Wiener Flughafen-Frust

Kommentar |

Die "köstliche Vielfalt", mit der man sich brüstet, besteht zum Gutteil aus Massengastronomie

Schlauchförmige Dunkelhalle, gekippter Finsterturm, Einkaufszentrumsästhetik: Die Begeisterung der meisten Passagiere, die - in der Regel nach elendslangen Hatschern - den sogenannten Check-in 3 betreten, hält sich, gelinde gesagt, in Grenzen. Außer dem unangenehmen Schlauchgefühl, das einen sofort befällt, gibt es aber noch einen Grund, die neue Ankunftshalle am Flughafen Wien so schnell wie möglich wieder zu verlassen. Denn man hat vergessen, die einzige überzeugende Untermauerung der ostentativ vorgetragenen und positiv gemeinten Behauptung "Wien ist anders" von der alten Halle in die neue Halle mitzunehmen: Es gibt keinen Trzesniewski und kein Oberlaa mehr.

Vergebens imaginiert man im Anflug auf Wien ein "Matjes mit", begleitet von einem oder mehr Pfiffen, oder ein adäquates Frühstück, für das man den Flugzeugfraß gerne stehen lassen hat. Alles vorbei. Die "köstliche Vielfalt", mit der sich der Flughafen Wien brüstet, besteht zum Gutteil aus genau jener grindigen Massengastronomie, die den Wiener "Anders sein"-Anspruch zwischen zwei Gatschlaberln begräbt.

Es wird schon seine Gründe haben, dass Trzesniewski und Oberlaa in der neuen Ankunftshalle nicht vertreten sind: Sie interessieren uns nicht beziehungsweise wüssten wir sie, wir würden sie nicht akzeptieren. Und auch Otto Lilienthal lässt ausrichten: Das habe ich nicht gewollt! (Gudrun Harrer, DER STANDARD, 13.8.2012)

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