Aufs Drehbuch kommt es an

10. August 2012, 19:28
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Seine Scripts haben Peter Morgan zu einer Größe der internationalen Unterhaltungsbranche gemacht. Zurzeit lebt der Brite in Wien und arbeitet an Filmen mit Österreich-Bezug

Was würde Peter Morgan angehenden Drehbuchautoren empfehlen? "Nie aufgeben. Und nicht einen Entwurf fünf Jahre lang zur Überperfektion treiben, aus einem Script gleich Krieg und Frieden machen wollen." Er würde ihnen sagen: "Schreib, schreib, schreib!"

Morgan hat viel geschrieben, für die Bühne, fürs Fernsehen, fürs Kino. Zwar nicht über Krieg und Frieden in Russland zur Zeit Napoleons, aber über Schuld und Watergate, Königin und Premierminister, Geheimdienst und Verräter: mit Vorliebe über Themen, die, Tolstois Roman ähnlich, von historischen Figuren und Begebenheiten ausgehen und sie zu einer neuen Wahrheit verdichten.

Auch seine derzeitigen Projekte hat er so angelegt, dass sie über eine Nacherzählung hinausweisen und einen Konflikt zuspitzen. "Eine Dokumentation würde sich auf Genauigkeit konzentrieren. Als Künstler versucht man, sich auf eine größere Wahrheit zu konzentrieren, die sich hinter bestimmten Ereignissen verbirgt."

Der Film über die duellierenden Rennfahrer James Hunt und Niki Lauda wird gerade geschnitten. An der Verfilmung der gerichtsanhängigen Streitereien zwischen dem Playboy-Gründer Hugh Hefner und seinen Gegnern arbeitet Morgan zurzeit. Und in zwei Wochen läuft 360 - Regie: Fernando Meirelles - in Österreich an.

Für diesen Film hat Morgan sich von Schnitzlers Reigen inspirieren lassen, und dazu kam es, wie wir noch genauer sehen werden, weil er mit seiner Familie vor drei Jahren aus dem heimatlichen London nach Wien gezogen ist. Allerdings ist er oft unterwegs, fliegt zu Recherchen in die USA, zu Filmfestivals, zu Verhandlungen und Besprechungen, vor allem immer wieder in die britische Hauptstadt.

Da wird die Zeit knapp. Auch für unser Gespräch ließ sich lang kein Termin finden, weil ihm immer welche dazwischenkamen. Das Leben eines Drehbuchautors ist nicht so einsam und zurückgezogen, wie man vielleicht glauben könnte, sagt er. Es sei eine Mischung, und die genieße er. Vielleicht habe er deswegen nie einen Roman geschrieben. "Da ist man wirklich sehr lange mit sich allein - und dann muss man irre viel Publicity mitmachen, was ich auch nicht will." Das Gute am Drehbuchschreiben sei, dass man nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit steht. "Wenn man als Screenwriter am Schnitt beteiligt sein kann, bei Produktionsdetails, bei den Proben, wenn man also mit der Arbeit und den Leuten zu tun hat und dabei nicht im Vordergrund stehen muss, dann ist das etwas Befriedigendes. Ich zumindest genieße es."

Politisches Schachspiel

Im Scheinwerferlicht steht Morgan trotzdem seit Jahren. Für seine Arbeit wurde er unter anderem mit einem Golden Globe ausgezeichnet, mit Preisen der britischen Film- und Fernsehakademie und des San Francisco International Film Festival. Zweimal wurden Scripts von ihm für Oscars nominiert. Er selbst sieht das offenbar recht pragmatisch. Es hilft für den nächsten Job, und der ist und bleibt es, eine Geschichte so gut wie möglich zu erzählen. Für ideologische Überhöhungen oder den Glauben an ein System bleibt da wenig Platz.

Das mag mit seinen Wurzeln zu tun haben. Peter Morgan wurde 1963 in London geboren. Sein Vater, ein deutscher Jude, der vor den Nazis geflohen war, starb, als Peter neun war. Seine Mutter, eine polnische Katholikin, war vor den Sowjets geflüchtet. Seine Karriere begann im Theater, nachdem er an der Universität Leeds einen Abschluss in Kunst gemacht hatte. Für das Stück Pax Britannica (1986) war er Ko-Autor.

