Peter Eisenman: "Bloß nicht too much Schlagobers"

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  • "Die Dinge entwickeln sich in eine völlig falsche Richtung. Auf dem 
Computer kann man nicht konzeptionell arbeiten. Das ist unmöglich. Dazu 
braucht man Stift und Papier." Peter Eisenman in seinem Atelier in New 
York.
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    "Die Dinge entwickeln sich in eine völlig falsche Richtung. Auf dem Computer kann man nicht konzeptionell arbeiten. Das ist unmöglich. Dazu braucht man Stift und Papier." Peter Eisenman in seinem Atelier in New York.

Der New Yorker Architekt wird am 11. August 80 Jahre alt - ein Gespräch über Baseball, Richard Wagner und die Fremdheit im eigenen Land

Standard: Man kennt Sie mit einer roten Fliege um den Hals. Wo ist Ihre Fliege heute?

Eisenman: Mensch, es ist Sommer! Und es ist heiß! An solchen "casual days" wie heute, wo ich die meiste Zeit im Büro verbringe, lege ich die Fliege ab. Da trage ich alte Sneakers, ein Hemd und Khakihosen. Ich habe beschlossen, mich nur noch zu besonderen Anlässen feierlich und elegant zu kleiden. Mit dem Alter wird man cooler und gelassener.

Standard: Zum Achtziger ...

Eisenman: Zur Feier heute Abend, das kann ich Ihnen versprechen, werde ich eine Fliege tragen.

Standard: Warum gerade Fliege?

Eisenman: Beim Zeichnen ist die Krawatte immer im Weg. Sie wird schmutzig und verwischt die frische Tuschezeichnung auf dem Plan. Viele Architekten, die ich noch persönlich kannte, haben eine Fliege getragen, zum Beispiel Walter Gropius oder Le Corbusier. Meine Fliege ist, wenn Sie so wollen, eine Art Reverenz. Außerdem sagt man im Englischen, dass man Menschen mit Fliegen nichts abkaufen sollte, weil sie verrückt sind. Das fügt sich ganz gut. Man wird niemals belästigt.

Standard: Zeichnen Sie heute immer noch mit Tusche?

Eisenman: Ich erzähle Ihnen jetzt einmal was, und ich bitte Sie, das auch wirklich kundzutun, denn die Dinge entwickeln sich in eine völlig falsche Richtung. Auf dem Computer kann man nicht konzeptionell arbeiten, das ist unmöglich. Dazu braucht man Stift und Papier. Man muss die Bewegung in der Hand spüren, man muss das Entstehen physisch erleben.

Standard: Die meisten bei Ihnen im Büro arbeiten am Computer.

Eisenman: In diesem Büro wird der Computer nur zum Planzeichnen verwendet. Ich gebe zu, Tuschezeichnungen haben ihre Nachteile. Man ist langsamer, man hat immer nur mit einem Unikat zu tun, man kann Fehler viel schwieriger ausbessern, und man kann Tuschezeichnungen nicht per E-Mail verschicken.

Standard: Wo fühlen Sie sich eher zu Hause? Vergangenheit oder Zukunft?

Eisenman: Vergangenheit. Ich bin traditionell veranlagt. Ich reise lieber nach Europa als nach Dubai oder Schanghai. Ich liebe die europäischen Städte, ich gehe gerne durch Wien spazieren, beim Fußball halte ich zu Italien, Spanien und Deutschland, und ich bin immer wieder in Bayreuth, um mir ein Stück von Richard Wagner anzusehen. Ich bin der Meinung, jeder sollte zumindest einmal im Leben den "Ring des Nibelungen" gesehen haben.

Standard: Wie oft haben Sie den "Ring des Nibelungen" schon gesehen?

Eisenman: Weiß nicht. Sechs- oder siebenmal.

Standard: 2005 wurde in Berlin das von Ihnen geplante Denkmal für die ermordeten Juden Europas eröffnet. Fühlen Sie sich der deutschen Geschichte nah?

