"Wenn nicht jetzt, wann dann?"

Interview
  • "Fünf, sechs Medaillen sollten immer möglich sein im Sommer", sagt Norbert Darabos.
    foto: apa/jäger

    "Fünf, sechs Medaillen sollten immer möglich sein im Sommer", sagt Norbert Darabos.

2016, sagt Sportminister Darabos, darf sich 2012 nicht wiederholen - Er hofft auf ÖOC-Präsident Stoss als Mitstreiter und ÖSV-Chef Schröcksnadel, der Talente für den Sommersport sichten soll

Standard: Luxemburg, Malta und?

Darabos: Und Österreich, ich weiß. Das sind die drei EU-Länder ohne Olympia-Medaille. Ich hoffe natürlich bis zum Schluss, aber unsere Chancen sind klein.

Standard: Aber könnte und würde die eine Medaille etwas ändern am Sportzustand des Landes?

Darabos: Eben nicht. Deswegen wundert mich, dass sich ÖOC- Präsident Stoss von mir auf den Schlips getreten fühlt, wenn ich diesen Zustand kritisiere. Ich kritisiere ja nicht das ÖOC, das eine Beschickungsagentur ist und nicht verantwortlich für Vorbereitung und Leistung der Sportler. Ich würde Stoss gerne als Mitstreiter sehen.

Standard: Sie propagieren ein neues Sportförderungsgesetz, das Sie heuer durchbringen wollen. Ist das allein der Stein der Weisen?

Darabos: Für London hätte das Gesetz noch nichts verändert. Aber für Rio 2016 kann es viel bewirken. Ich will mich an den Australiern orientieren. Die haben vor ihren Heimspielen 2000 analysiert, wo sie Chancen haben könnten, und gezielt gefördert.

Standard: Australien ist weit weg und groß. Aber auch vergleichbare Nachbarländer reüssieren. Glauben Sie, dass Ungarn so viel mehr in den Sport investiert?

Darabos: Ungarn würde ich mir gerne näher ansehen, auch Kroatien und sogar Slowenien sind viel erfolgreicher. Das tut mir weh.

Standard: Sie sind seit drei Jahren Sportminister, müssen Sie sich den Vorwurf gefallen lassen, dass in der Zeit wenig weitergegangen ist?

Darabos: Aber ich kämpfe auch seit drei Jahren darum, die Sportförderung zu verändern. Da fühle ich mich relativ allein. In der Dopingbekämpfung haben wir etwas verändert, den Fall Bernhard Kohl als Momentum genützt. Im ÖOC haben wir etwas verändert, das Momentum war der Fall Jungwirth. Die traurige London-Bilanz sollten wir auch als Momentum nützen und etwas verändern. Jetzt läuten die Alarmglocken. Wenn nicht jetzt, wann dann?

Standard: Sie haben zur Mitte der Spiele die Einstellung mancher Sportler kritisiert, die damit zufrieden seien, dabei zu sein. Fühlen Sie sich bestätigt?

Darabos: Es geht nicht um die, die Vierte oder Fünfte werden. Aber nach einem 27. Platz zu sagen, es war eine tolle Erfahrung, ist ein bisserl wenig, wenn jemand nicht einmal seine Bestmarke erreicht hat. Der Vergleich hinkt, aber den Hermann Maier ha-ben zweite Plätze gewurmt. Im Sommersport dürfte da schon auch ein Mentalitätsproblem mitspielen.

Standard: Für viele Experten waren null Medaillen von vornherein wahrscheinlich. Wo lag der Unterschied zu 2004 oder 2008?

Darabos: Auch ich hatte die Befürchtung, dass wir ohne Medaille bleiben, hab aber wider besseres Wissen auf drei bis fünf Medaillen gehofft. Früher hat sich oft etwas durch Zufälle ergeben. Markus Rogan war so ein Zufall, Mirna Jukic ein anderer. Diesmal war zufällig kein Zufall dabei. Wir brauchen eine völlig neue Basis für 2016. Aber ich befürchte, dass wieder nichts passiert.

