Landflucht: "Man kann die Leute nicht annageln"

Interview | Gerald John
12. August 2012, 17:45
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Weber erklärt, was schrumpfende Dörfer tun können.
    foto: standard/newald

    Weber erklärt, was schrumpfende Dörfer tun können.

Raumplanerin Gerlind Weber rät den von Bevölkerungsschwund geplagten Orten eine Radikalkur: Abriss

Standard: Stirbt das Land aus?

Weber: Das kann man teilweise schon behaupten, nur verläuft die Grenze nicht zwangsläufig zwischen Stadt und Land, sondern zwischen strukturstarken und -schwachen Gebieten. Letztere leiden unter großen Bevölkerungsverlusten - durch Abwanderung und die niedrige Geburtenrate der Verbliebenen.

Standard: Worin besteht diese strukturelle Schwäche?

Weber: Diese hat viele Facetten: Wenige Arbeitsplätze für hoch Qualifizierte, geschlossene Postämter, Tankstellen, Schulen, ausgedünnte Nahversorgung - zwölf Prozent der Gemeinden haben kein Lebensmittelgeschäft mehr. Weil es keine Treffpunkte gibt, begegnet man sich wenig. Ohne Auto ist man arm dran.

Standard: Sind diese Phänomene Ursache oder Wirkung?

Weber: Beides. Das ist eine Spirale, die alles immer weiter nach unten zieht.

Standard: Wer wandert ab?

Weber: In erster Linie gut ausgebildete Junge. Frauen haben dabei die höhere Abwanderungsneigung. In einigen Gemeinden gibt es doppelt so viele 20- bis 29-jährige Männer als Frauen. Letztere sind oft besser qualifiziert und patenter bei der Gründung eines neuen Wohnplatzes, während junge Männer eher die Pension Mama vorziehen und den lokalen Betrieb übernehmen. Die Männer sind auch besser ins Dorfleben integriert, während Frauen soziale Enge und patriarchale Muster abschrecken.

Standard: Was bedeutet das für Orte?

Weber: Nichts Gutes, weil Frauen der Kitt sind, der ein Dorf zusammenhält. Durch die Kinder setzen sie sich stärker für den Ort ein und sind tagsüber häufiger präsent. In Männerorten bleibt ein unterschwelliges Frust- und Aggressionspotenzial zurück - wie in Ostdeutschland zu sehen ist.

Standard: Wie kann man junge Menschen vom Gehen abhalten?

Weber: Vielfach gar nicht. Wer einmal zur Abwanderung entschlossen ist, lässt sich nicht aufhalten - und das ist gut so. Junge Menschen müssen Erfahrungen anderswo sammeln, gerade im urbanen Raum, das gehört für viele zu einem erfüllten Leben dazu. Man kann die Leute nicht annageln, das ist zum Scheitern verurteilt und entmutigt Gemeinden nur noch mehr. Lieber sollte man sich um jene kümmern, die nicht weg wollen, und dann Chancen für Zu- und Rückwanderung nützen. Dafür muss sich vielerorts aber schon atmosphärisch eine Menge ändern.

Standard: Inwiefern?

Weber: Neuankömmlinge und Rückkehrer fühlen sich oft nicht willkommen - vor allem Frauen. In vielen Orten gibt es eine Clique der Eingeschworenen, die einen ewig nicht akzeptiert. Ich kenne das aus eigener Erfahrung vom Attersee: Gut ausgebildete Frauen, die zurückkehren, werden mit Skepsis beäugt. Die Männer sind verunsichert, wie sie etwa mit einer Uni-Professorin wie mir umgehen sollen - vielleicht aus Angst, sich zu blamieren.

Standard: Was braucht es noch?

Weber:Ein entscheidender Faktor sind attraktive Jobs. Dazu muss man beobachten, wohin die Entwicklung geht, und sich dann spezialisieren - etwa auf erneuerbare Energie, Bauen mit Holz, Beautytourismus, Gesundheit oder Altenbetreuung. Die Gemeinden müssen ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen, statt ewig zu hoffen, dass Bund und Land die Geldschleusen öffnen. Denn das wird auf absehbare Zeit nicht mehr passieren.

Standard: Lässt sich die Zentralisierung aufhalten?

Weber: Extremstandorte werden nicht zu halten sein, das muss sich die Gesellschaft eingestehen. Der Wettbewerb ist in der globalisierten Wirtschaft so hart, dass nur beste Lage und Infrastruktur einen Vorteil bringen. Ich plädiere für Rückzugsstrategien. Es ist sinnlos, sämtliche Gebäude und Infrastruktur mit Gewalt zu erhalten, wenn sich keine Nachnutzung findet. Manche Orte müssen bereits Abwasserkanäle künstlich durchspülen, weil zu wenige Benutzer da sind. Viele Häuser drohen brachzuliegen, weil die Kinder weggezogen sind. Da braucht es einen geordneten Schrumpfungsprozess, etwa indem Wohnbaugelder umgepolt werden, um Rückbau oder Abriss zu finanzieren. Das ist vielleicht ein volkswirtschaftlicher Verlust - aber auch ein Gewinn für die Natur. (Gerald John, DER STANDARD, 13.8.2012)

GERLIND WEBER (60), geboren in Unterach (Oberösterreich), ist Raumplanerin an der Uni für Bodenkultur in Wien.

