Vorschnelle Rassismen

Analyse10. August 2012, 14:23
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Die Medien entwickeln im Zuge der Olympischen Spiele eine fragwürdige Obsession für biologische Voraussetzungen für Spitzensport

Schneller, als Bolt die 100 Meter läuft, schreien schon die Apologeten: Da können "wir Weißen" so viel trainieren wie wir wollen, gegen die Dynamo-DNA, die Sprint-Doppelhelix der Afrikaner kommen wir nicht an! Sportwissenschaftlich, medizinisch, ja, auch physikalisch wird in den Medienberichten dann untersucht: Was versteckt sich hinter der faszinierenden und mitreißenden Geschichte und den Erfolgen "Gold-Bolts", einer der Sport-Ikonen unserer Zeit? Man möchte hinter seine "Geheimnisse" kommen, herausfinden, wie die schweißglänzende Maschine "funktioniert", welche „Magie" vom Edelmetall-Bau Marke Usain Bolt ausgeht. Schon die Wortwahl in den Schlagzeilen verdeutlicht: Hier muss etwas höheres, Metaphysisches, unheimlich Unmenschliches am Werk sein.

In den Salzburger Nachrichten und im Boulevardblatt Heute wird der Sportler Stück für Stück, Gliedmaß für Gliedmaß (man möchte fast sagen - Bauteil für Bauteil) auseinandergenommen, durch eine kräftige Bio-Rassismus-Brille begutachtet und schließlich als Spitzen-Mutant wieder zusammengesetzt. Die Tiroler Tageszeitung holt den Pop-Physiker schlechthin, Werner Gruber, um seine (wissenschaftlich korrekten) Aussagen verkürzt und verzerrt in einen fraglichen Kontext zu stückeln.

Fitter Survivors

Auch im Angloamerikanischen Raum erfährt der verdächtige Genetikdiskurs eine Renaissance. Jedes Mal das Fazit: Eh klar, dass Bolt der Beste ist, schließlich hat seine Hardware die beste Qualität. Und - dafür kann er nichts und „wir" nichts dagegen, das ist ihm ebenso angeboren. Die besonders spitzfindig benannte Ghetto-Theorie erklärt die Erfolge schwarzer Sportler dadurch, dass der Sport für Menschen aus armen Verhältnissen die einzige Chance für sozialen und wirtschaftlichen Aufstieg darstellt. Folglich strengen sie sich eben mehr an. Die BBC behauptete in einem Beitrag vor dem 200-Meter Finale der Olympischen Spiele in London allen Ernstes, dass Afroamerikaner einen Vorteil haben, weil der beschwerliche und oft tödliche Transport von Sklaven auf Schiffen und Eisenbahnen als natürliche Selektion wirkt. Nur die stärksten mit den besten Genen überlebten diese Tortur und reproduzierten sich dann in den USA, so die Theorie.

Alle diese Unternehmungen haben ein Ziel: Den Neid der Verlierer gegenüber den Siegern (pseudo-)wissenschaftlich zu rechtfertigen. Die Niederlage der selbsterkorenen „Herrenmenschen" bei einer so prestigeträchtigen Disziplin wie dem Sprint muss auch noch nach mehr als siebzig Jahren noch eine tiefe, unüberwindbare Kränkung sein. So schlimm, dass man die Methoden von damals aufleben lässt: Den biologischen Rassismus.

Schwarz-weiß kleinkariert

Ein Einstieg in die Debatte birgt natürlich Gefahren, denn auch bei Gegenargumenten und Richtigstellungen müsste man ständig von "Schwarz" und "Weiß" sprechen und dazwischen trennen. Die wissenschaftliche Korrektur pseudowissenschaftlicher Lügen ändert auch nichts an dem Irrtum, die Untersuchung biologischer Unterschiede weißer und schwarzer Sportler wäre notwendig oder unumgänglich. Doch dem gequirlten Blödsinn, der von "Sportjournalisten" in diesem Bereich in der letzten Zeit verbrochen wird, muss auch Einhalt geboten werden.

Auf den Fersen

So wird etwa geschrieben, Usain Bolt, sein Kollege Yohan Blake und generell alle Schwarzen hätten ein längeres Fersenbein, dass ihnen bessere Sprungkraft und dadurch einen Vorteil verleiht. Diesen Mythos gibt es schon seit Jesse Owens' nicht besonders freudig begrüßten Leichtathletik-Siegen bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin. Tatsächlich wäre ein längeres Fersenbein ein Hindernis. Das Gegenteil, ein kürzeres Fersenbein - das wäre für Sportler, die Energie in Schnelligkeit und nicht Kraft (wie beim Sprint erwünscht) umsetzen wollen, wünschenswert. Dieses kürzere Fersenbein wurde bei Jesse Owens im Nachhinein sogar festgestellt. Doch es gibt absolut keine Belege dafür, dass Schwarze im Vergleich zu Weißen öfter sprintoptimierte Fersenbeine haben.

