Rocky Anderson - Obamas schärfster Kritiker

Porträt | Teresa Eder
17. August 2012, 05:30
  • Rocky Anderson bei Rachel Maddow

  • Campaign Spot von Rocky Anderson

Der ehemalige Demokrat und Bürgermeister von Salt Lake City tritt mit seiner "Justice Party" gegen Obama und Romney an - Er kritisiert die Korrumpierung des politischen Systems

"Rise up together and say 'No more!'. No more whores in Congress & White House!" Rocky Anderson nimmt sich auf Twitter kein Blatt vor den Mund, wenn es um seine Kritik an der "Plutokratie" in den USA geht. Einst war er selbst Teil des Systems, ein Demokrat und von 2000 bis 2008 Bürgermeister von Salt Lake City im Bundesstaat Utah. Nun sagt er über die Partei von Präsident Obama, dass sie "feige und ohne Prinzipien" agiere, "gekauft und bezahlt von denselben Interessensträgern, wie die republikanische Partei" sei.

Als Widersacher, der seinen Unmut lautstark artikuliert und notfalls dafür auf die Straße geht, ist Anderson schon länger bekannt. Während der Ära Bush führte er Demonstrationen gegen den Präsidenten an. Jetzt konzentrieren sich seine Vorhaltungen auf Barack Obama, den er nicht als "geringeres Übel" gegenüber den Republikanern bezeichnet wissen will, sondern als "effektiveres Übel", weil dieser unbehelligt seine Politik durchsetzen könne.

"Gulag America"

Anderson ist sichtlich unzufrieden mit den etablierten Parteien, die das politische System zu ihren Gunsten zu einer "Gewaltherrschaft" und einem "Gulag America" umfunktioniert hätten. Es ist diese fundamentale Kritik, die er unter seine Landsleute bringen will, und die Anderson wohl dazu bewegt hat mit seiner Ende 2011 gegründeten "Justice Party" als Präsidentschaftskandidat ohne Chancen gegen Mitt Romney und Barack Obama anzutreten.

Den Vorwurf, dass seine Kandidatur niemandem etwas bringe, sondern nur Obama schwächen würde, lässt Anderson nicht gelten. Diese strategischen Überlegungen hätten ihn zwar bisher immer von diesem Vorhaben abgehalten. Er sei aber, so betont er in einem Interview, zum Schluss gekommen, dass das nicht Grund genug sein kann, um keinen anderen politischen Kurs vorzuschlagen. Kandidaturen von "Third Parties" würden, auch wenn sie kaum wahrnehmbar seien, immer einen Unterschied machen.

Kritik an Gesetzesauslegung

Als studierter Jurist und einer der ehemals besten Anwälte in den USA kritisiert Anderson vor allem die derzeitige Gesetzesauslegung. Auf die berühmten "99 Prozent" würden die Gesetze flächendeckend zur Anwendung kommen. Für die Elite würden jedoch andere Regeln gelten. "Da sagt der Präsident dann: Vergessen wir das einfach." Eine große Gefahr sieht Anderson auch im "National Defense Authorization Act" (NDAA), der es nun erlaubt jeden US-Amerikaner oder Ausländer auf Verdacht zeitlich unbegrenzt zu inhaftieren, oder der Entscheidung, unlimitierte Wahlkampffinanzierung durch Super PACs zu erlauben.

Außerdem sind ihm einige Interessensgruppen, die sich in die Politik eingekauft hätten, besonders ein Dorn im Auge: "Wir sind der einzige unter den Industriestaaten, der nicht alle seine Einwohner am Gesundheitssystem teilhaben lässt. Trotzdem zahlen wir dafür doppelt so viel wie andere Staaten. Warum? Weil Versicherungs- und Pharma-Industrie die Politik korrumpieren. Dasselbe gilt für die Militär-Industrie." In vielerlei Hinsicht weise die Regierung Obama eine noch schlimmere Bilanz vor als die Regierung Bush, so Anderson.

