Auf der Suche nach der verlorenen Mahlzeit

Interview |
  • Kinder essen heute oft alleine, auch zu Hause.
    foto: apa/harald schneider

    Kinder essen heute oft alleine, auch zu Hause.

  • Die Kleinfamilienidylle im Design der 1950er Jahre ist im Wesentlichen gegessen.

    Die Kleinfamilienidylle im Design der 1950er Jahre ist im Wesentlichen gegessen.

  • Gemeinsame Mahlzeiten brauchen Absprache, sagt Ernährungswissenschaftlerin Christine Brombach.
    foto: privat

    Gemeinsame Mahlzeiten brauchen Absprache, sagt Ernährungswissenschaftlerin Christine Brombach.

Was verlieren wir, wenn die Familienmahlzeit stirbt und Nahrungsaufnahme zum Alleingang wird? Viel, sagt die Ernährungsexpertin

Gemeinsame Mahlzeiten haben viele Vorteile: Man isst weniger, erfährt mehr, lernt Rücksichtnahme. Doch die klassische Familienmahlzeit scheint bedroht. Im deutschsprachigen Raum schafft es heute nur mehr jede dritte Familie, unter der Woche zusammen zu essen - Tendenz fallend, wie Zeitbudgetstudien zeigen.

Klassische Erwerbs- und Familienstrukturen lösen sich auf, Arbeit und Freizeit verschwimmen, Snacks und Imbisse außer Haus sind allgegenwärtig. All das hat Einfluss auf das Essverhalten und den Stellenwert gemeinsamer Mahlzeiten, sagt die deutsche Ernährungswissenschafterin Christine Brombach, die an einer Schweizer Hochschule forscht und lehrt. Wie lässt sich die Tafelrunde retten, ohne Frauen wieder an den Herd zu drängen?

derStandard.at: Sie leiten eine Abteilung an einer Schweizer Fachhochschule und haben drei Kinder im schulpflichtigen Alter. Schaffen Sie es, regelmäßig mit Ihrer Familie zu essen?

Brombach: Ja, denn ich habe einen sehr aktiven Mann, der mich beim Einkaufen komplett entlastet. Wir sprechen in der Früh kurz darüber, was wir brauchen, ich komme am Abend nach Hause und koche dann das, was da ist. Mittags gibt es bei mir grundsätzlich nichts Warmes. Es sei denn, es ist vom Vortag noch etwas übrig.

derStandard.at: Stirbt die klassische Familienmahlzeit?

Brombach: Nein, aber sie wird sich qualitativ verändern. Meine Untersuchungen im deutschsprachigen Raum zeigen, dass das gemeinsame Essen und Genießen wichtig bleibt, sich aber auf andere Zeiten verschiebt - hin zum gemeinsamen Abendessen, weg von der Mittagsmahlzeit. Weil es sich zeitlich nicht mehr anders machen lässt. Es ändert sich das, was wir als bürgerliches Ideal im Kopf haben.

derStandard.at: Wie bilden sich an der Entwicklung der Familienmahlzeit veränderte Lebensrealitäten ab?

Brombach: Die Veränderungen rund um die Familie bleiben nicht ohne Folge: Wir sehen heute eine Zunahme der Verpflegung außer Haus, längere Arbeitszeiten durch längere Anfahrtswege, mehr Pluralisierung bei Freizeitangeboten, die mit Familienaktivitäten konkurrieren. Umgekehrt gibt es momentan wieder einen Trend hin zum Kochen, nachdem es lange Zeit für Frauen nicht besonders attraktiv war, zu Hause zu kochen, weil es an dieses alte Bild der Frau am Herd angeknüpft hat. Aktuell scheint vor allem gemeinsames Kochen wieder spannender und entspannter zu werden. Vor allem, wenn es als gemeinsame Aktivität am Wochenende stattfindet.

derstandard.at: Wie entdeckt man als Frau die Liebe zum Kochen, ohne die Errungenschaften der Emanzipation aufzugeben? Zurück an den Herd kann ja nicht die Lösung sein.

