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Die chinesische Zensur ist omnipräsent. Betreiber von Internetdiensten müssen ihr Material vor der Veröffentlichung zunächst von einer staatlichen Stelle sichten lassen. Die Begründung der staatlichen Verwaltung für Radio, Film und Fernsehen lautet, die Verbraucher vor "vulgären Inhalten" schützen zu wollen.
Informatikern der Universitäten Harvard und Hongkong ist es jetzt gelungen, gelöschte Nachrichten beim Mikroblogging-Dienst Weibo ausfindig zu machen. Die Plattform, die 2009 als Pendant zu Twitter gegründet wurde, verzeichnet 300 Millionen Nutzer und täglich 100 Millionen Weibos (vergleichbar mit Tweets).
Die in den vergangenen Monaten gelöschten Nachrichten drehten sich meist um umstrittene Persönlichkeiten wie den blinden Menschenrechtsaktivisten Chen Guangcheng, der im Mai ins amerikanische Exil flüchtete, den amerikanischen Botschafter Gary Locke, der Chen zur Flucht verhalf, und den ehemaligen Chef der kommunistischen Partei in Chongqing, Bo Xilai, der wegen "schwerer Disziplinarvergehen" abgesetzt wurde. Letztes Jahr wurden hunderte Posts gelöscht, die über eine Hinrichtung des Dissidenten Li Wangyang spekulierten. Nach offiziellen Angaben hat sich der Bürgerrechtler, der beim Tiananmen-Massaker 1989 verhaftet wurde, selbst erhängt.
Die Internet-Wächter sind in der Lage, jede Nachricht oder ganze Accounts (wie 2010 beim Künstler Ai Weiwei) zu entfernen. Die Wissenschaftler kamen den Behörden auf die Schliche, indem sie eine Software zur Enttarnung der gelöschten Weibos entwickelten. Das Programm lädt Posts der User herunter und identifiziert die später zensierten Beiträge.
Auf einem eigenen Weibo-Profil starteten die Wissenschafter selbst verschiedene "Testballons". Das Resultat: Nicht nur Nachrichten, die offenkundige Reizwörter enthielten, sondern aber jene mit subtiler Kritik, etwa in lyrische Formeln verpackt oder mit Codewörtern versehen, wurden binnen weniger Stunden entfernt. "Aufgrund der Tatsache, dass die chinesische Zensur die Weibos ausfindig machen und löschen konnte, muss die Überwachung durch Personen erfolgen", schlussfolgert Medienwissenschafter Fu King-wa aus Hongkong. Der Forscher schätzt, dass in China zwischen 20 000 und 50 000 Zensoren im Einsatz sind. Gleichzeitig unterhält die kommunistische Partei ein Heer von 300.000 Propagandisten, die positive Nachrichten verbreiten - unter anderem auch über Weibo. Die Zensoren verfügen zudem über ausgefeilte Hackersoftware.
Social Media spielen in China eine immer größere Rolle. Mit rund 520 Millionen Internetnutzern ist die Volksrepublik die größte Online-Nation der Welt. (Adrian Lobe, DER STANDARD, 10.8.2012)
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