Sind Bläser schlechter als Streicher?

  • Mag dieser Herr auch noch so exzellent musizieren - die Kulturseiten der 
Printmedien und die  Hochkultursendungen in Radio und Fernsehen werden 
ihm dennoch verschlossen bleiben.
    foto: ap/schrader

    Mag dieser Herr auch noch so exzellent musizieren - die Kulturseiten der Printmedien und die Hochkultursendungen in Radio und Fernsehen werden ihm dennoch verschlossen bleiben.

Wo Streichorchester spielen, da ist die Kulturberichterstattung nicht fern. Blasmusik hingegen wird, auch auf höchstem Niveau, kaum wahrgenommen. Warum diese Ignoranz?

Die Innsbrucker Promenadenkonzerte werden alljährlich von bis zu 50.000 Personen besucht. Das erfolgreiche Bemühen der Veranstalter, in der Tradition altösterreichischer Freiluftkonzerte das Publikum durch die besten Blasorchester und Bläserformationen Österreichs und seiner Nachbarländer an die Werke der Kunstmusik heranzuführen, wird also vom Publikum geschätzt. Die Kulturberichterstattung lässt sich von solchem Zustrom allerdings mitnichten beeindrucken.

So wird, wenn etwa im Theater auf der anderen Seite der Straße ein durch lähmendes Mittelmaß gekennzeichneter Idomeneo gegeben wird, darüber adorativ berichtet. Wenn hingegen im Innenhof der Kaiserlichen Hofburg eines der besten Blasorchester der Welt, die Sächsische Bläserphilharmonie unter der Leitung ihres Chefdirigenten Thomas Clamor, mit hinreißendem Schwung Werke von Gershwin und Bernstein präsentiert, schweigen Feuilleton und Kulturberichterstattung sich vornehm aus.

Bläserensembles und Blasorchester können noch so exzellent musizieren - das ändert nichts daran, dass ihnen die Kulturseiten der Printmedien, aber auch die Hochkultursendungen im Radio und Fernsehen verschlossen bleiben. Diese undurchdringliche Mauer der Ignoranz hat natürlich historische Gründe. Der Journalismus verdankt, so wie das Schulwesen, seine Entstehung der Aufklärung, deren Ziel es bekanntlich ist, die Menschenmassen aus der Düsternis der selbstverschuldeten Unvernunft ins Licht der je eigenen Fähigkeit zu führen, seinen Verstand ohne die Anleitung eines anderen zu gebrauchen. Möglichkeiten zu solcher Erleuchtung mussten tyrannischen Regimes, totalitären Ideologien und ihren militärischen und polizeilichen Helfern abgerungen werden. Diese wiederum veranstalteten, um bei ihren Völkern gegen die Errungenschaften der Aufklärung zu punkten, Paraden, Prozessionen, patriotische Feste und Aufmärsche und instrumentalisierten die Blasmusik bis in die kleinsten Dörfer als Herrschaftsmusik, deren Lebensfreude über den darunter schlummernden reaktionären Terror hinwegzutäuschen hatte. Wen wundert es, dass die Musikgattung bis heute, angereichert durch die musikalischen Metastasen der volkstümlichen Musik, in den Redaktionen als korrumpiert, anrüchig, missbraucht und ganz bestimmt nie als künstlerisch wertvoll angesehen wird.

Eine solche Sicht der Dinge ist allerdings nur so lange redlich, als außer Betracht bleibt, dass auch alle anderen Musikgattungen den Regimes ihrer jeweiligen Epoche zur Selbsterhöhung dienten und selbst größte Komponisten servil ihre Schleimspur zogen, wenn es galt, als Künstler zu überleben. Geradezu ungewollt reaktionär wird eine historisch blinde Verurteilung der Blas- und Bläsermusik dann, wenn nicht eingeräumt wird, dass zwischen der musikalischen Selbstdarstellung einer Diktatur und einer gewählten demokratischen Regierung samt ihren militärischen Einrichtungen ein entscheidender Unterschied besteht.

Dass die Kulturseiten der Zeitungen und die Kultursendungen von Radio und Fernsehen nur eine Minderheit interessieren, ist bekannt. Dass dieser Minderheit zugleich unendlich viele Damen und Herren gegenüberstehen, die sich schreibend und im Glanz gutbürgerlichen Ansehens mit den Hervorbringungen der Kultur auseinandersetzen möchten, führt zu Arbeitsbedingungen und Honoraren, die, wenn sie nicht aus Gründen der Eitelkeit verschwiegen werden müssten, jeden einfachen Handwerker zu homerischem Gelächter veranlassen würden. Entsprechend panisch fallen die täglichen Versuche aus, den Wert der eigenen Arbeit als unverzichtbar darzustellen. Dies geschieht durch Distinktionsgewinne, die den Redakteuren, aber auch den Managern und Besitzern des jeweiligen Mediums, paraversailles'schen Glanz zu verleihen haben. Und es geschieht vor dem Hintergrund einer ins Religiöse verdrehten Aufklärung durch den gleichsam priesterlichen Auftrag, mit Kultur und Kulturberichterstattung den Rückfall der Gesellschaft aus stets bedrohten friedlichen und demokratischen Verhältnissen in die Barbarbei früherer Regime hintanzuhalten.

