"Sie feiern den Sieg, aber nicht den Frieden"

11. August 2012, 12:00
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Gedenken an die Opfer der Operation "Sturm" im Jahr 1995 - Viele vertriebene Serben kehrten nie zurück

Ein Jahr vor dem EU-Beitritt Kroatiens wird auch der serbischen Opfer während der Operation "Sturm" gedacht, bei der im August 1995 ein Drittel des kroatischen Territoriums zurückerobert wurde. Doch viele Serben sind nie mehr zurückgekehrt.

 

Aus den Dachziegeln wachsen Büsche. Die Häuser scheinen nicht mehr auf ihre Besitzer zu warten. Aus den Fenstern des Gymnasiums, in das schon lange keine Kinder mehr gehen, ragen zerborstene Scheiben. Dvor ist fast eine Geisterstadt. An den Krieg muss hier nicht erinnert werden. In Dvor ist er noch immer präsent.

17 Jahre nach der Operation "Sturm", als ein Drittel des kroatischen Territoriums zurückerobert wurde, sind in den ersten Augusttagen noch immer viele Häuser in Kroatien beflaggt. Für viele kroatische Serben ist die Operation allerdings mit Vertreibung und Zerstörung verbunden. Etwa 200.000 flohen vor der anrückenden kroatischen Armee. Hunderte serbische Zivilisten wurden getötet. Ihre Häuser und Dörfer geplündert und teils angezündet. Viele kehrten nie mehr zurück. Ein Jahr vor dem Beitritt zur EU wird Kroatien auch daran gemessen, wie differenziert es mit seiner Vergangenheit umgeht. In dem letzten EU-Bericht forderte die Kommission eine höhere Toleranz gegenüber den kroatischen Serben ein und mehr Arbeitsmöglichkeiten für die Minderheit.

Vor Opfern verbeugen

Kroatische Politiker üben in diesen Tagen den Spagat. Premier Zoran Milanovic unterstrich heuer bei den Oluja-Feiern zwar, dass es sich um einen gerechten, humanen Verteidigungskrieg gehandelt habe. "Und mit diesen Werten treten wir der Europäischen Union bei." Gleichzeitig betonte er aber, dass "wir nicht feiern, um das Leiden anderer zu bejubeln". Und Präsident Ivo Josipovic meinte: "Den Frieden zu gewinnen bedeutet, unseren serbischen Bürgern die Hand zu geben, ihre Opfer anzuerkennen und sich vor diesen zu verbeugen."

In Dvor am Fluss Una wurde am 8. August 1995 eine serbische Flüchtlingskolonne von der kroatischen Armee angegriffen. Die Flüchtlinge wollten zu der Brücke, die auf die andere Seite der Una, in die serbisch kontrollierten Gebiete führte. Dutzende Menschen starben. Dänische UN -Soldaten berichteten später, dass Soldaten neun geistig behinderte Menschen, die in einer Schule untergebracht waren, einfach erschossen. Oberhalb der Stadt befindet sich ein Friedhof mit dutzenden Holzkreuzen, die keinen Namen tragen. Bürgermeister Nikola Arbutina trägt einen Anzug, als er den Kranz niederlegt, obwohl es sehr heiß ist.

Viele Tote seien identifiziert, sagt Arbutina, aber Kriegsverbrecherprozesse zu dem Angriff in Dvor habe es keine gegeben. "Kein Serbe kann Oluja feiern, das war eine Tragödie", meint er. Vor dem Krieg 1991 lebten in Dvor 15.000 Menschen, 85 Prozent Serben, nun leben hier 5800 Menschen. Nur 350 haben einen Job. Die gesamte Holz- und Keramikindus trie wurde im Krieg zerstört. "Die haben nicht an nachher gedacht", sagt der agile Bürgermeister mit den schnellen Augen, der nicht weiß, wie er heute EU-Fonds an Land ziehen soll, wenn keiner in seiner Stadt wohnen mag. "Wie soll ich es schaffen, dass Leute hierherziehen?", fragt er.

Tatsächlich ist Dvor an der Una ein trauriger Ort, obwohl die Hügel und der Fluss an der ehemaligen österreichischen Militärgrenze in einem tiefem Augustgrün schön erscheinen. Arbutina versucht seit drei Jahren vergeblich, die Ruinen aus seiner Stadt wegzubekommen. "Manche Häuser gehören Privatleuten, da kann ich nichts machen. Und manche gehören dem Staat, und da ist eine Agentur zuständig, und die funktioniert nicht", sagt er.

In einem Café sitzen ein paar ältere Männer. Manche hätten Angst vor den Wölfen, die in die Nähe der verlassenen Häuser kommen würden, erzählt einer. Es sei einiges für den Wiederaufbau der Häuser von Serben getan worden, sagt Milorad Pupovac, der im kroatischen Parlament die Anliegen von Serben vertritt. Doch dies sei nicht ausreichend. In manchen Fällen würden Serben jahrelang auf einen Stromanschluss warten, "den man sonst innerhalb von 30 Tagen bekommt", erzählt Pupovac von alltäglicher Diskriminierung. Eines der größten Probleme sei die Arbeitslosigkeit. "Von 600 Personen, die im letzten Jahr im öffentlichen Bereich ihren Job verloren haben, waren die Hälfte Angehörige von Minder heiten. Und die meisten davon Serben."

Pupovac kritisiert, dass in Kroatien zwar die Operation "Sturm", aber nicht das Abkommen von Erdut, durch das die ehemals serbisch kontrollierten Gebiete in den Staat integriert wurden, gefeiert wird. "Sie feiern den Sieg, aber nicht den Frieden", sagt er. Bürgermeister Arbutina glaubt immerhin, dass sich die Vorstellungen von Gerechtigkeit verändert haben. "Früher hatten immer die Sieger recht, jetzt werden die Regeln demokratischer." (Adelheid Wölfl aus Dvor /DER STANDARD, 11.8.2012)

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    Kroatische Soldaten im August 1995 während der Operation "Oluja" ("Sturm").

  • 17 Jahre danach gedenkt man in Dvor der ermordeten serbischen
 Flüchtlinge.
    foto: standard/wölfl

    17 Jahre danach gedenkt man in Dvor der ermordeten serbischen Flüchtlinge.

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