinnerungen an den Krieg waren noch frisch, es war die Ära des Kalten Krieges, Vietnam, Atombombe. Heute gibt es diesen Kontext nicht - oder nicht in dem Ausmaß. Und Lenz, auf dessen Stück das Libretto ja beruht, schrieb vor 200 Jahren ein Sozialdrama über junge Menschen, die nach Liebe hungerten: Soldaten und Offiziere durften damals nicht heiraten, weil man glaubte, dass die Ehe ihrer Tapferkeit abträglich gewesen wäre. Und da gibt es dieses unschuldige Mädchen, dessen Haus von Soldatengarnisonen umgeben ist und das zur Prostituierten wird.

STANDARD: Kann man diese Geschichte heutig erzählen?

Hermanis: Metzmacher war überzeugt, dass man es kann - und er hat auch mich davon überzeugt. Wir versuchen sie abstrakter, poetischer, allgemeingültiger zu machen. Es geht um das Aufeinanderprallen von Unschuld und Brutalität des wirklichen Lebens. Das ist universell. (Andrea Schurian, DER STANDARD, 14./15.8.2012)

Alvis Hermanis (47), in Riga geborener Regisseur und Schauspieler, leitet seit 1997 das Neue Theater Riga. 2003 wurde er für seine Inszenierung von Gogols "Der Revisor" mit dem Young Directors Award der Salzburger Festspiele ausgezeichnet. Vor zwei Jahren erhielt er den Nestroy als bester Regisseur für "Eine Familie" am Wiener Akademietheater.

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