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darf die frau auch unterrichten?

selten so einen 08-15 schmafu gelesen.

die analyse stimmt ja, wie auch gesagt, ex-ddr hat massiveres problem seit 20 jahren damit und arbeitet an lösungen.

der arme-gemeinden-bürgermeister ist da sicher überfordert. eines muss man dann wohl sagen:

die landes-staatl.boku raumplanung hat kläglich versagt und 100e millionen euro fehlinvestiert. wie schauts in den kernstädten aus? genauso trostlos, dank EKZ am stadtrand.

übrigens ist der trend grad gegenläuft, raus auf s land. welches land?
welches wiener gretzl reissen wir ab, wo "nix is"?

das tiroler bergtal das ausstirbt oder das mühlviertel?
das burgenland oder von welcher gegend reden wir, sibirien?

nix konkretes, danke für geschenkte 10 min, hätte ich auch meditieren können

mein eindruck

bei ausflügen in die ländliche idylle ist, dass die ruhe nicht gleich gelassenheit und soziale akzeptanz ist. die kirchen und die alten bauernhäuser sind wunderschön - auch in ihrem verfall. die menschen, denen ich begegnet bin, wo ich gelernt habe zu grüssen, wo ich erzogen worden bin ein freundliches zugewandtes gesicht zu machen, - ja die menschen machen das genau nicht. skepsis, verallgemeinerte sichtweisen über nicht heimische invasoren, "die ham ja ka ahnung wie schwer das landleben ist" - haltung, ....und wenn ich wieder raus bin aus der "idylle" denk' ich mir, als junger mensch kannst nur mitmachen oder wegziehen. veränderung ins offene, vorwärtsschreitende, zulassende Gesellschaftsleben ist schieer unmöglich.

und vielleicht gilt das für meinen eigenen kleinen ort auch.

Eines zeigt der Artikel... "WIR SAN WIR"!
Dieses olendige gsindl das von nix a ahnung hat und auf alles pfeitft.. des muaß vernichtet werden weil es kann nur so sein wie wia des sogn und nur so wia wia des leben und es gibt kan grund des anders zum erleben... ALSO STERBTS AFACH IHR ONDERSTN.. WIA KUNNTS IHR NUA ONDAS SAN OIS WIA!!!!????

Hab ich damit die essentielle thematik zusammengefasst oder fehlt einer der beteiligten personen irgendein argument?

.

Steuerflucht: "Man kann die Leute nicht annageln".
Hierzulande scheinbar nicht mal festnageln.

annageln ... wär interessant wo ...

am gemeinde-pranger oder aufs kreuz?

an den maibaum?

in der stadt ist es besser, da kann man 3 monate tot in der wohnung liegen und keiner räumt den kadaver weg. die leute kennen sich da oft nichtmal am geruch (des todes). auch so ein schönes klischee.

abreissen würd ich sagen, den wohnsilo. tod dem architekten hiess es bei muttertag. die raumplaner werden aber immer vergessen ... zu recht.

natürlich kann man leute annageln!

unser kulturkreis basiert auf der tatsache, dass man leute annageln kann!

dafür ist das Landleben gesund

wenn halt nicht die vielen Spritzmittel wären (damit wir billige Lebensmittel bekommen).

Und die Ruhe! Wenn nicht die Autobahn vorbeigeht oder die tiefergelegten Passats mit den SW herumflanieren.

Und die Dorfgemeinschaft, wo jeder willkommen ist!
Außer er ist natürlich ein bisserl anders, dann net.

.

Spritzmittel brauchts oft nicht mehr.
Siehe Walser Biobauern -
die ernten direkt neben der Autobahn und
mitten in der Einflugschneise
des Flughafens - was will der Konsument mehr?

ich wohne gerne in der hauptstadt. mit meinen nachbarn habe ich kontakt, ich habe freunde, familie und bekannte in meinem grätzl. ich möchte nicht im speckgürtel wohnen, zumal ich viel in der stadt unternehme.
ich mache gerne urlaub in österreich, das genieße ich, zumal ich ihn mit freunden verbringe. kürzlich war ich in bad aussee, wo alle in tracht herumlaufen. das war interessant. ich weiß allerdings nicht wie konservativ diese leute sind, dazu war ich zu kurz dort.

