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  • Grundrisserfahrungen des postsozialistischen Lebens in Zagreb: Claudia Bosse bearbeitet die körperliche Dimension des Politischen.
    foto: bosse

    Grundrisserfahrungen des postsozialistischen Lebens in Zagreb: Claudia Bosse bearbeitet die körperliche Dimension des Politischen.

In Zagreb tauschte Regisseurin Claudia Bosse (Theatercombinat) Menschen gegen Kunstwerke aus. In Wien untersucht sie nun die politische Dimension des Körpers

Wien - Museumsstücke sind mehr tot als lebendig. Sie sind konserviert und katalogisiert, sie entwickeln sich nicht mehr. Wie schnell sich diese Starre wieder aufbrechen lässt, zeigte das Theatercombinat-Projekt Biographical Landscapes of New Zagreb, für das Claudia Bosse Ende Juni Werke aus dem Museum für zeitgenössische Kunst MSU in insgesamt sechs Privatwohnungen in Novi Zagreb versetzte. Ivan Piceljs Remember: Remember Malevitch (1986), eine durchnummerierte Reihe abstrakter Kleinformate, hängt normalerweise in immer gleicher Reihenfolge. Im Wohnzimmer von Jadranka und Ivan Alic wurden die Bilder aber umgruppiert - Jadranka, der Frau des Hauses, gefällt es so besser.

Die vor den Toren Zagrebs befindliche Trabantenstadt Novi Zagreb ist geprägt durch Wohnblöcke in realsozialistischer Architektur, ein steingewordenes Denkmal des untergegangenen Sozialismus. Hier wurde 2010 das neue Gebäude des MSU mit üppigen 14.500 Quadratmetern Gesamtfläche eröffnet. Hier leben aber auch 125.000 Menschen in teils monströsen Hochhäusern.

Während diese privaten Räume zum Museum wurden, versetzte Bosse Körper und Alltagsleben ihrer Bewohner als Teil einer Installation in das MSU. Ausgangsmaterial war Teil zwei der Politischen Hybride, Dominant Powers. Was also tun?, der 2011 in Wien gezeigt worden war. Vor dem Hintergrund des Arabischen Frühlings verarbeitete Bosse darin unter anderem Gespräche mit Ägyptern über Demokratie.

In Zagreb sprachen nun Menschen, welche in einem ehemals sozialistischen Land die Einführung der Demokratie erlebt hatten, über Politik und Staatsformen. Neben diesen les- und (kroatisch) hörbaren Gesprächsprotokollen waren jedoch in erster Linie die Bewohner Novi Zagrebs selbst Gegenstand der Installation. Mit auf den Boden übertragenen Grundrissen versetzten sie ihre Wohnungen in die weitläufigen Ausstellungsräume des MSU, bewegten sich darin, reproduzierten pantomimisch ihren gewöhnlichen Tagesablauf: aufstehen, Zähne putzen, Schuhe anziehen, mit dem Hund Gassi gehen.

Was aus der ungekünstelten Anwesenheit dieser Menschen entsteht, ist so berührend wie simpel: Hinter den Theorien über Ex-Jugoslawien tauchen Menschen auf. Menschen, in welche sich diese Systeme eingeschrieben haben, die diese Einschreibungen wieder in die Welt hinaustragen. Doch zuletzt schlicht Individuen mit Erfahrungen, Wünschen und Hoffnungen. Eindrucksvoll die Szene gegen Ende der Performance: Die Darsteller stehen oberhalb der Treppe im zweigeschoßigen Ausstellungsraum und rufen " ja!" hinunter, das kroatische Wort für "ich": Ich sagen, eine Meinung haben, dafür einstehen. "Es bedarf einer Haltung", sagt Claudia Bosse und meint damit: Wie man sich zu etwas verhält, das hat eine räumliche Dimension, spielt sich am und im Körper ab. Mehr noch: So, wie das körperliche Verhalten eine Entstehungsgeschichte hat, so hat auch das soziale, politische Verhalten eine Geschichte. Und das Potenzial, verändert zu werden, selbst zu ändern.

Der Körper in Demokratien, das ist Bosses Thema. In ihrem Impulstanz-Venture Your Energetic Democratic Body erforscht sie den politischen Körper als Vorbereitung für Teil drei der Hybride: Designed Desires. Die Ergebnisse des Workshops sind heute in der ehemaligen Zollamtskantine zu sehen.  (Andrea Heinz, DER STANDARD, 10.8.2012)

Kasino am Schwarzenbergplatz, 10. 8., 19.30, 11. 8., 19.00

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