Standard: Täuscht der Eindruck, oder wird Österreichs Sportpolitik derzeit bis zum Gehtnichtmehr verpolitisiert? Und die zwei Reichshälften kommen nicht zusammen und wickeln auch intern?

Darabos: Egal in welches Gremium man geht, man trifft immer dieselben zehn Personen. Das kann ja nicht sein, dass der österreichische Sport nur aus zehn Personen besteht. Ich weiß, ich hab mich auch mit Parteifreunden angelegt, mit Peter Wittmann, dem Präsidenten der Bundes-Sportorganisation. Aber die BSO hat 17 Abänderungsverträge zu meinem Sportförderungsgesetz eingebracht, sie zielen darauf ab, dass sich erst recht nichts ändert.

Standard: Und wie kann sich dennoch etwas ändern?

Darabos: Ich will, dass sich jetzt rasch alle an einen Tisch setzen. Es kann nicht sein, dass man nur bei zwei von gut fünfzig Verbänden wirklich mit olympischen Medaillen rechnen kann, beim Skiverband und beim Rodelverband. Fünf, sechs Medaillen sollten immer möglich sein im Sommer, finde ich.

Standard: Im Skiverband hat nur einer das Sagen. Könnten zehn Personen, die im Sommersport mitreden, nicht schon zu viele sein?

Darabos: Peter Schröcksnadel ist eine Ausnahme-Erscheinung. Der hat eine Struktur aufgebaut, wird aber nicht betriebsblind und ändert, was er ändern muss. Natürlich hat er den Vorteil, dass Österreich eine Wintersportnation ist.

Standard: Man hört von einer "Geheimakte Rio". Stimmt es, dass Sie Schröcksnadel auch beim Sommersport miteinbeziehen wollen?

Darabos: Das ist keine Geheimakte, sondern hoffentlich bald ein Konzept. Wir wollen in verschiedenen Sportarten definieren, wo es Talente gibt, 14- und 15-Jährige, und sie auf Teufel komm raus fördern. Schröcksnadel soll helfen, den Talentepool zu definieren. Er wäre dazu bereit, ohne sich als Besserwisser zu sehen.

Standard: Wenn wir schon bei Jugendlichen sind - wie steht es um den Schulsport? Sie haben vor Jahren gemeinsam mit der Unterrichtsministerin große Pläne vorgestellt, was wurde daraus?

Darabos: Einiges ist in Bewegung gekommen, es gibt diverse Aktionen. Was wirklich fehlt, ist die tägliche Turnstunde, sie bleibt das große Ziel. Ich allein kann sie leider nicht durchsetzen, da braucht es vor allem die Unterrichtsministerin und den Gesundheitsminister. Ich bin nur der Sportminister, bin nur der Überbringer der schlechten Botschaft.

Standard: Die da wäre?

Darabos: Die Botschaft lautet, dass nur jeder fünfte Österreicher regelmäßig Sport betreibt. Ich weiß es von den Grundwehrdienern, die Zahl junger Männer über hundert Kilogramm hat sich in kurzer Zeit verdoppelt. Die Leute werden immer dicker und schwerer. Das ist nur über die Schulen zu durchbrechen, indem man die Menschen früh zum Sport bringt. Und das würde uns im Gesundheitswesen sehr viel Geld ersparen.

Standard: Was speziell London und das große Jammern betrifft - kann man nicht auch sagen, es soll dem Land nichts Schlimmeres passieren als medaillenlose Spiele?

Darabos: Da bin ich nicht der richtige Ansprechpartner. Ich bin mit Emotionen dabei, zittere mit allen österreichischen Sportlern mit. Ich würde das schon sehr okay finden, wenn wir bei Olympischen Spielen einige Medaillen holen. (Fritz Neumann, DER STANDARD, 11./12.8.2012)

NORBERT DARABOS (48), SPÖ-Nationalratsabgeordneter, ist seit Jänner 2007 Verteidigungsminister, seit Februar 2009 Sportminister.

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