Ach, wärst du doch daheim geblieben

  • Wären sie doch einfach daheim geblieben, die Besserwisser, Nörgler und Kostverächter.
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    foto: axel schmid/ap

    Wären sie doch einfach daheim geblieben, die Besserwisser, Nörgler und Kostverächter.

Im Urlaub Menschen zu treffen ist positiv und erfreulich. Es sei denn, sie gehören zur Gruppe der Nörgler, Besserwisser und Angeber

Wir schuften und hackeln und malochen das ganze Jahr. Geizig sparen wir den Urlaub auf, nutzen Fenstertage um trotzdem ein wenig Freizeit zu haben und das alles nur, um dann endlich den Haupturlaub in vollen Zügen zu genießen. Und wir freuen uns drauf. Jedes Jahr.

Dann endlich ist es soweit. Urlaub. Wir lassen den Alltag hinter uns, wollen neue Dinge sehen, etwas anderes erleben als zuhause, Kultur, Land und Leute kennenlernen. Alles wunderbar. Wären da nur nicht die Anderen. Die, die nie irgendwo ankommen, weil sie andauernd davon erzählen, wo sie schon überall waren und stolz ihren Reisepass vorzeigen mit alle den Stempeln und Visa. Die, die sich vor Kirchen und Tempeln langweilen und alle Anwesenden wissen lassen, das Gebäude sei "ja eh schön, aber halt leider doch nicht ganz so beeindruckend wie jenes in XY" an das es doch sehr erinnert. Gleiches gilt natürlich auch für das Hotel, das zwar komfortabel ist, aber im Vergleich zur Anlage des Vorjahres eher armselig anmutet.

Nicht zu vergessen die Mitreisenden, die zu allem und jedem ihren Senf dazu geben, alles schon wissen, bevor die Führung beginnt und den Guide mit gefinkelten Fragen auf Herz und Nieren auf seine Fachkenntnisse prüfen. Wenn sie feststellen, dass ihr Wissen eigentlich keinen interessiert, gehen sie beleidigt dazu über, aus dem Hintergrund in halb flüsterndem Ton bissige und verächtliche Kommentare in die Menge zu streuen. Mit gewählter Arroganz bezichtigen sie das lauschende Publikum der Kultur- und Ahnungslosigkeit.

Und dann gibt es jene, die am Buffet nach der Heimat Ausschau halten, den Salat lieber mit Apfelessig und Maiskeimöl statt mit Balsamico und Olivenöl hätten. Mit dem "labbrigen" Weißbrot sind sie alles andere als zufrieden. Vielmehr vermissen sie das kräftige, dunkle Schwarzbrot aus der Heimat schmerzlich - und vor allem lautstark: "Es ist eh okay hier, das Essen ist auch einigermaßen. Nur, ganz ehrlich, Brot backen können sie einfach nicht hier!"

Diese, oft sehr einsamen Menschen, sind auch im Urlaub auf der Suche nach Nachbarn, zumindest aber nach Menschen aus der eigenen Heimatstadt, aus dem gleichen Bundesland. Eigentlich fühlen sie sich gar nicht wohl unter so vielen Fremden, deren Sprache sie nicht verstehen und deren seltsames Verhalten ihnen Angst macht. Warum, fragt man sich da, sind sie nicht zu Hause geblieben bei ihrem Schwarzbrot, ihrem Maiskeimöl und ihren Nachbarn? (Mirjam Harmtodt, derStandard.at, 15.8.2012)

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