Cornwall - Voll die Flora im britischen Süden

In Cornwall liegt hinter jedem Busch eine Geschichte, ein Wirtshaus der Spitzen- oder ein Restaurant der Sonderklasse

Cornwall ist ein Land der Spinner. Das fängt schon bei den Heiligen an: St. Piran strandete mit einem Mühlstein um den Hals in Perranzabuloe, Sankta Ia wurde auf einem Blatt angespült, St. Gennys ging mit seinem Kopf unter dem Arm spazieren und Sankta Keyne versteinerte Schlangen. Die Ein- und Unwegsamkeit zog auswärtige Hermiten an und beförderte Spleen und lose Sparren bei den Einheimischen. Sir Tillie erbaute sich einen Turm, "Mount Ararat", in dem er, einmal tot - in Festkleidung an seinen Sessel geschmiedet - seine Auferstehung innerhalb zweier Jahre erwarten wollte. Es ist erst ein paar Jahrzehnte her, dass ein Vikar sich entschied, tagsüber durchzuschlafen, um seine Schäfchen nachts heimzusuchen und sich ungestüm an der Kirchenorgel zu ergehen. Ein weiterer Vikar, Witwer und Vater zweier Töchter, überließ deren Erziehung seinen Hühnern, indem er alle zusammen in die Scheune sperrte, weil er stets unterwegs war. Mancher erinnert sich noch an Reverend Denshaw mit seinem Dutzend blutrünstiger Wolfshunde, die jederlei Besuch seiner befestigten Wohnstatt verbaten. Er füllte seine fürderhin verwaiste Kirche dann mit Holz- und Pappkameraden.

Heutzutage nonkonformieren die Kornen, indem sie tiefwinters surfen, ihre kleinen Läden um 16.30 Uhr zusperren, Charles' Camilla zur Herzogin und die Schottin Pilcher zur Tourismuspatronin haben. Nebenbei stellen sie ihre originellen Gebisse sowie possierliche Nutztiere zur Schau.

Was in Cornwall auf den von biokunstvoll überwachsenen Backsteinmauern begrenzten Weiden herumlungert, hat mit den hiesigen Holstein-Undercows nichts gemein. Samtbraune South-Devon-Ochsen, Cornish Red Rubies mit rotem Wuckifell, ein bis zwei Tonnen schwere Orange Elephants, Angus oder British White stehen dort stoisch im Regen. Dazu drollige Schafe, wie das Longwool, das aussieht wie ein aufgepumpter Flokati oder die zimtplüschigen Suffolks mit dem Aber-hallo-Hodenbeutel.

Cornwall ist auch Vogelland

Reiher, Kormorane, mannigfach Möwen, Häher und Spechte, Bussarde und Fasane - Letztere quasi zum Selberpflücken, denn diese goldgrünen Transusen bummeln auf den Sträßchen herum, sodass man sie vom Autofenster aus away-taken könnte.

Das liegt natürlich am Verbot der Fuchsjagd, maulen die Kornen. Man sieht nicht nur so viele Kaninchen wie in Berlin, sondern auch Füchslein, die dem hüpfenden Buffet eher gelangweilt hinterherschauen. Hier hält selbst der B&B-Gevatter eine Purdey Rifle hinter der Küchentür, vorgeblich, um sich ab und an ein Eichhörnchen (die bösen, grauen Kolonisten aus den USA) zum Lunch zu holen. Auch pubertierende Knaben gewaltfreier Familien finden hier die Flinte cooler als Kiffen. Die Karnickel hingegen gehören den Farmkatzen, kniehohen Würgern, deren Pelzmatte einem Bären die Neidtränen in die Augen triebe. "Oh, this guy here is Jacob, he had two rabbits for breakfast", werden sie einem vorgestellt.

An Hund hat man hier Border Collies. Und Seehunde.

Das Meer ist nie weiter als 25 km entfernt, im Süden der Ärmelkanal, im Norden der Atlantik, warmgespült vom Golfstrom. Fisch wird auch hier langsam knapp, die kornische Sardine, der Pilchard, der früher ganze Landstriche ernährte, hat sich verzogen, und nun wird vornehmlich für die feine Gastronomie gefischt: Rotzungen, Angler, Barsch und Seehecht, Lachs, Kabeljau, Dorsch und Schellfisch. Letzterer ist der Fisch für Fish 'n' Chips und wird auch bei Kochstar Rick Stein noch in Unschlitt (Rindstalg) gebacken. Makrelen gibt's gut und günstig; teuer auch, von Nathan Outlaw (sic!) in Rock mit Austern, Dillgurken und Michelin-Sternen.