Eisenman: Ja. Vor allem interessiere ich mich für die deutsche Geschichte seit 1919. Deutschland ist für mich eines der Länder, das Inbegriff einer fair gelebten, geförderten und kulturell bereichernden Demokratie ist. Ich kann bis heute nicht glauben, dass diese wertvolle Eigenschaft 1933 von einem Tag auf den anderen verlorengegangen ist. So gesehen denke ich, dass das Holocaust-Denkmal in Berlin mit Sicherheit eines meiner wichtigsten Projekte ist.

Standard: Hat sich seit Berlin etwas für Sie verändert?

Eisenman: Das war ein wichtiges Projekt für mich, und ich war sehr erfolgreich damit. Die Menschen sind von diesem Denkmal fasziniert. Manchmal bekomme ich sogar Post von Touristen, die dort waren und mir schreiben, wie sehr sie das Projekt bewegt hat.

Standard: Könnten Sie sich vorstellen, in Europa zu leben?

Eisenman: Und wie! Am liebsten würde ich in London, Berlin oder Mailand leben. Überall, bloß nicht in Wien. Das ist mir zu schwer, zu hermetisch und zu unbeweglich. Irgendwie too much Schlagobers. Bloß nicht!

Standard: Und wie lebt es sich in New York?

Eisenman: Sehr fremd. Und dabei ist New York City ja noch ganz in Ordnung! Fragen Sie mich doch einmal, wie ich mich in den USA fühle! Wie ein Alien! Ich verstehe dieses Land nicht. Dieses Land geht einfach nicht in meinen Kopf hinein.

Standard: Was ist so fremd daran?

Eisenman: In den USA gibt es keine Öffentlichkeit. Das ganze Land wird von der Privatwirtschaft regiert. Es gibt keine kritische Matrix, keine laute Stimme in den Tageszeitungen und kein Interesse für das soziale Zusammenleben, für die Umwelt, für das viele feine Rundherum, das einen Ort und eine Kultur ausmacht. Alles, was zählt, ist Geld, Geld, Geld.

Standard: Beim Bauen spielt Geld eine wichtige Rolle.

Eisenman: Ja, aber die Immobilienwirtschaft regiert das ganze Land. Die soziale Qualität ist de facto nicht vorhanden. Es ist zum Heulen. Schauen Sie sich nur einmal um! Wir haben viele wunderbare Architekten in den USA, vor allem hier in New York. Es gibt Daniel Libeskind, es gibt Diller & Scofidio, und es gab Raimund Abraham. Aber die Wahrheit ist: Die wirklich guten New Yorker Architekten bauen hierzulande nur sehr wenig.

Standard: Sie haben in den USA bisher auch nur wenig realisiert.

Eisenman: Die Amerikaner mögen mich nicht. Irgendwas an meinen Gebäuden ist ihnen zu abstrakt und zu einschüchternd. Ich glaube, ich bin ihnen zu verkopft.

Standard: Stattdessen bauen Sie in Europa.

Eisenman: Das kann man so nicht sagen.

Standard: Das größte Projekt Ihrer Laufbahn ist das Kulturzentrum in Santiago de Compostela.

Eisenman: Ja, das ist ein sehr umfangreiches Projekt. Die Cidade da Cultura in Santiago besteht aus dem Galizischen Museum, einer Bibliothek, einem Zeitungsarchiv und einem Bürogebäude. Das Internationale Kunstzentrum und das Theater- und Opernhaus müssen noch errichtet werden. In einem Artikel in "El País" war letztes Jahr zu lesen, dass mich dieses Projekt eines Tages wahrscheinlich umbringen wird. Doch dafür, hieß es darin, werde der Architekt mit einem Lächeln auf seinen Lippen sterben.

Standard: Und? Wird er das?

Eisenman: Oh ja, das wird er! Das ist ein sehr geerdetes Projekt.

Standard: Ursprünglich war das Projekt mit 108 Millionen Euro veranschlagt. Mittlerweile liegen die Baukosten bei 415 Millionen Euro. Was ist passiert?

