Augenzwinkernde Anpassung

Interview10. August 2012, 19:40
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Erwin Strittmatter oder Über die Widersprüche eines Dichterlebens in der ehemaligen DDR: Strittmatter-Biografin Annette Leo im Gespräch

Erwin Strittmater war einer der beliebtesten DDR-Schriftsteller. Mit seinen Romantrilogien "Der Wundertäter" und "Der Laden", den Romanwerken "Ochsenkutscher" und "Ole Bienkopp" sowie zahlreichen Kurzprosastücken schuf er einen Bilderbogen bäuerlichen Lebens vom Ende des Ersten Weltkriegs bis zu den Anfangsjahren der DDR. Zugleich gehörte er der Nomenklatura der DDR-Künstler an. 2008 sorgte das Bekanntwerden seiner Zugehörigkeit zum SS-Polizeigebirgsjäger-Regiment für Empörung. Zu seinem 100. Geburtstag am 14. 8. hat die Historikerin Annette Leo eine Biografie von Strittmatter (Aufbau, Berlin, 448 S., 25,70 Euro) vorgelegt.

Standard: Frau Leo, nach dem Ende der DDR hatte Erwin Strittmatter unerwartet großen Erfolg mit dem dritten Teil seiner Trilogie "Der Laden". War er für die Menschen im Osten Deutschlands ein Haltepunkt, während sich alles in Richtung Westen wandte?

Leo: Diesen großen Erfolg hatte er auch beim westdeutschen Leserpublikum. Strittmatter hat in dem Buch sein Leben ganz unideologisch dargestellt. Fern aller politischen Doktrinen schaute er zurück auf die Vergangenheit. Vielleicht stellte die Schilderung dieser Landschaft, des Lausitzer Heidedorfs und des Krämerladens eine tröstliche Verbundenheit her. Es kann sein, dass dieser regionale Rahmen für viele Menschen wichtig war, nachdem der Rahmen DDR verschwunden war.

Standard: Im Westen galt Strittmatter als Parteischriftsteller und Funktionär. Als kritischer Autor wurde er kaum verstanden. Steht seine Wiederentdeckung bevor?

Leo: Seit Mitte der 1960er erschienen seine Bücher auch in Westdeutschland. Mit dem "Laden" schaffte er die Grenzüberschreitung sogar in großem Maße. Die Verfilmung durch Jo Baier 1998 steigerte seine Popularität enorm. Bei den Strittmatter-Veranstaltungen, die ich in den letzten Monaten besuchte, war das Publikum allerdings überwiegend sehr alt. Und was in Zukunft mit seinen Romanen geschieht, vermag ich nicht zu sagen.

Standard: Wie empfanden Sie Strittmatters Verhalten während der DDR-Zeit? Im Vordergrund stehen verstörende Tatsachen wie etwa jene, dass er 1957 die Verurteilung von Walter Janka, dem Leiter des Aufbau-Verlags, zu fünf Jahren Zuchthaus verteidigte. Tat er das aus Überzeugung?

Leo: Vieles tat er aus voller Überzeugung. Vor allem bis 1956, 1957 unterwarf er sich völlig den Vorstellungen der SED-Kulturpolitik. Erst nach den Enthüllungen der stalinistischen Verbrechen merkte er, dass er einem Massenmörder aufgesessen war. Nach außen gekehrt aber hat er das erwachende Verständnis nicht.

Standard: Bereits 1972 spielte er mit dem Gedanken an einen Austritt aus der SED. Warum ist er geblieben?

Leo: Aus Opportunismus. Er wollte keinen Ärger haben. Es war für ihn nur noch das Schreiben wichtig, und es galt die Bedingungen dafür zu schaffen. Darum blieb er in der SED, obwohl er sie zunehmend verabscheute. Aber er hat sich nach außen hin niemals, schon gar nicht in der Westpresse, kritisch über Staat und Partei geäußert. Im Inneren schon.

Standard: Was halten Sie von Strittmatters Verehrung für Stalin, die ja auch seine letzte Frau, die Dichterin Eva Strittmatter, teilte? Nach Stalins Tod widmete er diesem sogar einen Text in einem Sammelband ...

Leo: Der Text ist nicht so schrecklich wie viele andere Texte in dem Band. Er erschien unmittelbar nach Stalins Tod, und da waren die Verbrechen Stalins in ihrem Ausmaß noch nicht bekannt. Die kamen erst 1956 durch Chruschtschows Geheimrede ans Licht. Strittmatter schreibt von einer sorbischen Bäuerin, die, als sie vom Tod Stalins erfährt, ihre einzige gute schwarze Bluse für einen Trauerflor zerschneidet. Er schreibt nicht über Stalin selbst, sondern über die Verehrung, die er in dieser Bäuerin verkörpert sieht. Und verehrt hat er Stalin tatsächlich. Es war für ihn eine tiefe Enttäuschung, als er Chruschtschows Rede zur Kenntnis nehmen musste.

Standard: Aufsehen erregte das Bekanntwerden seiner Beteiligung am Zweiten Weltkrieg. "An einem entscheidenden Punkt hat sich die literarische Verdichtung als irreführend erwiesen", schreiben Sie in Bezug darauf, dass er diesen Lebensabschnitt in seinem autobiografischen Werk nicht der Wirklichkeit entsprechend verarbeitet hat. Verschwieg er die Wahrheit?