Duden definiert "Distinktion" als "besondere Vornehmheit, durch die sich jemand oder etwas auszeichnet". Das Bürgertum, das den Adel erfolgreich verdrängte und seither selbst nach Nobilitierung lechzt, benützt die Hochkultur, um sich über den Pöbel zu erheben und der Konkurrenz, wenn schon nicht das Geld, so doch die erlesene Bildung unter die Nase zu reiben. Jede Journalistin, der es gelingt, diesem Bedürfnis nach Rangunterschieden zu dienen, kann sich ihrer Position sicher sein und den Schmerz, als freie Mitarbeiterin zum Beispiel für die Besprechung einer Oper nicht mehr als 50 Euro zu verdienen, dadurch lindern, dass sie im Gespräch mit dem Dirigenten X und im Interview mit dem Sänger Y kurzzeitig eine Erhebung zu höchsten gesellschaftlichen Ehren erfährt. Es versteht sich, dass Blasmusik, die selbst bei professionellen Orchestern mit dem Geruch des Amateurhaften und Volkstümlichen behaftet bleibt, solche Distinktion niemals im gewünschten Ausmaß erbringen kann. Schon allein aus diesem Grund fällt sie aus dem Blickfeld der meisten Redaktionskonferenzen.

Nicht vergessen sollten bei der medialen Behandlung von Blas- und Bläsermusik aber auch jene Formationen werden, die es immerhin mit ihrer Kunst in den bürgerlichen Konzertbetrieb oder ins Leitmedium Fernsehen geschafft haben. Dabei sind mitnichten jene bedauernswerten Musikkapellen gemeint, die bei Frühschoppensendungen den trachtlerischen Aufputz zu öffentlichem Bierkonsum und flachköpfigen Moderationen abzugeben haben; aber auch nicht Sendungen wie der Musikantenstadl, durch dessen Schlagerödnis playbackspielende Älpler marschieren und damit immerhin noch an Komponisten erinnern, denen geniale Melodien eingefallen sind. Die Rede ist vielmehr von jenen Kabarettsendungen, die als Billigformate die Spätabendtermine der Fernsehkanäle besetzen. In mäßig großen Sälen sitzen zum Kampflachen entschlossene Städter, die es nicht selten vom Land in einen Bürokratentempel in der City geschafft haben, und hauen sich ab vor Lachen, wenn ihnen auf der Bühne vorexerziert wird, wie blöd, spießig, kleinbürgerlich und faschistisch diejenigen sind, von denen sie abstammen.

Die ironische Verwendung von Instrumenten, Genres, Harmoniefolgen und musikalischen Formen, die aus der ländlichen Volks- und Blasmusik bekannt sind und die etwa von einer Altneihauser Feierwehrkapell'n in Gestalt einer heruntergekommenen Blaskapelle oder von Gruppen wie der Biermösl Blosn als bläserbestückte Volksmusikformation bis hin zu den Musikblödlern Mnozil Brass oder der Musikbanda Franui gekonnt eingesetzt werden, führt zu einer Musik, die in ihrer gleichsam ernsten Form als politisch unkorrekt abgelehnt wird, an deren Schönheit jedoch durch ihre gleichzeitige Verspottung genussvoll partizipiert werden kann. Die kritische Distanzierung von der Fiktion des Landdeppen erlaubt es dem politisch korrekten Städter, in die heilen Klänge der dörflichen Idylle zurückzukehren, ohne die Vorurteile über die Welt, die karrieretechnisch hinten gelassen wurde, aufgeben zu müssen.

Musiker, die sich über ihre oft fehlende professionelle Ausbildung am Instrument durch den Verweis auf das Amateurhafte der Blas- und Volksmusik hinwegretten, hätten, ohne den Spott über ihre eigene Herkunft und allein nach ihrem Können bemessen, oft nicht die geringste Chance in einem klassischen Orchester oder gar als Solist. Durch die Fiktion des ländlichen Kleinbürgers komplettieren sie in Ergänzung zu Frühschoppen und Musikantenstadl modisch kritisch das Vorurteil, dass Bläsermusik, ohne dass über sie gelacht werden muss, nicht möglich ist. Der Mangel an kompositorischen Ideen und an satztechnischem Können wird ausgeglichen durch den Griff in fremdes Tonmaterial, an dessen originellen und beliebten musikalischen Ideen und Rhythmen parasitär mitgenascht wird, indem sie als Zitat verwendet und durch das Arrangement zugleich verhöhnt werden.

Zugrunde liegt all dem die Nachfrage nach billigsten Programmen, die mit wenigen Darstellern, geringem technischem Aufwand und ohne nennenswerte Ausstattungskosten den gesetzlich vorgeschriebenen Bildungsauftrag der meist staatlich alimentierten Medien zu Sensationspreisen erfüllen und die die übrigen Sendeinhalte von solcher Zumutung entlasten. Und zugrunde liegt all dem die bewusste oder unreflektierte Mittäterschaft von Künstlern, die sich nicht an den Mächtigen reiben, sondern über jene kleinen Leute herfallen, die den Markt der Aufmerksamkeit ohnehin nur erreichen, indem man sich über ihre angebliche Dummheit lustig macht.

Am Schicksal der Blas- und Bläsermusik in der öffentlichen Wahrnehmung scheint sich also nicht viel geändert zu haben: Sie wird wie eh und je vor allem missbraucht und damit als künstlerische Ausdrucksmöglichkeit konsequent unterschätzt.    (Alois Schöpf, Album, DER STANDARD; 11./12.8.2012)

Alois Schöpf, geb. 1950, freier Schriftsteller, Journalist, Gründer und Leiter der Innsbrucker Promenadenkonzerte, schreibt seit Jahrzehnten vielgelesene Kolumnen in verschiedenen Zeitungen, ist Librettist von drei Opern, Verfasser von Romanen, Essays, Kinderbüchern.

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