War auch gerade einige Tage dort. Mir kam vor, die Trachtenträger waren entweder in der Tourismusbranche tätig oder deutsche Touristen mittleren und gehobeneren Alters, die das wohl für die ortsübliche Verkleidung hielten, um sich ins Ortsbild zu integrieren und nicht aufzufallen. Na ja, nicht sehr effektiv.
Wenigstens können einige Leute davon leben.

ich war mit einer freundin auf dem im sommer zweiwöchig stattfindenden jahrmahrt. sie hat einen 'leib' und einen schürzenstoff für ihre schwester gesucht. fast alle trugen tracht. in einem einschlägigen geschäft war auch ein deutsches ehepaar, seeeeehr beleibt, natürlich in tracht auf der jagd nach noch mehr tracht. ich war von grellen, poppigen dirndln und der bunten vielfalt angetan (was meine freundin nicht lustig fand), bin aber zu dem schluß gekommen, dass ich in diesem ort zur abwechslung einmal nicht verleitet bin, mir was zu kaufen. ich bin nicht der dirndl-typ und ich lebe in wien.

für die tracht-affinen: bald findet ja die wiener wiesn-gaudi statt!

bad aussee

sehe ich als eine art disneyland für wiener und deutsche, die sich dort schon vor langem häuser gekauft haben und nun in lederhosen herumgehen und sich dabei urig vorkommen. die gegend ist extrem verhüttelt, alt- und bad aussee wabern ineinander. ich war früher oft dort, aber ich halts nimmer aus.

da haben sie recht, aber objektiv gesehen ist es landschaftlich sehr schön. um das zu genießen reichen 3 tage. schöne orte gibt's viele in AT.

schöne orte gibt's viele in AT.

sie sagen es.
was ich bei meinem aussee-bashing auch noch dazusagen wollte: das wetter dort ist oft schlecht, weil der dachstein die wolken aufhält und diese sich dann in aussee abregnen. oft hab ich es erlebt, daß man ins ennstal runterfährt und dort die sonne scheint, während es in aussee regnet.

naja, nach der sauna draußen liegen im regen mit blick auf den grundlsee, das verkrafte ich gut. oder in der nacht regen, am morgen in der sonne auf der frühstücksterasse mit blick auf see, das hat schon was. wie gesagt, es reichen 2 tage.

Du siehst, die leute finden es nicht lesenswert das du dich wohl fühlst.. also bitte beschwer dich doch ein bisserl mehr sonst bist du schlecht für die quoten.

Wenn wir bei meiner Schwimu sind die am Land wohnt, bin ich immer froh, wenn ich wieder weg kann. Sie redet stundenlang über Leute die in dem Dorf wohnen, die ich gar nicht kenne und richtet sie aus. Da merk ich so richtig schön das sie nicht über den Tellerrand schauen kann, da sie sich nur für ihr Haus und nichts anderes interressiert. Einmal in der Woche gehts in die Stadt zum einkaufen. Ich find das immer traurig. Ich denke dass mancher Stadtbewohner allein schon durch kulturelle Dinge schon einen weiteren Horizont haben. Mag vielleicht jetzt a bisserl einseitig sein ab na ja.

Wenn Sie die Problematik lösen wollen, sollten Sie Ihre Schwimu bei Gelegenheit sachlich darauf ansprechen!

Am besten gleich den scheidungsanwalt mit einladen.

stell ich mir lustig vor

Es gibt übrigens auch am Land viele Leute, die progressiv und offen sind. Das weiß ich aus eigener Erfahrung. Warscheinlich wird man diese Leute aber nicht unbedingt am Stammtisch oder Hochsitz treffen. Aber wenn ich in Wien in ein Beisl gehe, sollte ich mich auch nicht wundern, wenn ich von lauter Sackbauers umgeben bin.

Die Männer sind verunsichert, wie sie etwa mit einer Uni-Professorin wie mir umgehen sollen...

Ja, ganz bestimmt. Die Lehrverstaltungen mit Frau Weber waren mitunter die Schlimmsten während meiner gesamten Studienzeit. Die Landbevölkerung - v.a. wenn männlich - war ohnehin eine Stufe tiefer gestellt. Dazu kam noch ständige Zerstreutheit und ein äußert fragwürdiger Umgangston.

stell ich mir auch witzig vor,

wenn die gute frau mit einem gestandenen bauern übers "anbauen" diskutieren will .... der sich gleich denkt, eine frau, die im sommer einen schal trägt, war noch nie bei mir am feld schwitzen.

Die andere Seite der Medaille

sieht aufgrund der Landflucht so aus, die Arbeitslosigkeit steigt, die Obdachlosigkeit steigt ebenfalls ( da mehr Nachfrage,teurere mieten bedeutet) und somit wird in der Zukunft auch bei uns wieder eine Versalmung am Stadtrand folgen.

Es müsste also in unserem eigenen Interesse stehen die Ländliche Infrastuktur aufrecht zu erhalten um Finanzschwachen ein lebenswürdiges dasein zu ermöglichen.
recht gebe ich der Autorin das nicht jedes kleine Dorf und dessen Infrastuktur erhalten werden kann.

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