Falscher Prophet durch Funkenschlag

So tickt der russische Sektenführer, der mit seinen Anhängern in Höhlen lebt

Manche suchen die Erleuchtung unter dem Feigenbaum, andere auf dem Jakobsweg. Fais rachman Sattarow musste nur mit dem Ober leitungsbus fahren. Ein Funken aus der Ober leitung löste 1964 bei dem damaligen Theologiestudenten eine Vision von Allah aus.

Diese Erscheinung bestimmte den weiteren Weg des 1929 in Ufa, der Hauptstadt der Republik Baschkortostan, Geborenen. Sattarow legte zu Zeiten der Sowjetunion eine steile Karriere im offiziellen Islam hin. Nach dem Studium in der Miri-Arab-Madrasa von Buchara in Usbekistan und am Islamischen Institut von Taschkent wurde Sattarow Chefprediger in einigen der größten sowjetischen Städte, unter anderem in Leningrad.

Anfang der 80er-Jahre kam es jedoch zu einem Zerwürfnis zwischen dem Geistlichen und den offiziellen religiösen Strukturen. Grund dafür sei der Auftrag des damaligen Geheimdienstes KGB gewesen, in islamische Länder zu reisen und von der Religionsfreiheit in der eigentlich offiziell atheis tischen Sowjetunion zu erzählen. "So wurde ich ein Diener Satans, ein Verräter", sagte Sattarow in einem Interview mit der Komsomolskaja Prawda. Als er dies erkannte, habe er Buße getan und zu predigen begonnen.

Die Botschaft des Predigers ist einfach: Man soll strikt nach den Prinzipien des Korans leben. Die Lehre Sattarows, der seine Offenbarungen nach eigener Darstellung im Traum erhält, stellt eine seltsame Mischung aus Salafismus, Sufismus und Heidentum dar.

Um seine Lehren, die von traditionellen Muslimen stets abgelehnt wurden, verbreiten zu können, baute Sattarow im Dorf Torfjanoj bei Kasan illegal eine Moschee und eine Schule.

Mit den Jahren wird der Prediger, an den die "Faisrachmanisten" Zahlungen leisten müssen, immer radikaler. Vor mehr als zehn Jahren begeben sich die Sektenmitglieder in den Untergrund, um vor einem drohenden Weltuntergang - und Schuldeneintreibern - geschützt zu sein. Entdeckt wurde ihr Höhlensystem nun nur durch Zufall. Im Juli wurde Waliulla Jakupow, Kritiker Sattarows und tatarischer Vizemufti, in seinem Haus erschossen. Bei einer Hausdurchsuchung fanden die Milizionäre zwar keine Waffen, aber dafür die unterirdischen Gänge.

Laut russischen Medien ist der 83-jährige Sattarow bei schlechter Gesundheit. Er sei bettlägerig und verwirrt. Aus Rache wollen die Faisrachmanisten nun die Welt untergehen lassen.  (Verena Diethelm, DER STANDARD, 10.8.2012)

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