In seinem eigenen Wahlprogramm setzt Anderson, der sich während seiner Amtszeit auch den Titel "grüner" Bürgermeister erwarb, auf die Wichtigkeit der Klimapolitik. Außerdem will er unter anderem das Mindesteinkommen erhöhen, die Schere zwischen Arm & Reich bekämpfen, und die Immigrations-Politik reformieren. International müsse die USA einen moralischen Führungsstil entwickeln, von illegalen Kriegen absehen aber den Kontakt mit Regimen, die Menschenrechte verletzen, abbrechen. Alle diese Vorhaben stehen unter dem Motto "Replacing private interest corruption with public interests solutions."


Allein auf verlorenem Posten? Mit viel Idealismus versucht Anderson potentielle Wähler zu überzeugen. Foto: Reuters/Frey

Mitt Romney, den Präsidenschaftskandidaten der Republikaner, kennt Rocky Anderson aus alten Tagen - gemeinsam mit ihm organisierte er die Olympischen Spiele 2002 in Salt Lake City. Damals war man voll des gegenseitigen Lobes und Respektes. Heute sieht Anderson mit Romney keine Gemeinsamkeiten mehr: "Der echte Mitt Romney, so wie wir ihn kennen, war vernünftig und gemäßigt in seinen Ansichten. Er war kein Politiker von Rechtsaußen. Das änderte sich, seit er für die Präsidentschaft kandidierte."

Anderson glaubt, dass seine Kandidatur auch bei traditionell republikanischen Wählern ankommen könnte. Allerdings nicht so sehr aus inhaltlichen Gründen: "Es gibt Leute, die Barack Obama nie ihre Stimme geben werden. Und wenn sie Romney nicht wollen, wählen Sie vielleicht mich." Anderson wird laut derzeitigem Stand zumindest in zehn Bundesstaaten auf den Wahlzetteln stehen. Über sein Abschneiden lässt sich jedoch nichts vorhersagen, denn er scheint in keiner der großen Wahlumfragen auf.

Vize-Kandidat war Mitglied einer Gang

Auf dem Weg zum 8. November 2012 musste Anderson bisher schon einige Niederlagen einstecken. Zuerst scheiterte er mit seiner Kandidatur bei "Americans Elect". Die Plattform wollte online einen Präsidentschaftskandidaten aufstellen, musste jedoch diesen Versuch wieder aufgeben. In Kalifornien bewarb sich Anderson als Kandidat bei der "Peace and Freedom Party", zog allerdings seine Nominierung vorzeitig zurück.

Als Kandidaten für die Vize-Präsidentschaft hat sich Anderson, selbst geschieden und Vater von einem erwachsenen Sohn, jemand Speziellen ausgesucht: Luis Rodriguez war Mitglied einer Gang in Los Angeles und verbrachte deshalb einige Zeit im Gefängnis. Seither engagiert er sich als Autor und Aktivist bei Organisationen, die Gewalt unter Gangs vorbeugen wollen. (Teresa Eder, derStandard.at, 13.8.2012)

Share if you care
Posting 1 bis 25 von 31
1 2

Exakt was den meisten Regierungen heutzutage fehlt: ein Politiker der sich nix pfeift und frei heraus sagt, was seiner Meinung nach falsch läuft. So etwas lässt sich viel besser diskuttieren und durch denken als das heutige übliche Geschwurbel. Und ich glaube: heutiges Geschwurbel findet nur statt um sich eben vor nachhaltigen Diskussionen zu drücken.

Ein amerikanischer Oskar Lafontaine also

Scott Rasmussen hat vor kurzem richtigerweise auf seiner Internetseite geschrieben, wenn der Ausgang der Präsidentschaftswahl bis zum Ende spannend bleibt - wovon nach jetzigem Stand auszugehen ist - wird keiner der Kandidaten der "kleinen" Parteien

USA-weit eine nennenswerte Zahl von Stimmen bekommen. Denn nur wenige Wähler werden ihre Stimme in dem Falle an Splitterparteien "verschwenden". Und die allermeisten Wähler, die weder Romney noch Obama als Präsidenten möchten, die werden auf die Stimmabgabe verzichten und gleich ganz zu Hause bleiben.
Insofern werden auch bei dieser Präsidentschaftswahl die Kandidaten der beiden "großen" Parteien zwischen 98 und 99 % der gültigen Stimmen bekommen.
Allenfalls wenn es in einem Bundesstaat so knapp werden sollte, dass wenige Zehntel hinter dem Komma den Ausschlag über den Sieger geben, könnte einer der Kandidaten der "kleinen" Parteien dort von Bedeutung sein.