Auch von der Höhe des Bauchnabels wird in letzter Zeit gesprochen: Dieser sei bei Schwarzen durchschnittlich um drei Zentimeter höher als bei Weißen, was für ein besseres „Vorwärtsstürzen" sorgen soll. Was hier „Bauchnabel" genannt wird - von Journalisten zuvorkommend für den für dumm verkauften Leser in Bildsprache heruntergebrechen - ist der Körperschwerpunkt. Welche Rolle der Körperschwerpunkt aber genau beim absurd kryptischen „Vorwärtsstürzen" genau spielt, bleibt offen.

Mit allen Fasern

Konkreter werden die Hobby-Sportwissenschaftler des Landes schon bei den Muskeln und Muskelfasern der Sprinter. Es gibt zwei verschiedene Typen von Muskelfasern: jene, die auf Kraft spezialisiert sind, und solche, die für Schnelligkeit zuständig sind. Diese Muskelfasertypen sind bei jedem Menschen in einem bestimmten Verhältnis vorhanden - normalerweise 50:50. Gute Sprinter haben oft mehr als 80 Prozent "schnelle" Muskelfasern. Die Muskelfasern sind ein heißer Kandidat für die Erklärung dafür, warum manche Menschen bessere, manche schlechtere Sprinter sind. Ja - von Geburt an, denn das Verhältnis der Muskelfasern kann kaum durch etwa Training verschoben werden.

Aber auch hier gilt: Es wurde noch nicht nachgewiesen, dass Schwarze öfter ein geeigneteres Muskelfaser-Verhältnis haben als Weiße. Es gibt punktuelle Untersuchungen bei Spitzen-Sprintern wie Usain Bolt, Carl Lewis oder Michael Johnson, die zeigen, dass diese überwiegend "schnelle" Muskelfasern besitzen. Das bedeutet aber nicht, dass das alle Schwarzen gemeinsam haben, sondern dass dies eine Gemeinsamkeit mehrerer guter Sprinter ist.

Krampf und Kurzschluss

Dies ist der gängige Denkfehler: Die gemeinsamen Merkmale werden nämlich nicht als Merkmale guter Sprinter gezählt, sondern fälschlicherweise als Merkmale aller Menschen, die afrikanische Wurzeln haben. Tatsächlich ist es ein Kurzschluss, zu sagen, Schwarze oder Afrikaner seien besser Sprinter, nur weil in den 100m-Finali kaum Weiße zu sehen sind. Denn: Was ist mit Mauritanien, Guinea-Bissau, Sierra Leone, Liberia, der Elfenbeinküste, Mali, Gambia, Ghana, Senegal und noch vielen anderen afrikanischen Ländern mehr, die sogar mit vereinten genetischen Kräften keine einzige Medaille erlaufen haben?

Angeboren oder anerzogen

Es sind eben nicht (nur) Bauchnabel, Fersen und Muskeln - gegenständliche, also leicht vorstellbare, - im wahrsten Sinne des Wortes - greifbare Dinge, die diese komplexe Fragestellung ausmachen. Trotzdem wird im internationalen Diskurs kaum auf das Training schwarzer Sportler hingewiesen - als würden sie halt mal laufen und mühelos gewinnen, da die Gene sie ja anfeuern. Auf die außergewöhnliche Frühförderung, die junge Sprinter beispielsweise in Jamaika erfahren, wird selten hingewiesen. Auch die Tatsache, dass der Bildungsstatus und das Einkommen der Eltern wesentlich beeinflusst, ob und welche Sportarten Kinder ausüben (können), wird ignoriert. Zuletzt gibt es dann auch noch traditionell schwarze und traditionell weiße Sportarten, die Sphären sind recht undurchlässig.

Pigmentstörungen

Diejenigen, die sich die Olympischen Spiele weiterhin unbedingt mit der Hautfarben-Brille ansehen möchten, seien beruhigt: Mit den Erkenntnissen zu Muskelfasertypen und anderen Unterschieden in der Anatomie (Skelett, Fettverteilung) gibt es Anzeichen für Unterschiede in der Eignung für Spitzensport. Doch die Lage ist bei weitem nicht so klar, als dass man von wasserdichten Belegen sprechen könnte, die Einschätzungen der Wissenschaftler sind widersprüchlich. Wir anderen träumen deshalb weiterhin von Sport, bei dem die Pigmentierung der Sieger das Langweiligste am gesamten Spektakel ist. (Olja Alvir, 10.8.2012, daStandard.at)

 

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    Auf die außergewöhnliche Frühförderung, die junge Sprinter beispielsweise in Jamaika erfahren, wird selten hingewiesen.

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