Gender-Streit um Med-Uni: Werden die Richtigen geprügelt?

Kommentar der anderen12. August 2012, 18:23
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Die Kritik an der geschlechtsspezifischen Auswertung der Aufnahmeprüfungen für das Medizinstudium ignoriert Grundlegendes

Was hat sich die Med-Uni Wien - wegen der geschlechtsspezifischen Auswertung des Eignungstests für das kommende Studienjahr - in den letzten Tagen nicht alles anhören müssen. Das sei eine Maßnahme wie in einer Diktatur, eine bewusste Förderung von "Quotenfrauen", eine schwere Benachteiligung männlicher Bewerber, die mit Klagen drohen; eine Partei macht sich Sorgen um unsere internationale Reputation.

Die Vorgeschichte: Seit 2006 werden an den medizinischen Universitäten Aufnahmetests für die Zulassung zum Studium durchgeführt, ein Eignungstest in Wien und Innsbruck, nämlich der in der Schweiz bereits seit 1996 verwendete EMS ("Eignungstest für das Medizinstudium"), ein Wissenstest auf naturwissenschaftlicher Basis in Graz. Unab-hängig von den beiden Testmethoden schnitten Frauen jedes Jahr - also insgesamt schon sechsmal - hochsignifikant (!) schlechter ab. In der Schweiz ist dieser "Gender Gap" auch vorhanden, aber nicht signifikant (möglicherweise deshalb, weil in der Schweiz zwischen 50 und 70 Prozent der Bewerber/-innen aufgenommen werden, an den österreichischen Medizinuniversitäten hingegen nur etwa 18%). Zur Verdeutlichung: In zwei Dritteln der Fragengruppen, nicht nur bei den mathematischen und naturwissenschaftlichen Themen, liegen die Testwerte der weiblichen unter jenen der männlichen Bewerber.

Um diesem Ergebnis auf den Grund zu kommen, hätte es eigentlich längst Analysen außerhalb des Bereiches der Medizinuniversitäten bedurft, warum wurden sie nicht in Angriff genommen? Liegt der Grund dafür im sekundären Bildungsbereich? Warum wurde nie der Frage wissenschaftlich nachgegangen, warum bei so vielen Fragen - unabhängig von der Testmethode (siehe Wissenstest in Graz) - Frauen schlechter abschneiden?

Dies ist umso bedenklicher, als der ärztliche Beruf international zunehmend weiblich wird, während an den Medizinuniversitäten in Österreich ein 56:44-Verhältnis, das zugunsten von Frauen aufgrund der Anmeldung vorliegt, nach Durchführung des Tests glatt ins Gegenteil verdreht wird. Als Folge dessen erarbeiten die Medizinuniversitäten derzeit einen neuen und gemeinsamen Aufnahmetest, der gendergerecht sein soll. Es ist aber keinesfalls sicher, dass dieses Vorhaben gelingen wird; denn die Ausgangsbasis wird - solange die oben gestellten Fragen nicht beantwortet sind - wohl unverändert bleiben.

Solange aber kein Testverfahren existiert, das achtzehnjährigen Frauen dieselben Chancen für ein erfolgreiches Bestehen garantiert wie gleichaltrigen Männern, ist es unverantwortlich, hier nicht gegenzusteuern. Mehr als sechs Jahre untätig zusehen, wie die Medizin in Österreich vermännlicht, und das in völligem Gegensatz zur Interessenlage für den ärztlichen Beruf und bei offensichtlich schwerer Benachteiligung einer Gruppe, konnte die Medizinische Universität Wien jedenfalls nicht und hat sich daher vorerst - solange kein neu entwickelter Test vorliegt - für eine genderspezifische Auswertung des bestehenden entschieden.

Alle Gremien der Universität haben diese Entscheidung mitgetragen, auch der Senat und die dort vertretenden Studierenden (die sich jetzt verhalten, als wüssten sie das nicht mehr). Aber auch bei einem neuen Test ist es keinesfalls als gesichert anzusehen, dass diese zugegebenermaßen als Kraftakt zu bezeichnende Maßnahme einer genderspezifischen Testauswertung in den kommenden Jahren nicht mehr erforderlich sein wird.

Auch wir würden uns wünschen, sie nicht mehr anwenden zu müssen. (Wolfgang Schütz, DER STANDARD, 13.8.2012)

WOLFGANG SCHÜTZ ist Rektor der Medizinischen Universität Wien.

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    Flaschenhals Eignungstest, Studienanwärterin unter Druck: Ist ein "Frauen-Bonus" das richtige Rezept für mehr Chancengleicheit?

  • Rektor Schütz: ein leider notwendiger "Kraftakt".
    foto: standard/corn

    Rektor Schütz: ein leider notwendiger "Kraftakt".

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