Eisenman: Das ganze Projekt ist im Laufe der Zeit auf die fünffache Größe angewachsen. Die Oper war ursprünglich für 500 Zuschauer konzipiert, heute stehen wir bei 1.800 Sitzplätzen. Die Bibliothek war zu Beginn für 250.000 Bücher ausgelegt. Eines Tages kam dann der Wunsch des Kulturministers, es auf eine Million Bücher aufzustocken. Und so weiter. Das sind die Entscheidungen der Auftraggeber. Architekten treffen solche Entscheidungen nicht.

Standard: Und das rechtfertigt eine Verdreifachung der Kosten?

Eisenman: Santiago de Compostela ist ein komplexes und wunderbares Projekt mit einer unglaublichen Detailgenauigkeit. Jedes einzelne Gebäude wurde unter Budget errichtet. Auf den Quadratmeter gerechnet, ist es eines der billigsten Museen Spaniens. Wir bauen um 2.600 Euro pro Quadratmeter! Der neue Prado von Rafael Moneo hat 6.000 Euro gekostet. Und Santiago Calatrava baut, wie wir alle wissen, noch teurer.

Standard: Im Juni wurde das Projekt gestoppt. 2015 soll erst wieder weitergebaut werden.

Eisenman: Spanien befindet sich in einer Krise. Die Errichtung von Infrastruktur ist zwar wichtig, aber bei einer Arbeitslosigkeit von 25 Prozent gibt es aus politischer Sicht wichtigere Sachen. Von der Oper stehen jetzt einmal das Fundament und ein Teil vom ersten Stock. Das Wissenschaftsmuseum ist noch Zukunftsmusik. Ich hoffe, dass sich die Situation in Spanien erholt und dass wir bald weiterbauen können.

Standard: Wird die Cidade da Cultura Ihr größtes Projekt bleiben?

Eisenman: Wie viele Projekte von herausragender Bedeutung ist ein Architekt imstande, im Laufe seines Lebens zu realisieren? Bestenfalls eine Handvoll. Und wenn es nur eines ist, dann ist das schon ein großer Erfolg! Manche Architekten bauen 30, 40, 50 Projekte, alle schauen gleich aus, und keines davon ist ein ernst zu nehmender Beitrag für die Entwicklung der Architektur. Das interessiert mich nicht.

Standard: Wie hoch würden Sie Ihre persönliche Quote an bedeutender Architektur beziffern?

Eisenman: Zehn Prozent. Und 90 Prozent sind guter Durchschnitt.

Standard: Was wünschen Sie sich zum Geburtstag?

Eisenman: Ich habe einen Doktortitel aus Cambridge, ich habe viel publiziert, und ich bin mittlerweile der am längsten lehrende Architekturprofessor der Welt. Ich unterrichte schon seit 1960. Und noch immer haben die Studenten Angst vor mir! Was soll ich mir denn da noch wünschen? Ich bin schon wunschlos glücklich.

Standard: Pläne für heute Abend?

Eisenman: Mal schauen. Ich bin ja ein riesengroßer Baseballfan und ich habe ein Saisonabo im Yankee-Stadion. Ich fühle mich dem Proletariat sehr verbunden. Ich glaube sogar, dass ich mehr über Baseball weiß als über Architektur. Manchmal setze ich mich eine Stunde vor dem Spiel auf die Tribüne, schaue auf das leere Spielfeld und beobachte, wie sich das Stadion langsam mit Besuchern füllt. Das ist wie Meditieren.     (Wojciech Czaja, Album, DER STANDARD, 11./12..8.2012)

Peter Eisenman ist am 11. August 1932 in Newark, New Jersey, geboren. Er war Teil der Architektengruppe "New York Five", die sich für die Wiederbelebung der Moderne von Le Corbusier und De Stijl engagierte. Er lehrte in Harvard und Princeton sowie an der Ohio State University. Zurzeit hat Eisenman einen Lehrstuhl an der Universität Yale inne. Sein bekanntestes Projekt ist das Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin (2005).

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1 Posting
Deutschland ist für mich eines der Länder, das Inbegriff einer fair gelebten, geförderten und kulturell bereichernden Demokratie ist. Ich kann bis heute nicht glauben, dass diese wertvolle Eigenschaft 1933 von einem Tag auf den anderen verlorengegang

Es hat eben nicht viel Sinn, Geschichte von hinten nach vorn zu lesen ...

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