Zwischen Existenzialismus und Spiel

12. August 2012, 17:11
  • Zerrt an den Geschirren des Daseins: der kanadische Tänzer und 
Choreograf Benoît Lachambre im Stück "Snakeskin" 
    foto: christine rose divito

    Zerrt an den Geschirren des Daseins: der kanadische Tänzer und Choreograf Benoît Lachambre im Stück "Snakeskin" 

Impulstanz mit Benoît Lachambre, Thomas Hauert, Angela Schubot / Jared Gradinger

Wien - Einen erbitterten Kampf gegen die Einsamkeit des Subjekts auf dieser Welt führt das Berliner Choreografen-Duo Angela Schubot und Jared Gradinger in zwei Stücken, die sie gerade bei Impulstanz im Wuk gezeigt haben.

Bei What they are instead of, das übrigens bereits bei Imagetanz zu sehen war, hat dieses Ringen um das Einswerden noch einen sexuellen Charakter. Da wird es als perfekte, hingebungsvolle Kommunikation zweier Körper vorgeführt. In dem Folgestück Is Maybe geht es komplizierter und brutaler zu. Die Gesichter werden hinter Händen verborgen. Die Figuren drängen und hängen aneinander, es kommt zu Übergriffen.

Eins will ins andere eindringen. Vergeblich, trotz allen Zupackens bis hin zum simulierten Erbrechen des einen durch den Mund des anderen. Selbst in der größtmöglichen Annäherung bleiben Schubot und Gradinger getrennt. Obwohl der Körper in den Skulpturen, die der US-Amerikaner Mark Jenkins in die Performance integriert hat, als ein enthaupteter vorgeführt und das Ich im Tanz so gut es irgend geht neutralisiert wird, scheint klar: Auch im kopflosesten Miteinander bleiben wir letztlich solo.

Wie die Figur, die der kanadische Choreograf Benoît Lachambre in Snakeskins an den Geschirren des Daseins zerren lässt. Jenkins' Skulpturen bei Schubot und Gradinger erinnern an abgelegte Hautsäcke, und Lachambre führt den Prozess der Häutung vor. Eine anstrengende, von Hahn Rowe mit packender Musik begleitete Prozedur: das einsame Schlüpfen als Seinsdrama, das am Ende in einer rituellen Wiederholungsschleife verebbt.

Was auch in anderen Arbeiten bei Impulstanz angedeutet wird, findet hier eine sehr deutliche Formulierung. Es scheint, als würde sich die Postmoderne gerade in einem neuen Existenzialismus auflösen. Ein solcher deutet sich auch bei dem Duett Like Me More Like Me von und mit dem Schweizbelgier Thomas Hauert und dem US-Amerikaner Scott Heron an.

Wie Schubot und Gradinger suchen auch sie eine möglichst perfekte Annäherung, mit vielen Tricks und allerlei Crossdressing, aber ohne diese jugendliche Verzweiflung, wie sie die Stücke des Berliner Paars dominiert. Die Figuren bei Hauert und Heron sind abgeklärter, erfahrener. Sie kommen am Ende nebeneinander zu liegen - als Kompromiss.

Ein Lichtblick neben all diesen Dramen tat sich ausgerechnet im Showing eines Workshops für Kinder auf. In Joke Laureyns' Begegnungen zeigten fünf Acht- bis Zehnjährige mit erwachsenen Tänzern, dass im gemeinsamen Spiel die größte Zuversicht liegen kann. Da wurden keine Schrittfolgen gepaukt, sondern Vertrauensverhältnisse aufgebaut, die auf der Bühne zu berührenden Momenten führten. Auch das Publikum im Dschungel-Theater konnte sich diesem Zauber nicht entziehen: begeisterter Applaus. (Helmut Ploebst, DER STANDARD, 13.8.2012)

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