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vergrößern 800x550Ermöglicht eine Versenkung in die Details der Partikelanordnung: Hubert Scheibls Ölbild "Minds and Mushrooms" (2008).
Das Museum der bildenden Künste in Leipzig ist schon seiner Architektur wegen einen Besuch wert: Ein monumentaler Ausstellungsquader auf dem Sachsenplatz unweit des Hauptbahnhofs, zeigt das Gebäude mit seiner geometrisierten, künstlich anmutenden Außenhaut und den repräsentativen, "natürlichen" Materialien und Proportionen im Inneren eine charakteristische Verbindung zwischen den Kunstansprüchen der bürgerlichen Epoche und den Funktionalismen der Moderne, vor denen sich dieser Bau nicht neoklassizistisch drückt wie so manche Wiedererrichtung in der ehemaligen DDR.
In diesem Sommer bringen die aktuellen Ausstellungen eine Verschärfung dieser Widersprüche mit sich: Der österreichische Maler Hubert Scheibl bestreitet mit Plants and Murders die Kabinettsausstellung, die sich im Treppenhaus schon mit einem großformatigen Bild Das ist eine sehr schöne Zeichnung, Dave ankündigt. Die planetarische Landschaft, die man hier ausnehmen könnte, steht in einem pointierten Kontrast zu dem großen, restaurierten Wandgemälde Christus im Olymp von Max Klinger, an dem man danach vorbeimuss.
Die von einem Science-Fiction-Klassiker wie 2001 - Odyssee im Weltraum inspirierte nachmenschliche Welt, die Scheibl heraufbeschwört, führt den Mythos auf seine Wurzeln zurück - auf eine erste Unterscheidung zwischen Sinn und Tohuwabohu, auf eine Semantik, die dem Anorganischen abgerungen werden muss. Die metallische Anmutung des ebenfalls großformatigen Nicotin on Silverscreen, das Scheibl direkt gegenüber der großen Klinger-Szene gehängt hat, weist dann schon auf den nächsten Bearbeitungsschritt: auf eine lebendige Abstraktion, die im (beinahe) Monochromen eine Mystik zweiter oder dritter Ordnung möglich macht, eine Versenkung in die Details der malerischen Partikelanordnung, die zugleich kosmische Weite enthält.
Odyssee im Weltraum
Scheibl deutet mehrfach an, dass Dave Bowman einer seiner Helden ist. Das ist der Astronaut bei Kubrick, der am Ende einfach durch das Weltall stürzt. In der Ausstellung Plants and Murders wird diese Spur ganz konkret, denn die eigentliche Schau hat mit drei Räumen tatsächlich Kabinettsdimension, und man kann sich an den Raum erinnert fühlen, in dem 2001 nach langer Sternenfahrt endet: eine Zelle im Inneren des Zeitpfeils.
Die Bilder von Scheibl treten hier in einen Dialog mit Pflanzenmodellen von Robert Brendel und seinem Sohn Reinhold, die im 19. Jahrhundert in Breslau und Berlin eine botanisierende Skulpturenpraktik entwickelt hatten, die heute nicht von ungefähr im Kunstkontext rezipiert wird. Für Scheibls großformatige und mehr noch für die kleiner dimensionierten Arbeiten einer vieldeutigen Kunstnatur sind die Brendel-Modelle ideale Partner: Sie stehen für einen wissenschaftlichen Blick, der unvermutet ins Ästhetische gerät.
Die Bilder von Scheibl stehen dazu in einem Spannungsverhältnis, das man durchaus als große Allegorie auf das Prinzip der Evolution selbst sehen kann. Aus der Ursuppe, aus dem noch nicht Differenzierten, entstehen in unendlichen Vermittlungsschritten jene Verbindungen aus Zweckmäßigkeit und schönem Zufall, die für die Brendels zum Gegenstand einer vorgeschützten Ordnung des Überblicks wurden. Hundert Jahre später lässt ein Maler wie Hubert Scheibl diese Ordnung wieder zerfallen, in Bildern, die eine Sogkraft zu entwickeln scheinen, sodass man meinen könnte, die Objekte könnten irgendwann darin verschwinden.
Dem steht entgegen, dass die Ausstellung noch eineinhalb Monate läuft - wer im Spätsommer nach Leipzig kommt, sollte die Gelegenheit zu einem Besuch im Museum der bildenden Künste nicht versäumen. (Bert Rebhandl aus Leipzig, DER STANDARD, 10.8.2012)
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