Technik soll Senioren längeres Leben in eigener Wohnung ermöglichen

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Verein AAL (Ambient Assisted Living) als österreichische Innovationsplattform gegründet - Gesamtkonzept für Einzellösungen gesucht

Die Anzahl pflegebedürftiger Menschen steigt rasant. Laut Statistik Austria beziehen bereits rund 432.000 Personen Pflegegeld, 1993 war es nur 230.000. Angesichts des schon jetzt spürbaren Mangels an Pflegepersonal soll Technik - unter dem Fachbegriff "Ambient Assisted Living" (AAL) zusammengefasst - helfen, die Zeitspanne zu verlängern, in der alte Menschen selbstbestimmt zu Hause leben können, sagte Michaela Fritz, Leiterin des Health and Environment Department am Austrian Institute of Technologie (AIT) am Montag bei einer Pressekonferenz in Wien. Sie ist Präsidentin des neugegründeten Vereins "AAL Austria", der sich als Innovationsplattform für intelligente Assistenz im Alltag sieht.

Sicherheit und Komfort

Unter AAL sind laut Fritz Methoden, Systeme und Dienstleistungen zu verstehen, die Sicherheit und Komfort für ältere Menschen in den eigenen vier Wänden erhöhen, stark auf den Nutzer ausgerichtet sind und es ihnen ermöglichen, länger selbstständig in der vertrauten Umgebung zu bleiben. An Ideen, technischen Ansätzen und Insellösungen mangelt es nicht, ausgereifte Einzellösungen wie das Notruf-Armband gibt es schon seit Jahrzehnten.

Die Frage sei, "wie schaffen wir die Systemintegration", spricht Fritz die mangelnden Gesamtkonzepte an. Auch bei einem Arbeitskreis der Alpbacher Technologiegespräche in der kommenden Woche (23.-25.8.) soll darüber diskutiert werden, wie man das besser machen kann.

Robert Körbler, Geschäftsführer von Philips Healthcare Österreich, nennt drei "Hauptbereiche" für AAL: Einerseits "Kommunikation", wobei es nicht nur um soziale Kontakte, sondern auch Kommunikation mit Sozialdiensten oder dem Arzt geht. Dazu kommt "Sicherheit" mit Systemen, die etwa automatisch den Herd ausschalten, wenn man das Haus verlässt, oder eine Bodenbeleuchtung, die automatisch angeht, wenn man in der Nacht aufsteht. Schließlich gibt es den großen Gesundheits-Bereich, etwa mit medizinischer Fernüberwachung von medizinischen Daten oder Verhaltens-Coaching.

"Dann könnte ein Alarm ausgelöst und der Nachbar, Verwandte oder ein Hilfsdienst angerufen werden"

Am AIT forscht man an Systemen, die erkennen, wenn eine Person länger als gewöhnlich im Bad bleibt, in der Früh nicht aufsteht oder der Kühlschrank schon 24 Stunden nicht geöffnet wurde. "Dann könnte ein Alarm ausgelöst und der Nachbar, Verwandte oder ein Hilfsdienst angerufen werden", sagte Fritz. Derzeit ist es allerdings mit erheblichem Aufwand verbunden, Einzelanwendungen miteinander zu verbinden, so Philips-Österreich-Chef Robert Pfarrwaller zur APA. Es gibt sehr viele Insellösungen, die aber miteinander kommunizieren sollten, meint Fritz. "Wie man es schafft, dass man die Systeme einfach im Haus installieren und auch nachträglich einbauen kann, ist am AIT ein großes Thema", so Fritz.

"AAL ist sehr lange unter einem forschungslastigen Gesichtspunkt gesehen worden", meint Hilfswerk-Geschäftsführer Walter Marschitz. zur APA, erst in letzter Zeit hätte man begonnen die Endanwender in die Entwicklung einzubinden und sich zu überlegen, wie man die Technik auf den Markt bringen kann. Auch der Verein AAL mit seinen bisher 13 Mitgliedern - neben AIT und Philips auch Joanneum Research, die Technische Universität Wien oder die Wiener Sozialdienste - sei derzeit noch "forschungslastig" zusammengesetzt, räumte Fritz ein.

Erfolgreiche Kooperations- und Geschäftsmodelle für die zahlreichen Beteiligten zu finden, hält Pfarrwaller für eine der größten Herausforderungen im Bereich AAL. Dazu müsse man "die vollständige Kette der Akteure der Pflegeversorgung einbeziehen und neben den Technologieentwicklern auch Mediziner, Krankenkassen, Verbände, Sozial- und Gesundheits-Dienstleister, Interessenvertretungen, Wohnungswirtschaft, Psychologen und Betroffene an einen Tisch bekommen".

Förderung

Gefördert wird die AAL-Forschung u.a. durch das AAL-Programm der EU und das nationale "benefit"-Programm. Für die öffentliche Hand könnte es sich ökonomisch rechnen, AAL-Lösungen zu unterstützen, meint Marschitz, wenn man damit etwa die Zeit zwischen den weniger- und sehr betreuungsintensiven Pflegemodellen hinausschiebt. In Österreich sieht er das Problem, "dass die Gesundheitsfinanzierung so komplex ist". Wer tatsächlich die Innovationen treibt, wäre oft nicht der finanzielle Nutznießer. Das würde die Ambitionen nicht gerade fördern, "obwohl es da sicher noch riesige Chancen gibt."

Körbler ist dennoch überzeugt, dass "in zehn Jahren ein Großteil der AAL-Technologien zur Standardausstattung" von Wohnungen gehören wird. Helfen sollen dabei Pilotprojekte, etwa jenes von AIT und dem Arbeitersamariterbund, bei dem ab Herbst im Burgenland 50 Wohnungen mit AAL-Technologien ausgestattet werden sollen. Auch in Wien ist ein solches Projekt mit 100 Wohnungen in Planung, sagte Körbler. (APA, 13.08. 2012)

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