Bald arbeitete er auch an Scripts für Film und Fernsehen, romantische Komödien vor allem. Der Durchbruch gelang ihm mit dem Fernsehfilm The Deal (2003). Er schilderte, wie ein Abkommen zwischen den englischen Politikern Gordon Brown und Tony Blair zustande kam, das die Machtübernahme des Letzteren garantierte. Nicht große Geschichte wollte Morgan hier nachzeichnen, sondern die Verästelungen eines politischen Schachspiels - in einem Londoner Restaurant, wo der Deal schließlich vereinbart wurde.

Morgan, der Regisseur Stephen Frears, der Blair-Darsteller Michael Sheen und die Produzentin Christine Langan fanden sich drei Jahre danach wieder zusammen und drehten The Queen (2006) fürs Kino. Blair und die Königin wurden in den fünf Tagen nach dem Tod von Lady Di gezeigt. "Sie war in einem schottischen Schloss weggepackt und vom Rest der Welt abgeschnitten - ich meine, sie ist ja immer irgendwie abgeschnitten -, während die Bevölkerung auf den Straßen war. Ich dachte mir, das ist ein wunderbares Zusammenprallen der alten mit der neuen Welt. Da kommt Tony Blair, der eine Sprache spricht, die sie kaum versteht - ,emotionale Intelligenz' und lauter solches Zeug. Ich wollte also kein Drehbuch über die Königin schreiben, sondern über Großbritannien und den Zusammenstoß zwischen zwei Formen von Macht."

Der Zusammenstoß war ein künstlerischer und kommerzieller Erfolg, ebenso wie der dritte Teil von Morgans "Blair-Trilogie", The Special Relationship, über das Verhältnis des Premierministers zu Bill Clinton, und vor allem Frost/Nixon, auf der Bühne (2006) und auf der Leinwand (2008), über das Interview, das der US-Präsident drei Jahre nach seinem Rücktritt dem britischen Fernsehmoderator gab. "Sie wiesen eine verblüffende Ähnlichkeit auf. Sie waren beide sehr ehrgeizig, und das machte ihre Begegnung spannend."

Es folgte das ziemlich esoterische Hereafter (2010), dessen Erfolg (135 Millionen Dollar Einspielergebnis) Morgan wunderte. "Der Film hätte besser sein können, aber Clint Eastwood, der Regisseur, war offenbar zufrieden." Arbeiten mit Eastwood fand er überhaupt seltsam: "Eine Szene einmal drehen, weiter zur nächsten, und um zwei am Nachmittag gehen alle nach Hause." Eastwood würde auch nicht einmal "Azione!" rufen, wie ihm das seit den Sergio-Leone-Tagen nachgesagt wird. "Er sagt eigentlich gar nichts, er dreht nur einen Finger. Sehr minimalistisch. Meistens merkt man nicht einmal das. Ich habe nur kapiert, dass sie überhaupt drehen, als ich einmal den Monitor getragen und plötzlich gesehen habe, dass die Kamera läuft."

Morgan ist mit der Österreicherin Lila Schwarzenberg verheiratet, sie haben vier Kinder. Um 2007 wohnte die Familie schon einmal kurz in Wien, vor drei Jahren sind sie wieder hergezogen. "Nach dem Tod meiner Mutter wollten wir, dass die Kinder den Bezug zur deutschen Sprache und Kultur nicht verlieren."

Morgan möchte nicht in einem "doppelten Exil" leben, das heißt von der Gesellschaft zurückgezogen, über die man schreibt, und von der Gesellschaft, in der man lebt. Also war ihm das Angebot des ORF willkommen, an einer Schnitzler-Adaption zu arbeiten.

