Rocky Anderson - Obamas schärfster Kritiker

Porträt |
  • Rocky Anderson bei Rachel Maddow

  • Campaign Spot von Rocky Anderson

Der ehemalige Demokrat und Bürgermeister von Salt Lake City tritt mit seiner "Justice Party" gegen Obama und Romney an - Er kritisiert die Korrumpierung des politischen Systems

"Rise up together and say 'No more!'. No more whores in Congress & White House!" Rocky Anderson nimmt sich auf Twitter kein Blatt vor den Mund, wenn es um seine Kritik an der "Plutokratie" in den USA geht. Einst war er selbst Teil des Systems, ein Demokrat und von 2000 bis 2008 Bürgermeister von Salt Lake City im Bundesstaat Utah. Nun sagt er über die Partei von Präsident Obama, dass sie "feige und ohne Prinzipien" agiere, "gekauft und bezahlt von denselben Interessensträgern, wie die republikanische Partei" sei.

Als Widersacher, der seinen Unmut lautstark artikuliert und notfalls dafür auf die Straße geht, ist Anderson schon länger bekannt. Während der Ära Bush führte er Demonstrationen gegen den Präsidenten an. Jetzt konzentrieren sich seine Vorhaltungen auf Barack Obama, den er nicht als "geringeres Übel" gegenüber den Republikanern bezeichnet wissen will, sondern als "effektiveres Übel", weil dieser unbehelligt seine Politik durchsetzen könne.

"Gulag America"

Anderson ist sichtlich unzufrieden mit den etablierten Parteien, die das politische System zu ihren Gunsten zu einer "Gewaltherrschaft" und einem "Gulag America" umfunktioniert hätten. Es ist diese fundamentale Kritik, die er unter seine Landsleute bringen will, und die Anderson wohl dazu bewegt hat mit seiner Ende 2011 gegründeten "Justice Party" als Präsidentschaftskandidat ohne Chancen gegen Mitt Romney und Barack Obama anzutreten.

Den Vorwurf, dass seine Kandidatur niemandem etwas bringe, sondern nur Obama schwächen würde, lässt Anderson nicht gelten. Diese strategischen Überlegungen hätten ihn zwar bisher immer von diesem Vorhaben abgehalten. Er sei aber, so betont er in einem Interview, zum Schluss gekommen, dass das nicht Grund genug sein kann, um keinen anderen politischen Kurs vorzuschlagen. Kandidaturen von "Third Parties" würden, auch wenn sie kaum wahrnehmbar seien, immer einen Unterschied machen.

Kritik an Gesetzesauslegung

Als studierter Jurist und einer der ehemals besten Anwälte in den USA kritisiert Anderson vor allem die derzeitige Gesetzesauslegung. Auf die berühmten "99 Prozent" würden die Gesetze flächendeckend zur Anwendung kommen. Für die Elite würden jedoch andere Regeln gelten. "Da sagt der Präsident dann: Vergessen wir das einfach." Eine große Gefahr sieht Anderson auch im "National Defense Authorization Act" (NDAA), der es nun erlaubt jeden US-Amerikaner oder Ausländer auf Verdacht zeitlich unbegrenzt zu inhaftieren, oder der Entscheidung, unlimitierte Wahlkampffinanzierung durch Super PACs zu erlauben.

Außerdem sind ihm einige Interessensgruppen, die sich in die Politik eingekauft hätten, besonders ein Dorn im Auge: "Wir sind der einzige unter den Industriestaaten, der nicht alle seine Einwohner am Gesundheitssystem teilhaben lässt. Trotzdem zahlen wir dafür doppelt so viel wie andere Staaten. Warum? Weil Versicherungs- und Pharma-Industrie die Politik korrumpieren. Dasselbe gilt für die Militär-Industrie." In vielerlei Hinsicht weise die Regierung Obama eine noch schlimmere Bilanz vor als die Regierung Bush, so Anderson.

In seinem eigenen Wahlprogramm setzt Anderson, der sich während seiner Amtszeit auch den Titel "grüner" Bürgermeister erwarb, auf die Wichtigkeit der Klimapolitik. Außerdem will er unter anderem das Mindesteinkommen erhöhen, die Schere zwischen Arm & Reich bekämpfen, und die Immigrations-Politik reformieren. International müsse die USA einen moralischen Führungsstil entwickeln, von illegalen Kriegen absehen aber den Kontakt mit Regimen, die Menschenrechte verletzen, abbrechen. Alle diese Vorhaben stehen unter dem Motto "Replacing private interest corruption with public interests solutions."


Allein auf verlorenem Posten? Mit viel Idealismus versucht Anderson potentielle Wähler zu überzeugen. Foto: Reuters/Frey

Mitt Romney, den Präsidenschaftskandidaten der Republikaner, kennt Rocky Anderson aus alten Tagen - gemeinsam mit ihm organisierte er die Olympischen Spiele 2002 in Salt Lake City. Damals war man voll des gegenseitigen Lobes und Respektes. Heute sieht Anderson mit Romney keine Gemeinsamkeiten mehr: "Der echte Mitt Romney, so wie wir ihn kennen, war vernünftig und gemäßigt in seinen Ansichten. Er war kein Politiker von Rechtsaußen. Das änderte sich, seit er für die Präsidentschaft kandidierte."

Anderson glaubt, dass seine Kandidatur auch bei traditionell republikanischen Wählern ankommen könnte. Allerdings nicht so sehr aus inhaltlichen Gründen: "Es gibt Leute, die Barack Obama nie ihre Stimme geben werden. Und wenn sie Romney nicht wollen, wählen Sie vielleicht mich." Anderson wird laut derzeitigem Stand zumindest in zehn Bundesstaaten auf den Wahlzetteln stehen. Über sein Abschneiden lässt sich jedoch nichts vorhersagen, denn er scheint in keiner der großen Wahlumfragen auf.

Vize-Kandidat war Mitglied einer Gang

Auf dem Weg zum 8. November 2012 musste Anderson bisher schon einige Niederlagen einstecken. Zuerst scheiterte er mit seiner Kandidatur bei "Americans Elect". Die Plattform wollte online einen Präsidentschaftskandidaten aufstellen, musste jedoch diesen Versuch wieder aufgeben. In Kalifornien bewarb sich Anderson als Kandidat bei der "Peace and Freedom Party", zog allerdings seine Nominierung vorzeitig zurück.

Als Kandidaten für die Vize-Präsidentschaft hat sich Anderson, selbst geschieden und Vater von einem erwachsenen Sohn, jemand Speziellen ausgesucht: Luis Rodriguez war Mitglied einer Gang in Los Angeles und verbrachte deshalb einige Zeit im Gefängnis. Seither engagiert er sich als Autor und Aktivist bei Organisationen, die Gewalt unter Gangs vorbeugen wollen. (Teresa Eder, derStandard.at, 13.8.2012)

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