"Allenfalls wenn es in einem Bundesstaat so knapp werden sollte, dass wenige Zehntel hinter dem Komma den Ausschlag über den Sieger geben, könnte einer der Kandidaten der "kleinen" Parteien dort von Bedeutung sein."

So wie in Virginia:

Virgil Goode, früher mal Republikaner im Kongress, wird mittlerweile von den Republikanern dort (die auch mit 2 von 3 Mitgliedern in der Wahlkommission sitzen) regelrecht bekämpft, damit er nicht auf dem Wahlzettel steht.

Man wirft ihm vor, dass er Unterschriften von Wählern gefälscht hat (und das obwohl er mehr als 20.000 gesammelt hat, während nur 10.000 nötig sind um auf dem Stimmzettel zu sein).

Virgil Goode ist noch konservativer als Romney und liegt in Umfragen in Virginia bei etwa 5-10%. Da er vor allem Romney Stimmen wegnimmt, würde Obama den Staat klar gewinnen.

Es bleibt also abzuwarten, ob die Republikaner mit ihrem Demokratie-feindlichen Gehabe Erfolg haben und Goode nicht auf dem Stimmzettel steht ...

Erfrischend ehrlich !!

Aber es sind meistens nicht viele, die die Wahrheit hören wollen. Noch weniger wollen dafür etwas tun !Insgeheim wollen die AMIS mit aller Gewalt immer noch die Märchen der Präsidentschaftskanditaten und deren Parteien glauben. ( weils einfacher ist )

naja genauso aber auch sehr ungeschickt.

auch wenn er wahrscheinlich recht damit hat, dass es alles "whores" usw sind...

ein bisschen mehr taktischen kalkül würde ich an seiner stelle schon an den tag legen...

Schaumschläger.

Jetzt kommen sie aus ihren Löchern und wissen alles besser, versprechen die Genesung der Welt durch ihre Ideen, und dann stellt sich heraus, dass sie zu dem Zeitpunkt, wo sie das alles unter Beweise hätten stellen können,auch nur ein Rädchen am kritisierten Wagen waren, wie die anderen auch.
Obama ist eine Segen für die USA. Man merkt´s an den massiven Anfeindungen. Dass er nicht alles in diesem in dem Ausmaß hat umsetzen können wie er´s wollte, liegt zum großen Teil auch an den Hetzkampagnen und Blockaden der Reps.
Ehrlich gesagt hatte ich eher Bedenken, dass er ein typisches Kennedy-Schicksal erleiden würde.

Ich wünsch ihm einen Wahlerfolg und einen geeigneten Nachfolger. Denn sonst geht´s nach Obama ganz schnell in den Orkus.

Wie lieb von Ihnen!

Das System des transatlantischen Imperiums geht den Bach runter- mit oder Obama! das System ist innen moralisch ethisch schon so verfault, dass es keine Umkehr geben kann. Erkennen kann man das gut an der Rücksichtslosigkeit mit der Gesetze gegen die Bürger zugunsten einer profanen Elite hergestellt werden. Aber auch an der vollkommen offenen Negation von Gesetzen wenn diese im Weg sind. Siehe z.B. Botschaft Ecuador in GB oder die Völkerrechtswidrigen Angriffskriege usw. Vielleicht auch die Vorbereitung des 3. Weltkrieges zur kurzeitigen Elitenrettung vor dem nahenden Untergang. Also Danke noch mal!

Blablablablam Mimimimimi

Es ist wie es ist und für die USA kann ein Präsident wie Obama nur besser sein als jeder Rep, vor allem wenn es sich um bigotte Rechte handelt.
Esoterisches Verschwörungsgeschwafel macht die sache auch nicht besser. Der Karren in den USA ist verfahren und das werden Republikaner, auch wenn sie Kreide fressen, nicht ändern.