Dessen Reigen zu wiederholen oder zu modernisieren hatte er allerdings keine Lust. Vielmehr lagen ihm Dinge am Herzen, die zeigten, wie vernetzt und abhängig wir geworden sind: Epidemien, die sich schlagartig ausbreiten können, oder der Bankenkrach 2008 mit seinen globalen Folgen. " Dass alles zusammenhängt, dass der Stab von einem zum nächsten weitergereicht wird wie im Reigen, das hat bei mir Saiten angeschlagen."

Verrücktheiten, religiöse Vorstellungen, Impulse, die uns erniedrigen: In das Script für 360 habe er alle diese Ingredienzien hineingeschnipselt. "Der Topf ist zum Teil Wien, zum Teil ein Gefühl der Moderne."

Eine Fahrt um den Ring

Der Film beginnt in einem Wiener Hotel mit der missglückten Verkuppelung einer slowakischen Prostituierten mit einem englischen Geschäftsmann, dessen Frau sich in London mit einem brasilianischen Fotografen vergnügt, dessen Freundin die Schnauze voll hat und, unterwegs im Flugzeug, einen Vater auf der Suche nach seiner vermissten Tochter kennenlernt und im Transit einen Sexualstraftäter auf Bewährung ... und so weiter, bis die Handlung via Paris wieder nach Wien und zu einem brutalen Höhepunkt mit einem russischen Oligarchen führt, an dessen Ende die Slowakin und ihre Schwester gerade noch heil davonkommen.

Eine Fahrt um den Ring. Der Reigen ist geschlossen, der Kommentar kommt aus dem Off: "Ein weiser Mann hat einmal gesagt: Wenn du an eine Weggabelung kommst, geh einfach drauflos. Leider hat er nicht gesagt in welche Richtung."

360 wurde im vergangenen Jahr auf den Festivals von Toronto und London - hier sogar als Eröffnungsfilm - gezeigt, und das war laut Peter Morgan ein Fehler: Erstens sei das kein Film für diese Art von Veranstaltung, " er ist eher wie etwas Fragiles, wie ein Gasthaus, in das man in einer Nebengasse zufällig hineinstolpert". Und dazu sei zweitens vor allem das angelsächsische Publikum nicht bereit, das sich eine Story mit Hauptdarstellern erwarte, die homerische Herausforderungen erfolgreich meistern.

Nun spielen zwar Anthony Hopkins, Rachel Weisz, Jude Law, Ben Foster und Moritz Bleibtreu mit, doch keiner dominiert die Handlung, alle sind nur Dominosteine des Anstoßes zur nächsten Episode. Und auch Regisseur Meirelles ist durchaus kein Unbekannter (City of God!), doch hat sich die Intention des Teams und seiner internationalen Ko-Produzenten zumindest im englischsprachigen Raum nicht so vermittelt, wie sich Morgan das gewünscht hat: Die Kritik war bisher sehr gemischt, sie reicht von Anerkennung bis zum Verriss.

Würde er 360 nun anders schreiben? "Nein. Ich denke, er ist im Grunde ein österreichischer Film. Seine Heimat, seine Inspiration, seine Raison d'Être sind hier. Warten wir, wie er hier aufgenommen wird."

Schon die Reaktionen in Brasilien, der Heimat von Meirelles, und auf dem Münchner Filmfestival in diesem Sommer haben ihn optimistischer gestimmt, ebenso der Unterschied zwischen den Trailers hüben und drüben: " Bei dem österreichischen hat man das Gefühl, der Film ist verstanden worden. Der amerikanische ist eine Katastrophe." (Beide Versionen sind auf Youtube zu sehen.) 360 wird am 24. August in Österreich anlaufen.

Das Leben geht weiter. Peter Morgan suchte nach einem neuen Thema in Wien und fand es wieder im wirklichen Leben. "Ich hatte Niki Lauda ein paar Mal getroffen. Und James Hunt (sein großer Konkurrent in den Siebzigern) war mein Idol, als ich in England aufwuchs. Er starb mit 45 an einem Herzinfarkt. Hier waren also diese beiden sehr verschiedenen Männer: der eine, der für den Augenblick lebte - James setzte sich einfach ins Auto und spielte mit allen anderen ,Feigling!' -, und der andere, der die Risiken minimieren will. Die beiden waren zugleich Freunde und Rivalen, eine spannende Mischung an Persönlichkeiten."

