FAO für Drosselung bei Agrosprit

Wegen der anhaltenden Dürre in den USA fordern Experten ein Umdenken

Washington/Rom/Wien - Angesichts der anhaltenden Dürre schlug der Generaldirektor der UN-Welternährungsorganisation, der Brasilianer José Graziano da Silva, in der Financial Times vom Freitag neue Töne an: Die USA verwendeten bereits 40 Prozent ihrer Maisproduktion für die Herstellung von Agrarsprit. Angesichts der drohenden Nahrungsmittelknappheit sollten die USA eine sofortige, einen gewissen Zeitraum umfassende Aufhebung der Biospritproduktion ins Auge fassen, forderte er. Dies würde den Agrarmärkten die notwendige Atempause verschaffen; die Maisernte könnte stattdessen in die Lebensmittel und Tierfutterproduktion gehen.

Der US-Kongress hatte 2007 vorgeschrieben, welcher Anteil der Getreideproduktion für Biokraftstoffe verwendet werden soll. Seitdem sind die Preise laut Studien stark gestiegen. Mehrere G-20-Staaten haben sich bereits besorgt über die hohe Ethanolproduktion in den USA gezeigt. Die Vereinigten Staaten sind der weltweit größte Produzent und Exporteur von Mais. Doch herrscht im mittleren Westen der USA die schlimmste Dürreperiode seit 1956.

Dürre macht Märkte anfällig

Zwar befinde man sich derzeit noch nicht in einer Krise, doch die US-Dürre macht die globalen Märkte höchst anfällig für weitere Erschütterungen. Der FAO-Index für Getreide erreichte diese Woche einen durchschnittlichen Wert von 260 Punkten und damit 38 Punkte mehr als im Juni. Der Wert ist damit 14 Punkte von seinem bisherigen Rekord vom April 2008 entfernt, als es weltweit zu Hungerrevolten kam.

Da Silva warnte davor, dass Regierungen die Situation durch falsche Reaktionen verschärfen könnten. Damals hatten mehrere große Produktionsländer Ausfuhrrestriktionen erlassen, um im eigenen Land die Preise in Schach zu halten. Das hatte die Krise aber noch verschärft.

Nicht überall wird der Appell des FAO-Chefs goutiert. Bei der Biospritproduktion falle nicht nur Ethanol an, streicht Ernst Gauhs, Manager der Raiffeisen Ware Austria, hervor, sondern auch ein Abfallprodukt, die sogenannte "Schlempe". Diese wird wegen ihres hohen Eiweißgehalts als Tierfutter verwendet und ersetze über weite Strecken Soja. "Bei einem Aussetzen der Biospritproduktion würde der Bedarf an Soja für die Tierfütterung steigen."

Mehr Investoren angelockt

Auch das Problem der ungezügelten Spekulation mit Agrargütern ist wieder zu beobachten. Die höheren Lebensmittelpreise lockten im Juli Investoren in Fonds auf Agrarrohstoffe. Die Zuflüsse in börsennotierte Indexfonds (ETFs) und andere Anlageformen, die sich auf Terminkontrakte und Indizes für Agrarprodukte beziehen, erreichten mit knapp 110 Millionen Dollar (89 Mio. Euro) den höchsten Wert seit März 2011, so eine Statistik des Analysehauses Lipper.

Nach Ansicht von Lipper-Analyst Matthew Lemieux werden die Investoren weiter Geld in Agrarfonds stecken. "Wir werden noch mehr Zuflüsse sehen, wenn die Preise für Nahrungsmittel weiter steigen. Das dürfte so lange anhalten, bis sich an der Dürre in den USA und an anderen Gegebenheiten etwas ändert, die die Preise weltweit in die Höhe treiben." (Reuters, dpa, ruz, DER STANDARD; 11.8.2012)

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