Wird Anderson möglicherweise vom Wahlkampfmanagement seines alten Freundes Romney bezahlt zur gezielten Schwächung von Obamas Kernwählerbasis?

Verschwörungstheorien...

... im Dutzend billiger.

Das trifft anscheinend überall zu.

weiss jemand

Was man in den US of A eigentlich tun muss, um als kandidat zugelassen zu werden? Muss man da auch unterschriften sammeln gehen?

"Was man in den US of A eigentlich tun muss, um als kandidat zugelassen zu werden?"

Man muss nichts dafür tun. Einzige Voraussetzungen sind:

1. In den USA gebürtiger Amerikaner
2. Zumindest 35 Jahre alt
3. Zumindest 14 Jahre Aufenthalt in den USA

kleine Korrektur

1) Man muss "natural born citizen" sein, also Staatsbuerger von Geburt an, aber nicht unbedingt in den USA geboren, da Kinder im Ausland lebender AmerikanerInnen auch Staatsbuerger durch Geburt--natural born citizens--sind. Ein Beispiel ist George Romney, der Vater von Mitt, der als US-Staatsbuerger in Mexiko geboren wurde und 1968 fuer die Praesidentschaft kandidierte.

Das ist von Staat zu Staat (die ja die zustehenden Wahlmänner und -frauen nach ihren jeweiligen eigenen Bestimmungen ermitteln, teils auch nicht an die Vorgaben der WählerInnen gebunden) unterschiedlich, etwa Unterschriften oder einfach gegen Gebühr usw. Außerdem gibt es (außer in wenigen Staaten) ja noch die Möglichkeit einer write-in-Kandidatur, auch das wieder nach vom jeweiligen Staat abhängigen Regeln, da brauchen Sie sich nur als write-in-KandidatIn zu deklarieren oder nicht einmal das.

Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben

Seine Ansätze mögen ja zum Teil den Punkt treffen und sind durchaus berechtigt, doch sie kommen zu spät. Er hatte als Bürgermeister genügend Zeit, seine Ideen vorzubringen und einen Umdenkprozess innerhalb der Demokratischen Partei einzuleiten, was er aber nicht getan hat. Er war damals Teil dieses Systems, das er jetzt kritisiert. Time over! Jetzt sich als Held bzw. Heilsbringer aufzuspielen macht ihn nicht gerade glaubwürdiger, um keinen Deut.

Und noch ein Ron Paul...

der alles besser aber nichts anders machen würde.

Nun sagt er über die Partei von Präsident Obama, dass sie "feige und ohne Prinzipien" agiere, "gekauft und bezahlt von denselben Interessensträgern, wie die republikanische Partei" sei.

Tja und wenns ihn wählen kann man sagen willkommen im Club.
Ist eh immer das selbe zuerst drehn sie sich gegen den Wind und danach lassen sie sich von ihm treiben.

Er bringt nicht unbedingt falsche Argumente vor, ist aber selbst um keinen Deut besser als diejenigen, gegen die er wettert.

Wasser predigen, Wein trinken.

die teuerste muppetshow der welt

schön, wenn der ex-bürgermeister der mormonenhauptstadt sich zum thema korrumpierung und prinzipienfreiheit äußert...

"no more whores..." und das aus dem mund eines menschen, der zuerst demokrat ist und dann einen unterstützt, der TÄGLICH USD 50.000 verdient.

halten sich solche gestalten eigentlich selbst für glaubwürdig?

Wählbar (aus meiner Sicht).

Allerdings bin ich nicht wahlberechtigt.
;-)

Tja, wo er Recht hat.......

..."gekauft und bezahlt von denselben Interessensträgern, wie die republikanische Partei"...

Herr Anderson kann froh sein, dass McCarthy tot ist sonst

wäre er als Kommunist längst im Gefängnis. Grundvernünftig was der Mann sagt.

Posting 1 bis 25 von 31
1 2

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.