Das filmische Ergebnis der Rivalität, Rush (Regie Ron Howard, der unter anderem auch Frost/Nixon drehte), soll noch in diesem Herbst in die Kinos kommen.

Erfreulich fand Morgan die Zusammenarbeit mit Lauda. "Er war unglaublich uneitel. Dabei hab ich ihm gleich zu Beginn gesagt, dass es Szenen in dem Film geben wird, die ihm nicht gefallen werden. Die meisten Leute wollen nicht haben, dass sie von jemandem anderen porträtiert werden, sie wollen ihr Bild selber malen."

Das erlebt Morgan gerade mit Hugh Hefner. Das Drehbuch über dessen frühe Karriere war ein Angebot von Warner Brothers, die Morgan mit viel Geld lockten. "Eigentlich zog mich das Thema nicht genügend an. Als ich über Hefner recherchierte, aß ich einmal mit Larry Flynt (dem Verleger von Hustler Magazine) - über den hätte ich gerne ein Script geschrieben! Der war allen ein Ärgernis, pure trouble; and great company."

Nur gibt es diesen Film schon: The People vs. Larry Flynt (Larry Flynt - die nackte Wahrheit). Mittlerweile hat Morgan aber auch die Meriten des von seinem Ruf und seinem Vermächtnis besessenen 86-jährigen Playboy-Tycoons schätzen gelernt. Das Drehbuch behandelt dessen "frühe" Phase in Chicago, die Gründung der Männerzeitschrift 1953 und die jahrzehntelangen Auseinandersetzungen mit dem katholischen Establishment der Stadt. Es geht um Sex und Drogen, Gier und Geld, aber auch um den Free-Speech-Verfassungszusatz und um die wenig bekannte Philanthropie des Verlegers.

Hefner kommt selber, nicht untypisch, aus einer christlich-konservativen Familie. Und Charles Keating, der Oberkreuzzügler gegen Playboy, war dann, auch nicht untypisch, tief in den Savings-and-Loan-Skandal der Achtzigerjahre verwickelt. Es war ein Konflikt, wie Morgan ihn mag: Zensur vs. Recht auf freie Rede, Heuchelei vs. Libertinage, zugespitzt in der Konfrontation zwischen den Hauptfiguren.

Er arbeitet bereits an dem Script, in Österreich, und das sehr gerne. Hier, vor allem im Haus auf dem Land, sei er am produktivsten. In Städten wie London oder New York brauche man ein Drittel der Zeit alleine um durchzukommen ("to negotiate the city"). Er wird Wien vermissen, hier sei so vieles so viel einfacher.

Trotzdem werden die Morgans im nächsten Jahr wieder nach London ziehen, teils wegen der Kinder, teils aus beruflichen Gründen.

Und eines bedauert er an Wien: Es fehle diese Furchtlosigkeit, gerade in kreativen Berufen, dass man alles anpacken kann.

In der Filmbranche, sagt er, gibt es die Subventionen, "und die halte ich für das Beste und Schlechteste zugleich. Sie zu streichen wäre barbarisch; ich finde es ja gut, wie dadurch ausgedrückt wird, dass Kunst geschätzt und unterstützt wird. Doch wenn man einmal Subventionen bekommen hat, dann sollten sie nicht wieder fließen. Du hast eine Chance bekommen - jetzt geh von alleine weiter."   (Michael Freund, Album, DER STANDARD, 11./12.8.2012)

Michael Freund ist Professor für Medienkommunikation an der Webster University Wien und Autor und Redakteur des Standard.

  • Chris Hemsworth als Hunt und Daniel Brühl als Lauda in Rush.
    foto: universal / buitendijk

    Chris Hemsworth als Hunt und Daniel Brühl als Lauda in Rush.

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    Hugh Hefner (mit der ersten Nummer des Playboy) ist das Sujet von Morgans neuestem Script.

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    Peter Morgan bleibt gerne im Hintergrund und steht trotzdem auf vielen Bühnen, im Theater, Film und Fernsehen.

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