Brombach: Zurück an den Herd ist auch nicht das Ziel. Im Prinzip ist es ein neuer Zugang zum Kochen, der viel unverkrampfter ist als noch vor einigen Jahren oder Jahrzehnten. Unsere Untersuchungen zeigen, dass ganz junge Frauen und zunehmend auch Männer wieder Freude am Kochen haben und unverkrampft an das Thema herangehen - ohne moralisierende Zerrbilder. Auch ältere Frauen geben an, gerne zu kochen. Die haben aber meist noch ein sehr traditionelles Verständnis von Frausein. Dazwischen ist eine große Masse an Menschen, vor allem Frauen mit guter Ausbildung, die nicht kochen wollen oder können, weil sie es als eine Emanzipationsleistung empfinden, es nicht mehr zu müssen, es nicht wollen zu müssen. 

derStandard.at: Warum sind gemeinsame Mahlzeiten überhaupt wichtig?

Brombach: Die gemeinsame Mahlzeit ist einerseits aus gesundheitlicher Sicht extrem wichtig: Kinder, die regelmäßig im Familien- oder Verwandtenkreis essen und nicht außer Haus, haben ein niedrigeres Risiko für Übergewicht. Kinder, die satt vom Tisch aufstehen, essen zwischendurch weniger. Ein weiterer Grund ist, dass sie zu Hause vielfältiger essen. Außerdem lernen sie bei gemeinsamen Mahlzeiten Struktur und entwickeln ein Gefühl für normale Portionsgrößen. Sie probieren Dinge, die ihnen auf Anhieb vielleicht nicht schmecken. Damit wird der Geschmackssinn geprägt und differenziert.

derStandard.at: Welche Bedingungen braucht es dafür?

Das funktioniert natürlich nur, wenn gekocht wird. Wenn die Auswahl sehr klein ist, finden die Kinder zu bestimmten Speisen keinen Zugang mehr und essen bestimmte gesundheitsförderliche Dinge nicht. Dazu kommt die soziale Komponente: Man lernt am Tisch Rücksichtnahme. Ein Kind erfährt: "Diesen Pudding kann ich nicht alleine aufessen, den muss ich mit meinen Geschwistern teilen." Das andere ist die Prägung von Geschmacksstilen, die beim Essen sehr früh stattfindet. Wir wissen, dass über die Sozialisation am Familientisch die Teilhabe an einem kulturellen oder sozialen Kreis erlernt wird. 

derStandard.at: Im Umgang mit Essen drückt sich die soziale Herkunft aus, sagt der Soziologe Pierre Bourdieu. Gilt das auch heute noch?

Brombach: Ja, der Geschmack ist auch heute sozial erlernt. Er ist, wie Bourdieu sagt, "bevorzugtes Merkmal von Klasse" und damit von Unterschieden, die sozial konstruiert sind. Selbst wenn ich sozial aufsteige, werden diese Prägungen und Gewohnheiten weitergeführt. Auch das zeigte Bourdieu.

Heute nutzen sogar Assessment-Center die Aussagekraft des individuellen Umgangs mit Essen, indem man den Kandidatinnen und Kandidaten scheinbar nebenbei eine Mahlzeit vorsetzt - möglichst einen nicht filetierten Fisch. Dann wird geschaut, wie sich die Bewerber anstellen, nach dem Motto: "Sag mir, wie du isst, und ich sage dir, wer du bist." Schmatzt jemand? Wie verwendet er oder sie das Besteck? Über das Essen laufen Inklusion und Exklusion in bestimmte Milieus und soziale Schichten.

derStandard.at: Wie lässt sich die gemeinsame Mahlzeit Ihrer Meinung nach retten?

