Ein fehlender Kindergarten und slowakische Ängste

Die Volksgruppe empfand den Assimilierungsdruck immer besonders stark - nicht nur in der Monarchie

Wien - Endlich ist es keine große Sache mehr: Gut eine Stunde fährt man heute von Wien nach Bratislava, Staus und Zugverspätungen nicht mitgerechnet. Immerhin hat man sich damit zu Beginn des 21. Jahrhunderts wieder so angenähert, wie es in der Donaumonarchie selbstverständlich war. Vor allem, als ab 1914 die "Elektrische" (slowakisch treffend Viedenská elektricka genannt) von Wien ins alte Pressburg und zurück fuhr.

Bratislava / Pressburg / Presporok (slowakisch, bis 1919) / Pozsony (ungarisch): Die slowakische Hauptstadt trägt, zumindest im Stadtzentrum, immer noch die Spuren ihrer dreisprachigen Vergangenheit. Etwa auf dem neugotischen Portal der Salvator-Apotheke in der Panská-Straße, die den Passanten ihr Geschäftsschild in Ungarisch, Slowakisch und Deutsch präsentiert. Oder das Antiquariat Steiner, das auch das jüdische Erbe der Stadt widerspiegelt. Dort spricht die Besitzerin immer noch jenes weiche Deutsch, das die Alt-Pressburger so trefflich beherrschten.

Wirtschaftsuni besonders beliebt

Die slowakischen Spuren in Wien dagegen sind weniger historisch, vielmehr den aktuellen Bedürfnissen des Arbeitsmarktes angepasst. Tausende alte Österreicher werden von slowakischen Betreuerinnen und Pflegerinnen rund um die Uhr versorgt. Doch das ist nicht alles. Wie jeder weiß, der U-Bahn fährt oder in Wien am Samstagabend unterwegs ist. Wien ist ein Hotspot, sowohl für slowakische Nachtschwärmer als auch für Studierende. Besonders die Wirtschaftsuniversität erfreut sich bei jungen Slowaken großer Beliebtheit, die von Bratislava und Umgebung täglich pendeln.

Dagegen nimmt sich die Zahl der Angehörigen der slowakischen Volksgruppe in Österreich vergleichsweise bescheiden aus (siehe Glossar).

"Keine muttersprachliche Betreuung"

Dementsprechend sei es "schwer, die Volksgruppensprache zu erhalten", sagt Vlado Mlynár vom österreichisch-slowakischen Kulturverein. Die größte Hürde: Es fehlt ein eigener Kindergarten. Nun bietet zwar die Komenský-Schule im dritten Bezirk neben Tschechisch auch Slowakisch als Unterrichtssprache an - und dieses wird, vor allem in den höheren Schulstufen, rege nachgefragt.

Aber die systematische Sprachpflege bei den Kleinsten fehlt. "Das ist ein Problem", seufzt Mlynár, "wir müssen viele junge Eltern enttäuschen. Wir können keine systematische muttersprachliche Betreuung anbieten." Aus seiner Sicht "litten die Slowaken unter dem Assimilationsdruck immer am meisten". Oft ging bereits in der zweiten, jedenfalls in der dritten Generation die Sprache völlig verloren.

Unter fremder Fuchtel

Dies habe wohl auch mit mangelndem patriotischem Selbstbewusstsein zu tun. Historisch gesehen stand man fast dauernd unter jemandes Fuchtel - ob die nun ungarisch, deutsch oder tschechisch war. Die Österreicher haben die Slowaken sowieso bitter enttäuscht. Als in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Auseinandersetzungen zwischen tschechischen Nationalisten und Alldeutschen eskalierten, schlugen sich die Slowaken auf die "österreichische" Seite - in der Hoffnung, in Zukunft mehr Rechte zu bekommen.

Den "Ausgleich" 1867, der die Ungarn stärkte und über alle anderen Nationen im Vielvölkerstaat stellte, empfanden die Slowaken wie einen Schlag ins Gesicht. Die Magyarisierung der Slowakei setzte danach erst richtig ein.

Überhaupt die Nachbarn: Noch immer, gibt Mlynár zu bedenken, existierten Ressentiments zwischen den Volksgruppen: "Vor allem die Älteren sind skeptisch gegenüber dem ,großen Bruder Tschechien'", sagt er. Für Ungarn gelte das doppelt.

Junge Slowaken gut ausgebildet und polyglott

In den jüngeren Generationen löse sich das langsam auf. Junge Slowaken sind mehrheitlich gut ausgebildet und polyglott. Dennoch: "Wenn die Partyzeit vorbei ist, gehen viele wieder bewusster mit ihrer Sprache um." So herrsche auf der Homepage des Kulturvereins reges Interesse an Sprachkursen.

Auch am Slawistik-Institut der Universität Wien gilt Slowakisch mit derzeit rund 200 Studierenden, Tendenz steigend, als "aufstrebende Sprache". (Petra Stuiber, DER STANDARD, 10.8.2012)

GLOSSAR: Rakúsko hovorí po slovensky

Nach Schätzungen des österreichisch-slowakischen Kulturvereins sprechen rund 4000 Österreicher Slowakisch als Mutter- und/oder Umgangssprache. Dazu kommen zirka 30.000 Slowaken, die in Österreich leben und arbeiten.

Das Slowakische ist dem Tschechischen nicht unverwandt - und so lässt sich oft trefflich streiten, ob ein Wort nun im Slowakischen oder im Tschechischen seinen Ursprung hat. Abseits einer wissenschaftlichen Klärung dieser heiklen Frage lässt sich jedenfalls feststellen: Die Liwanzen (lievance) und Haluschka (haluska) machten auch in der Slowakei halt, genauso wie der Kren (chren) und die Golatsche (kolác). Niemand wagt es aber, den Slowaken den Liptauer (Liptovský syr) streitig zu machen.

Wer beim Naschiwaschi ("meine Tante, deine Tante", Umschreibung für das verbotene Glücksspiel Stoß) verliert, wird vielleicht mit einem herzhaften slowakischen Fluch reagieren: Tschert! (Teufel, slk. cert).

Links:

www.slovaci.at

www.kulturklub.at

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