Strenge Regeln im Integrationsmusterland

10. August 2012, 18:12
30 Postings

Kanadier werden darf, wer genug Punkte sammelt - eine Jobgarantie ist das freilich noch lange nicht. Nun werden die Sprachhürden erhöht, ein Konzept, das Staatssekretär Sebastian Kurz gut gefällt. Andrea Heigl aus Toronto

Irgendwo über dem Atlantik wird die Sitznachbarin im Flugzeug gesprächig. "Meine Tochter sagt, wenn sie einmal viel Geld verdient, muss ich nie mehr Economy fliegen", sagt sie lächelnd und streckt sich. Ana spricht Englisch mit hörbarem Akzent, aber geschliffener Grammatik. Seit zwölf Jahren ist Windsor in der kanadischen Provinz Ontario die Heimat der gebürtigen Rumänin. Sie und ihr Mann, beide Maschinentechniker, wanderten 2000 aus.

250.000 Menschen aus aller Welt zieht Kanada jährlich an. Es gilt als Musterland für Integration, unter anderem weil dort der Grundkonsens herrscht, dass Integration etwas Staatstragendes, etwas Produktives ist, ein Konsens, den sich Integrationsstaatssekretär Sebastian Kurz (ÖVP), der diese Woche einige Tage in Kanada war, auch für Österreich wünscht (siehe Interview).

Punkte erreicht

Ana und ihr Mann kennen viele Auswanderer, bevor sie Rumänien verließen, schauten sie sich auch in Deutschland und Österreich um. "Aber uns war klar, dass wir da nie in unseren erlernten Berufen arbeiten können. Die meisten unserer Freunde mussten putzen oder Taxi fahren." Sie erreichten die nötigen Punkte, die das kanadische Einwanderungssystem verlangt, Ana wurde nur drei Jahre nach ihrer Auswanderung Staatsbürgerin. Der Anfang sei schon hart gewesen, erzählt sie, der gute Job kam zum Glück rasch.

Das Punktesystem ist das Herzstück der kanadischen Einwanderungspolitik. Ein Studienabschluss, Berufserfahrung, gute Gesundheit, Sprachkenntnisse - all das bringt Punkte. Ist man erst einmal im Land, dann beginnen mitunter die Schwierigkeiten: Wie auch in Österreich arbeiteten viele Migranten in Kanada nicht in ihren erlernten Berufen. "Das Taxi ist ein guter Ort für einen Herzinfarkt - der Taxifahrer ist mit hoher Wahrscheinlichkeit Arzt", lautet ein kanadisches Bonmot. Die konservative Regierung will das Punktesystem nun verändern.

Faktor Sprache

Sprachkenntnisse sollen künftig stärker zu Buche schlagen, schließlich sind diese für Integrationsminister Jason Kenney der "number one factor" für Integration. Kurz traf ihn sowie Außenminister John Baird bei seiner Stippvisite in Ottawa und Toronto. Kanadische Integrationsexperten gehen davon aus, dass das die Durchmischung der Zuwanderer stark verändern wird. Derzeit sind Philippinos, Inder und Chinesen die größten Gruppen, das könnte sich nun zugunsten Anglo- und Frankofoner verschieben.

Ana hat Gratisenglischkurse in Kanada besucht, und ihre Kinder, die kein Wort der fremden Sprache beherrscht hatten, lernten sie in wenigen Monaten. "Meine Tochter schickte mir kürzlich eine Mail auf Rumänisch - voller Fehler. Da musste ich schon sehr lachen."

Enormer Aufwand für Spracherwerb

Tatsächlich betreibt der Staat einen enormen Aufwand für den Spracherwerb. Kinder erhalten, wenn notwendig, täglich Einzelstunden, Lehrer sind auf den Umgang mit fremdsprachigen Schülern trainiert. Vom Standard auf die österreichischen Probleme mit der Sprachvermittlung angesprochen, schüttelt eine kanadische Pädagogin nur den Kopf: "Bei uns dauert es höchstens ein Jahr, bis die Kinder dem normalen Unterricht folgen können."

Die Beerdigung ihres Vaters hat Ana nach Rumänien geführt. Mit ihm, sagt sie, seien ihre europäischen Wurzeln dahin. "Ich bin Kanadierin, wir haben ein schönes Leben." Ganz im Sinne des kanadischen Wertesystems ist sie für strenge Regeln: "Wie sieht das denn für uns Zuwanderer aus, wenn jeder herkommen könnte." (Andrea Heigl aus Toronto, DER STANDARD, 11./12.8.2012)

  • Ein Staatssekretär in der Sommerschule in Toronto: In nur wenigen Monaten werden die Kinder hier sprachlich für das kanadische Schulsystem fit gemacht.
    foto: bmi

    Ein Staatssekretär in der Sommerschule in Toronto: In nur wenigen Monaten werden die Kinder hier sprachlich für das kanadische Schulsystem fit gemacht.

Share if you care.