Brombach: Das Wichtigste ist, das Ganze entkrampft anzugehen. Das darf kein Zwang sein. Ein Muss ist das Gegenteil von Genuss. Ich glaube, dass jede Essensgemeinschaft ihren eigenen Rhythmus finden und eigene Wege gehen sollte. Das könnte zum Beispiel heißen, am Abend gemeinsam zu kochen. In Österreich und Deutschland ist nach wie vor die Mittagsmahlzeit die Hauptmahlzeit, bei der warm gegessen wird. Aber das ist ja nicht biologisch vorgegeben, es kann genauso die Abendmahlzeit sein. Wann es eben der Gemeinschaft passt. Man sollte auch nicht zu perfektionistisch sein. Eigentlich sind gesunde Convenience-Produkte ja ein Segen: Brokkoli aus der Tiefkühltruhe ist doch eine gute Sache. Vorkochen, Einfrieren - das sind alles Strategien zum Zeitsparen.

derStandard.at: Auch wenn das Kochen heute schneller geht, wird es immer noch zum überwiegenden Teil von Frauen übernommen.

Brombach: Wir Frauen müssen einfordern, dass alle ihren Teil zum Verpflegungsprozess beitragen. Dazu gehört, dass jeder und jede eine Aufgabe hat. Wenn mir der gemeinsame Genuss etwas wert ist, muss ich mich daran beteiligen, damit er stattfinden kann. Der Soziologe Georg Simmel hat schon in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts beschrieben, dass es Absprachen geben muss, damit gemeinsame Mahlzeiten stattfinden können. Es gibt eine gemeinsame Verantwortlichkeit von Frauen und Männern. Da muss eben der eine aufdecken, die andere abdecken, der eine kauft ein, die andere räumt die Küche auf. Vor allem älteren Frauen fällt es allerdings manchmal schwer, andere in der Küche und beim Kochen mitwirken zu lassen.

derStandard.at: Könnte der Perfektionismus mancher Frauen beim Kochen und in der Küche damit zu tun haben, dass es so wenige Gesellschaftsbereiche gibt, in denen Frauen Expertenstatus zugestanden wird?

Brombach: Ja. Außerdem damit, dass die Versorgungsarbeit, die ja immer noch größtenteils die Frauen übernehmen, der zeitintensivste Teil der Hausarbeit ist. Es ist der einzige, bei dem ich unmittelbar Gratifikation, also Belohnung, bekomme: Ich kriege Lob, wenn es schmeckt. Dass ich vorher stundenlang gebügelt oder geputzt habe, fällt nicht auf.

derStandard.at: Sobald Kinder da sind, übernimmt die Frau meist wieder den Gutteil der Hausarbeit. Wie lässt sich das vermeiden?

Brombach: In der Tat wird die Rollenaufteilung meist wieder traditionell, sobald Kinder im Spiel sind. Eine Ursache ist, dass viele Frauen dann Teilzeit arbeiten oder nicht mehr erwerbstätig sind. Ihnen obliegt dann die Verpflegung. Jedes Paar sollte sich daher rechtzeitig Gedanken darüber machen. Die Familie muss sich fragen: Wie wollen wir das gestalten? Denn die Entwicklung passiert ja nicht von selbst. Da braucht es Offenheit von beiden; man muss sich überlegen, wer welchen Prozess übernimmt, und Sorge tragen, dass die Aufgaben gleich verteilt sind.

In den Zeitbudgetstudien zeigt sich, dass die Aufteilung von Haus- und Erwerbsarbeit zwischen Männern und Frauen noch sehr traditionell ist. Da hat sich nicht sehr viel verändert. Es wird sich auch in Zukunft nicht viel tun, wenn es keine gesamtgesellschaftlichen Veränderungen gibt. (Lisa Mayr, derStandard.at, 1.10.2012)

Christine Brombach leitet die Fachgruppe Ernährung und Consumer Science am Institut für Lebensmittel und Getränkeinnovation der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Sie studierte in Deutschland und den USA unter anderem Ernährungs- und Haushaltswissenschaften. Vier Jahre lang leitete sie die deutsche "Nationale Verzehrsstudie". Sie forscht heute zu Essen und Trinken im Familienalltag, Consumer Science und Ernährungsverhalten. Christine Brombach ist verheiratet und hat drei Kinder.

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Institut für Lebensmittel- und Getränkeinnovation

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