Internationale Ingredienzien

Cornwall ist Foodie-Land. Wo man im französischen Gegenstück, der Normandie, mit Camembert, Kutteln, Darmwurst oder allem à la crème aufwartet, labt Cornwall mit Ente zum Petersfisch, Blutpudding mit Linsen-Dressing, prallen Würsten mit Erbsmus oder den "Splits" (heutzutage Scones) mit vorgeblich klumpiger (clotted) Cream, die jedoch seidenglatt gelöffelt wird.

Allüberall finden sich italienische, französische und spanische Ingredienzien bzw. Bezeichnungen auf den Karten, aber die Kornen-Küche lebt, etwa in der "Cornish Pie", einem warmen Mürbteig-Patschen, gefüllt mit Quer-durch-die Speisekammer, oder als "Stargazey Pie", bei der ein Dutzend Pilchards mit dem Kopf so durch den Pastetenteig gelupft werden, dass sie Sterne gucken.

Cornwall isst nicht teuer: Der nonkonforme Gast spart beim "Early Bird Dinner" richtig Geld, wenn er zwischen 18.00 und 19.00 Uhr zwei Gänge runterschlingt; oft darf er dann auch ungefragt gut sein - und bekommt eine politisch korrekte Spende auf die Rechnung geschlagen.

Getrunken wird, wie großbritannisch üblich, erstklassig. Nicht nur Wein, Cider und Whisky, sondern auch allerhand Ales, still, kühl und süffig. Langsam kommen die Briten auch wieder darauf, dass sie ja die waren mit der Teekultur, und der Kleinmüll im Vliesbeutel wird immer öfter durch lose Blätter in großen Kannen ersetzt. In den besseren Lokalen wird hierorts der einzige echt englische Tee geboten, nämlich Camellia sinensis aus Tregothnan, dem ansehnlichen Gut des Viscount Boscawen, einem Ururur von Earl Grey. Ja, von dem. Auch wälderweise Kea Plums hat der Vicomte - eine Art bunter Ringlotten, die nur auf dem Kornischen Zipfel wächst und die er mitsamt "Housekeepers Biscuits" und lustigen Teesorten (Myrte, Kamelie, Echinacea) als Jam feilbietet.

Heftig wandern

Wer nach dem Cream Tea und dem pittoresken Anblick der weißen, georgianischen Häuser an Fluss und Küste Lust auf Bildung und trockene Haare hat, belohnt sich mit einem Abstecher ins Maritime Museum in Falmouth (Armaden von Booten, Ertrunkenenlisten, Fischreusen und ein Rettungshelikopter), in eines der kornischen Minen-Museen oder Herrschaftshäuser oder ins Eden Project nach St. Austell (weltgrößter Urwald in Gefangenschaft, "Events" und voll die Flora).

Da es sowieso nicht zu regnen aufhört, bestiefelt man sich und kriecht durch eine Megalithformation (so was wie Stonehenge), die hier mit Mittelloch herumstehen, oder ergeht sich in einem der überquellenden, blütenbödigen Botanischen Gärten und fühlt sich wie Alexander von Humboldt oder zumindest Robinson Crusoe.

Wandern kann man hier heftig: immer rauf und runter und in die Fjorde hinein - auf dem 1000 km langen Saußuestkohstpahf oder wie immer es einen den South West Coast Path auszusprechen dünkt. Auch anderweitig sei man hellhörig: "Snaiws" und "Wudbri" verweisen etwa schlicht auf St. Ives und Woodbury. Sonst heißen viele Orte vorneweg "Tre-": Trelowarren, Trelawne, Trelissic, Tregony, Trerice, Trebah, Tredinnick, Tregavarah, Treloweth, Trenuggo, Treveal, Trevellard, Trevescan usw. - die Hauptstadt ist jedoch nicht Trero, sondern Truro. Keltisch eben.

Abends, im Regenriesel, liest man dann in seinem Bed-&-Breakfast-Bed (très chic oder wie damals in London: Rüschendecke, jaulende Dusche, Plastikkamin und hypo-cholesterines Transfett zum Toast) eben nicht Irrwege des Herzens, sondern was Nettes von Virginia Woolf, Daphne du Maurier oder Frau Brontë. Emily gibt zwar vor, ihr heimisches Yorkshire zu schildern, für die Kornen inszeniert sie aber eindeutig die Heimat ihrer aus Penzance gebürtigen Mutter: seitenweise Moorgefilde, bevölkert von Nebelfetzen, Untoten, Geistern und den schon eingangs erwähnten Schrullen.

PS: Cornwall ist warm, außer Palmen, Kamelien oder Magnolien knallen hier subtropische Pflanzen ihre Blüten in den - immer wieder auch himmelblauen - Himmel. (Una Wiener, Album, DER STANDARD, 11.8.2012)

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