Mit dem alten Paulus zum jungen Gold

  • Ashton Eaton, der Diskuswerfer. Eaton kann auch laufen, hoch und weit springen, und also lag der 24-jährige Weltrekordler aus den USA nach acht Bewerben des Zehnkampfs klar auf Goldkurs.
    foto: reuters

    Ashton Eaton, der Diskuswerfer. Eaton kann auch laufen, hoch und weit springen, und also lag der 24-jährige Weltrekordler aus den USA nach acht Bewerben des Zehnkampfs klar auf Goldkurs.

  • Die Eleganteste war auch die Schnellste. Nach zwei bitteren Silbernen in
 Athen 2004 und Peking 2008 lief Allyson Felix in London über die 200 
Meter zum Olympiasieg. Und zum ersten Sprintergold für die USA seit den 
Heimspielen in Atlanta 1996.
    foto: ap

    Die Eleganteste war auch die Schnellste. Nach zwei bitteren Silbernen in Athen 2004 und Peking 2008 lief Allyson Felix in London über die 200 Meter zum Olympiasieg. Und zum ersten Sprintergold für die USA seit den Heimspielen in Atlanta 1996.

Die US-Amerikanerin Allyson Felix beendete über die 200 Meter die seit dem vorigen Jahrhundert andauernde Durststrecke des Yankee-Sprints. Der biblische Briefschreiber half dabei

London - Der Mittwochabend war auf den Londoner Tracks and Fields ein unbestritten US-amerikanischer. Drei Goldene, das ist selbst dann nicht ohne, wenn man bedenkt, dass es eine der Domänen der Yankees ist, ganz schnell über kurze Strecken zu laufen.

Am Mittwoch holte die 26-jährige Allyson Felix über 200 Meter, über die sie immerhin schon dreimal Weltmeisterin gewesen ist, ihr erstes olympisches Einzel-Gold. Der 27-jährige Aries Merritt dominierte die 110 Meter Hürden und 25-jährige Brittney Reese vergoldete sich im Weitsprung der Damen mit 7,12 Metern.

Jammertal

In der US-amerikanischen Paradedisziplin, dem Sprint, lief es zuletzt ja eher langsamer. Allyson Felix rannte in 21,88 aus einem seit immerhin 1996 währenden Jammertal. Damals, daheim in Atlanta, gewann Gail Devers die 100 Meter. Danach hatte sich die stolze Sprinter-Nation über 100 und 200 Meter stets geschlagen geben müssen.

Was wunders also, dass die Londoner Goldene zu recht bildhaften Vergleichen - geradezu Gleichnissen - griff. "Der Olympiasieg ist mein Baby."

In Athen (2004) und Peking (2008) holte Felix - die Glückliche, das bedeutet der Name - jeweils Silber, und das jeweils hinter der Jamaikanerin Veronica Campbell-Brown, die diesmal in 22,38 das blöde Blech holte. Auch Landsfrau Shelly-Ann Fraser- Pryce, die Goldene aus 100 Metern, musste diesmal Felix hinterherschauen.

Overjoyed

"Lange hat es gedauert", sagte die Siegerin, die alle durch ihre läuferische Eleganz beeindruckt. Jetzt aber, da sie sich die Stars und die Stripes um die schmalen Schultern geschlungen hat, jetzt ist sie - und das lässt sich nur im Original angemessen hinschreiben - "overjoyed" .

1,68 Meter ist sie groß, 58 Kilo schwer, "Hendlhaxerl" haben sie in der Schule zu ihr gesagt. Aber solche Haxerln sind, trotz göttlicher Begnadung, teuflisch schnell, sonst hätten sie die Pastorentochter, die der Mutter nachfolgen und Lehrerin werden will, nicht zu solchen Erfolgen getragen.

Der Herr Papa klingt jedenfalls in der Interpretation des teuflischen Speeds durch: "Meine Geschwindigkeit ist ein Geschenk des Herrn, und ich laufe, um ihn zu ehren. Alles, was ich mache, erlaubt er mir zu tun."

Kurz vorm Start griff sie sich "das Buch" und las nach bei - so berichtete sie einer darob doch eher erstaunten bis beinahe ungläubigen Journalistenschar - Paulus, und zwar im Brief an die Philipper, in dem sehr viel Ermahnendes zu lesen ist. Nicht nur, aber dummerweiser auch solches, das hierzulande aktuell gerade die Eiferer in ihrer Selbstgerechtigkeit befeuert: "Gebt acht auf die Hunde! Gebt acht auf die Pfuscher! Gebt acht auch auf die Männer der Zerschneidung! Denn die Beschneidung sind wir, die wir ... unser Vertrauen nicht auf das Fleisch setzen."

Warum aber die schnelle Olympiasiegerin gerade den alten Paulus so gerne liest, der so viel hat verderben können bei den Kirchenmännern, war nicht herauszufinden. Schnell jedenfalls hat der Konvertit und Frauenverächter die Pastorentochter ganz ohne Zweifel gemacht. (wei, DER STANDARD, 10.8.2012)

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