Leo: Das kann man in Bezug auf die literarische Verarbeitung nicht sagen. Keiner der autobiografisch gefärbten Romane ist eins zu eins seine Lebensgeschichte. Aber dieser Kontrast, dass er viele private Erlebnisse bis ins Detail originalgetreu in seine Romane hineinflicht und die Stellen, an denen es um den Krieg geht, ausspart, gibt zu denken.

Standard: In seinen Tagebüchern beruhigt sich Strittmatter mit der Versicherung, während des Krieges keinen einzigen Schuss abgegeben zu haben ...

Leo: Dieser Satz, keine Kugel habe je seinen Gewehrlauf verlassen, ist absurd. Sowohl die Herausgeberin der Tagebücher als auch ich nehmen an, dass er weite Teile dieser Tagebücher im Hinblick auf eine spätere Verarbeitung und Veröffentlichung geschrieben hat. Insofern finden wir auch in den Tagebüchern eine literarische Umwandlung des Lebens.

Standard: Offenbar gab es auch gegen Ende seines Lebens kein Anzeichen für ein Coming-out à la Günter Grass, nicht einmal gegenüber seiner letzten Frau Eva und seinen Söhnen ...

Leo: Die hatten keine Ahnung. Strittmatter erzählte Geschichten und Episoden aus dem Krieg. Aber keiner in der Familie kannte den Zusammenhang, in dem sie sich abgespielt haben. Was wirklich geschah, hat Strittmatter nicht preisgegeben.

Standard: Sie schreiben, wie betroffen die Leser waren, als sie von Strittmatters Verhalten während der NS-Zeit erfuhren. War Strittmatter für die DDR-Bevölkerung eine moralische Instanz gewesen?

Leo: Sicher nicht in dem Sinne wie Christa Wolf. Bei politischen Fragen hat er sich spätestens seit den Siebzigerjahren zurückgehalten. Aber mit seiner Lebensweise, diesem Rückzug auf das Land und dem naturverbundenen Dasein hat er die Menschen für sich eingenommen. Er veröffentlichte Nachrichten aus seinem Alltag wie den "Schulzenhofer Kramkalender". Darin vermittelte er seine augenzwinkernde Anpassung an die Verhältnisse in der DDR, mit einem kleinen Rest Widerständigkeit, der nur zwischen den Zeilen lag. Seine Leser haben das sehr gut verstanden. Sie haben ihn nicht unbedingt als Vorbild betrachtet, aber als einen der Ihren angesehen.

Standard: Am 1. Mai 1947 wurde Strittmatter Mitglied der SED. Sie zitieren ihn, dass sein Schuldgefühl wegen der NS-Vergangenheit sein Motiv gewesen sei ...

Leo: Ich denke, es handelt sich dabei eher um eine nachträgliche Zuschreibung. In seinen Aufzeichnungen aus dem Jahr 1947 steht nichts über seinen SED-Eintritt. Erst einige Jahre später überlegt er die Motive seines Eintritts. Und da schreibt er, er sei hineingegangen, weil er ein Stück von dieser Schuld habe abtragen wollen. Dieses Schuldgefühl hat ihn wie viele seiner Generation lange bewegt. Und da kam dieses Angebot der SED, in der Ostzone eine neue Gesellschaft zu bauen und die Vergangenheit zu vergessen.

Standard: Sehen Sie eine Parallele zwischen Strittmatters Beteiligung am Zweiten Weltkrieg und seiner SED-Gefolgschaft? War es einfach immer Gehorsam?

Leo: Eher Anpassung. Immer sah er das Schreiben als Hauptgrund seines Lebens an. Auch sein Motiv, sich freiwillig zu diesem Polizeibataillon zu melden, war weniger dem Krieg geschuldet, als dass er aus seiner Familie wegwollte, sie gleichzeitig gut versorgt wissen und sich die Möglichkeiten zum Schreiben schaffen wollte.

Standard: Als Schriftsteller erfolgreich, politisch umstritten: Was reizte Sie an Ihrer Auseinandersetzung mit Strittmatter?

Leo: Es war diese Ambivalenz. Ich wollte weder eine Verdammung noch eine Verherrlichung, sondern eine Annäherung. Das Strittmatter-Bild, das ich rekonstruiere, ist ein vorläufiges. Es ist von meiner Gegenwart geprägt und kann sich jederzeit ändern, wenn neue Dokumente auftauchen.   (Adelbert Reif, DER STANDARD, 11./12..8.2012)

Annette Leo, geb. 1948 in Düsseldorf, studierte Geschichte und Romanistik. Seit 2005 Mitarbeiterin am Historischen Institut der Friedrich-Schiller-Universität Jena. 1991 veröffentlichte sie die Biografie ihres Großvaters Dagobert Lubinski, eines kommunistischen Journalisten und Widerstandskämpfers, der als Jude im KZ Auschwitz zu Tode kam.

 Weitere aktuelle Veröffentlichungen zu Strittmatter: Erwin Strittmatter, "Nachrichten aus meinem Leben. Aus den Tagebüchern 1954-1973" (hrsg. von Almut Giesecke, Aufbau-Verlag); Carsten Gansel, Matthias Braun (Hrsg.): "Es geht um Erwin Strittmatter oder Vom Streit um die Erinnerung" (V&R Unipress).

  • Reiz der Ambivalenz: Erwin Strittmatter.
    archivfoto (1992): ullstein/picturedesk

    Reiz der Ambivalenz: Erwin Strittmatter.

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